Calle Libre: „Die Stadt ist ein offener Organismus“

Aktive Mitgestaltung des öffentlichen Raums und Urban Art im Kontext von Museen und Galerien: Im August startet das vierte Calle Libre Festival in Wien. Text: Porträt:

Im Andreaspark. Schützeneder und Kattner vor einem ihrer Festivalwerke.
Im Andreaspark. Schützeneder und Kattner vor einem ihrer Festivalwerke.
Im Andreaspark. Schützeneder und Kattner vor einem ihrer Festivalwerke. – (c) Christine Pichler

Wir möchten Urban Art aus dem Kontext des Vandalismus heben und zeigen, dass es eine ernst zu nehmende zeitgenössische Kunstströmung ist“, sagt Jakob Kattner über den Anspruch, den er und seine Partnerin Laura Schützeneder bei ihrem Calle Libre Festival in Wien verfolgen. Voriges Jahr stellte Kattner seine Dissertation über „Urbane Kunst in Lateinamerika“ fertig. 2014, während er diese Arbeit an der Akademie der bildenden Künste Wien und der Kunstuniversität Linz noch schrieb, bekam er im Rahmen seiner Beschäftigung mit dem Thema die Möglichkeit, Künstler aus Lateinamerika nach Wien einzuladen und ihnen Wände und einen Ausstellungsraum zur Verfügung zu stellen. Schützeneder unterstützte ihn dabei: „Dann ist plötzlich ein Festival daraus geworden, und es lief so gut, dass wir gesagt haben, wir machen es noch einmal“, erinnert sie sich. Bei nur einem weiteren Mal blieb es nicht: Dieses Jahr ermöglicht Calle Libre – also „freie Straße“ auf Deutsch, was nicht nur der Festivaltitel ist, sondern auch der von ihnen gegründete dahinterstehende Verein – nun zum vierten Mal Live-Paintings im öffentlichen Raum, eine Ausstellung im Museumsquartier und ein Rahmenprogramm, das sich mit urbaner Kunst und aktiver Stadtbenutzung beschäftigt.

Keine Grenzziehungen. „Wir wollen den öffentlichen Raum beleben. Dabei ist uns Partizipation wichtig, weil wir glauben, dass die Stadt ein offener Organismus ist, der uns allen gehört, den wir aktiv mitgestalten können und sollen“, erklärt Kattner, warum sie die Flächen der Stadt nicht Stadtplanern und Werbetreibern überlassen wollen, sondern österreichische und internationale Künstler dazu einladen, diese ebenfalls zu gestalten. Kunst aus Lateinamerika ist nach wie vor ein wichtiger Teil, doch haben sie den Fokus erweitert: Diesen August malt neben Boicut aus Österreich zum Beispiel Dourone aus Frankreich; und auch zwei Frauen: „Innerhalb der Szene malen mehr Männer, daher freue ich mich, dass sie dabei sind“, so Kattner. Die Wände, an denen Gemälde entstehen werden, verteilen sich vom fünften bis zum achten Bezirk, auch in Penzing und Ottakring sind zwei Plätze.

Im sechsten und siebenten Bezirk, wo besonders viel Street-Art entdeckt werden kann, bieten die beiden eine geführte Tour an: „Da gehen wir zu Wänden, die wir schon gestaltet haben, und zu Live-Paintings, damit die Besucher sehen, wie die Künstler arbeiten“, so Schützeneder. „Man merkt dann erst, wie so ein Werk eigentlich zustande kommt.“ Graffiti-Künstler arbeiten oft im Verborgenen; bei diesen Wänden gehen die Beteiligten deutlich sichtbar mit Hebebühnen zu Werk, die Flächen werden etwa von der Bezirkspolitik oder Hausbesitzern zur Verfügung gestellt. Hintergrundinformationen vor Ort oder Workshops im Mumok sollen anregen, sich mit Personen aus der Szene auszutauschen. „Wir wollen eine breite Masse ansprechen“, ergänzt Schützeneder und meint damit nicht nur die Besucher. Auch sollen bei der Kunstströmung, die sie zeigen, Grenzziehungen zwischen Sparten und Ausstellungsorten längst obsolet sein: „Wir möchten nicht in Schubladen denken. Wir haben Street-Art und Graffiti, Performances, ein Filmscreening. Wir nennen es ,urbane Ästhetik‘ als Sammelbegriff“, meint Kattner. Diese müsse man nicht nur im öffentlichen Raum suchen: „Wir zeigen auch Wechselwirkungen, nämlich, dass diese Künstler nicht nur auf der Straße malen, sondern genauso andere Ausdrucksformen benutzen, wie etwa Installationen oder Leinwände.“ Die Künstler, die Hauswände gestalten, wandern bei der Festival-Ausstellung auch in etablierte Räume der Kunst. „Ich denke, dass sich prinzipiell immer Qualität durchsetzt – ob das Street-Art, bildende Kunst oder Bildhauerei ist. Es gibt international genug Künstler wie Banksy, der nur einer der bekanntesten ist, die auch in Museen und Galerien hängen. Eines unserer zukünftigen Ziele ist, dass man urbane Kunst auch hier mehr im Kunstkontext zeigt“, sagt Kattner.

Bei der Eröffnung im Museumsquartier sollen nicht nur Publikum und Künstler zum Austausch aufeinandertreffen, sondern urbane Kunst auf ein Gemälde aus dem Kunsthistorischen Museum: „Eine Replik der Infantin von Velázquez wird neu interpretiert“, verrät Kattner. Das Aufeinandertreffen ergibt sich in dieser Kunstszene in Wien fast zwangsläufig. Denn sie ist „überschaubar, aber sie mausert sich. Es gibt mittlerweile viele Institutionen und Galerien, die versuchen, an einem Strang zu ziehen“, so Schützeneder. Etwa hundert Künstler seien aktiv, schätzt Kattner, doch sicher ist er nicht, denn sie kommen und gehen – genau wie ihre Werke: „Ein großes Merkmal der urbanen Kunst ist ja ihre Vergänglichkeit. Sobald das Werk im öffentlichen Raum ist, muss man also loslassen, man kann nicht mehr beeinflussen, was passiert.“ Manches wird übermalt, anderes bleibt bestehen: „Wenn man dann durch die Straßen geht und eines der Werke wieder sieht, weiß man, warum man das macht.“

Tipp

Calle Libre. Festival für urbane Ästhetik, 9. bis 13. 8. in Wien: Live-Paintings im öffentlichen Raum; Eröffnung, Ausstellung, Workshops, Filmscreening im MQ. www.callelibre.at

(c) Murals Vienna/ Thomas Grötschnig

Entdeckungstouren

Führer. „Man hört oft, dass man für Street-Art nach Berlin oder London fahren muss, aber Wien hat auch eine sehr dynamische Szene“, so Thomas Grötschnig, Begründer der Street-Art-
Initiative „Vienna Murals“. Das Projekt will mit einer Website bzw. auf Facebook und Instagram Zugang zu Arbeiten und so Aufmerksamkeit für in Wien agierende Künstler schaffen. Neue Werke werden mit Fotos und auch Videos dokumentiert, und es wird erklärt, welche Künstler, Kuratoren und Initiativen dahinterstehen: Auch Calle Libre wird erfasst (s. o.). „Weil Street-Art vergänglich ist, ist Dokumentation extrem wichtig“, sagt Grötschnig. Noch im Sommer veröffentlicht „Vienna Murals“ auch einen gedruckten „Street Art Guide“ mit Fotos von ausgewählten Wandgemälden plus Straßenkarten. Crowdfunding-
Kampagne und Informationen dazu:
www.viennamurals.at

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