BA-Kunstforum: Mit der Kamera malen, träumen

Eine wunderschöne Ausstellung stellt erstmals derart umfangreich in Wien das so persönliche wie malerische fotografische Werk von US-Künstler James Welling vor.

Philip Johnsons Glashaus, eine US-Architektur-Ikone, fotografierte Welling 2006–2014 mit Farbfiltern.
Philip Johnsons Glashaus, eine US-Architektur-Ikone, fotografierte Welling 2006–2014 mit Farbfiltern.
Philip Johnsons Glashaus, eine US-Architektur-Ikone, fotografierte Welling 2006–2014 mit Farbfiltern. – (c) Welling

Wer ist James Welling? Es ist ziemlich mutig, diesen Namen auf die Fahnen einer populären Kunsthalle zu schreiben, wie sie das BA-Kunstforum eine ist. Interessiert sich Wien (wie auch die anderen paar Städte dieser Welt) doch außer für sich selbst höchstens noch für die wirklichen Big Names des internationalen Kunstbetriebs. Welling ist jedenfalls keiner mit Rufzeichen hinten dran. Sondern ein sogenannter Artists-Artist, also ein Künstler, der unter seinesgleichen ein großer Name ist. Was meist recht trockene Konzeptkunst bedeutet, schwierig also. Bei Welling (der übrigens sehr früh schon von der Wiener Galeristin Rosemarie Schwarzwälder gefördert wurde) ist das nicht unbedingt so, man kommt aus dem Staunen nicht heraus, steht man inmitten eines Werks voll Emotion, reich an Abwechslung, opulenter Farbigkeit sowie kunsthistorischen wie autobiografischen Bezügen – schaut aus wie eine Künstlerinnen-Gruppenausstellung. Konzeptkunst für Frauen. Und das ist als Kompliment gemeint.

Wer also ist Mr. Welling? 1951 im landschaftlich so geküssten New England geboren, dieser Region nordöstlich von New York, blickte er von seinem Kinderzimmer aus auf einen der schönsten Bäume, die man sich vorstellen kann, eine uralte Buche von krakenhaften Ausmaßen – er hatte augenscheinlich keine andere Chance, als Künstler zu werden. Dieser Baum durchästelt sozusagen das Werk Wellings, beginnend mit Aquarellen des 17-Jährigen, der erst auszog, um Maler zu werden. Als solcher traf er dann auf den modernen Tanz, den er ein Jahr lang ebenfalls studierte. Das künstlerische Vorhaben begann also, komplexer zu werden. Es folgte ein strenges Konzeptkunst-Studium am berühmten Cal Arts, der kalifornischen Kunstschule, wo Welling bei John Baldessari in die Schule der Postmoderne ging, ironische Distanz, Skeptizismus etc. In New York erst, wohin er 1978 zog, landete er endgültig bei dem Medium, das ihn am ehesten zu fesseln schien, der Fotografie.

 

Malerei, fotografisch nachgespürt

Mit dieser geht er allerdings so unorthodox wie möglich um, nämlich digital, analog, mit und ohne Filter, mit und ohne Photoshop-Nachbearbeitung, in den unterschiedlichsten Formaten noch dazu, abstrakt, realistisch, schwarzweiß, in Farbe – von der Themenbreite gar nicht zu reden. Nur das Persönliche, die Bäume, ziehen sich durch. In Wellings aktuellster Serie etwa, traumartige fotografische Montagen von Tänzern, die er mit Landschaften und Baumkronen durch verschiedene Farbspektren verfremdet zu Naturerscheinungen verschmilzt. Die Betonung des Malerischen in der konzeptuellen Fotografie, die auch Kuratorin Heike Eipeldauer in der gemeinsam mit dem Stedelijk Museum konzipierten Ausstellung betont, macht Wellings Kunst so zugänglich für uns. Genau wie die autobiografischen Geschichten, die er rund um seine Serien erzählen lässt – er selbst gibt in den Begleit-Texten, die seinem Projekt-Buch entnommen sind, nur spröde Informationen zu Drucktechniken und Machart. Ein Spiel mit der Emotion des Betrachters – und mit amerikanischer Malereigeschichte (Rothko, Andrew Wyeth!) – das in der vorherrschenden 70er/80er-Jahre-Appropriation-Foto-Kunst doch eher verpönt war.

Hier ist dieses Schöpfen aus Künstler-Leben und Kunstgeschichte manchmal bis zur Unerträglichkeit ausgereizt, zur Kenntlichkeit entstellt sozusagen: Etwa bei dem sehr retro aussehenden Film einer Meeresbrandung, der die Ausstellung beschließt. Der Film wurde in den 1930er Jahren von Wellings Großvater aufgenommen, einem impressionistischen Sonntagsmaler, wie Eipeldauer erzählt. Er diente als filmische Skizze für ein Meeresbrandungsbild, das später über dem Kamin von Wellings Eltern hing. Welling hat diesen Schwarzweiß-Film jetzt nach den Farben des großväterlichen Schinkens koloriert, sein Bruder hat ihn mit Akkordeon-Klängen hinterlegt – und man kann gar nicht anders als ergriffen sein. Auch wenn man ahnt, dass dieses Sentiment einem dadurch auch irgendwie vorgeführt werden soll.

 

Kunstgeschichte, persönlich umarmt

Ähnlich eine kleine Schwarzweiß-Foto-Serie, die Seiten aus dem Tagebuch der Hochzeitsreise der Ururgroßmutter zeigt, die sie 1840/41 nach Europa führte, wo sie fleißig Blätter und Blüten sammelte und zwischen den Tagebuchseiten presste. Im selben Jahr, als der Engländer Talbot sich das fotografische Negativ-Verfahren patentieren ließ. Diese manchmal nahezu freche Vereinnahmung der Fotografiegeschichte (oder auch Malereigeschichte, wenn Welling etwa Mark-Rothko-Mediationsbilder fotografisch in der Dunkelkammer nachbaut) durch das Persönliche ist es, was Wellings Kunst so unverwechselbar macht. Er gliedert die Konzeptkunst mit fotografischen Mitteln in seinen eigenen Stammbaum ein sozusagen. In die Buche. Am Ende sehen wir sie wieder, groß und krakenhaft, fotografiert über 15 Monate hindurch.

James Welling, 5. Mai bis 16. Juli, Bank Austria Kunstforum, Freyung 8, Wien 1, tägl. 10–19h, Fr. 10–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2017)

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