Schau in den Spiegel, was siehst du da alles?

Das Ernsteste ist die eigene Biografie: Das Kunsthaus Wien zeigt eine Ausstellung der finnischen Fotografin Elina Brotherus.

Locations mit Patina. Wien-Impressionen von Elina Brotherus: „Hundertwasserhaus mit Hund“.
Locations mit Patina. Wien-Impressionen von Elina Brotherus: „Hundertwasserhaus mit Hund“.
Locations mit Patina. Wien-Impressionen von Elina Brotherus: „Hundertwasserhaus mit Hund“. – (c) Elina Brotherus, courtesy: gbagency Paris

Die Fotografie ist einer der großen kulturellen Exportschlager Finnlands. Es gibt jede Menge Fotofestivals und sogar ein eigenes Ranking: „Sata suomalaista valokuvaajaa“ – „100 Finnish Photographers“. Diesen Stellenwert verdankt das Medium der Helsinki School, die in den 1980er-Jahren unter der Federführung einer neuen Generation von Lehrenden den Turnaround vom Fotojournalismus zur künstlerischen Fotografie vollzog. Einer der Big Names ist Elina Brotherus. Zwar liegt sie im Ranking der 100 Finnish Photographers „nur“ auf Rang 99. Was den internationalen Stellenwert betrifft, ist die 45-Jährige allerdings präsenter als viele ihrer etablierten älteren Kollegen. Nicht abträglich ist dabei, dass zur Beschreibung ihrer Kunst gern der Vergleich mit Cindy Sherman bemüht wird. Gelten lassen kann man diesen Vergleich zumindest insofern, als die Finnin wie die berühmte New Yorker Kollegin meist selbst vor der Kamera posiert und dafür der Selbstauslöser wichtigstes Accessoire ist.

Doch die Fotografie von Elina Brotherus ist weit weniger inszeniert als die von Cindy Sherman. Dafür härter, ungeschminkter, näher an der Realität. Klarheit in Farbe, Komposition und Aussage ist eines ihrer großen Merkmale. Lange Zeit hat sich Bro­therus an ihrer eigenen Biografie abgearbeitet, an Zweifeln, Ängsten, Krisen, Einsamkeit, am Ich, an Beziehungen. Fast immer posierte sie dafür allein im Bild. Stand sich selbst Model und dem Betrachter gegenüber. Als wäre die Fotografie ein anderer Raum, der durch eine Glaswand abgetrennt ist, konfrontiert sie darin den Betrachter mit sich als Gegenüber. Bald blickt sie ihn von ihrem Vis-à-vis-Posten aus direkt an, bald ist ihr Blick umgelenkt, über Spiegel etwa, Fenster, Wasseroberflächen. Einmal steht sie als junge Frau da, mit kurzen Haaren, ernstem Blick, gekleidet in einen blaugrauen Mantel, mit einem Koffer neben sich. Das andere Mal liegt sie, mit einem Pullover angezogen, im Bett, das Gesicht aus dem Bild zur Wand gedreht. Ein drittes Mal steht sie als nackte Figur einsam im Zentrum des Bildes, eine einsame Rückenansicht in einer Nebellandschaft.

Aktmodell. Über die Präzision in Aufbau und künstlerischer Komposition begann Elina Brotherus, sich an den Dialog mit der Kunstgeschichte heranzutasten. „Als junge Künstlerin arbeitete ich autobiografisch“, sagt sie und resümiert: „Als ich das Gefühl hatte, ich hätte alles gesagt, begann ich mit der Serie ,The New Painting‘. Das war meine persönliche Forschungsreise in die Geschichte der westlichen Kunst, vor allem der Malerei; denn ich hatte das Gefühl, dass ich an der Kunstschule nicht genug über Kunstgeschichte erfahren hatte.“ Elina Brotherus ging in Museen und machte die Kunst, die sie dort sah, zu ihrer Ressource. In inszenierten Fotografien, für die sie mit Verkleidung, Pose, Landschaft und Per­spek­tive arbeitete, erwies sie Claude Lorrain, Caspar David Friedrich und wie sie alle heißen die Reverenz.

„One Minute Sculpture Broom“. Elina Brotherus bezieht sich auf Erwin Wurms Markenzeichen.
„One Minute Sculpture Broom“. Elina Brotherus bezieht sich auf Erwin Wurms Markenzeichen.
„One Minute Sculpture Broom“. Elina Brotherus bezieht sich auf Erwin Wurms Markenzeichen. – (c) Elina Brotherus, courtesy: gbagency Paris

An die Stelle der Beschäftigung mit dem Ich als Vis-à-vis des Betrachters schiebt sich bald auch die Frage nach der Beziehung zwischen Künstler und Modell. Die Werkgruppe „Artists at Work“ (2009) etwa entsteht in einem realen Künstleratelier und zeigt die Künstlerin, wie sie als Aktmodell für Studiomaler posiert. In „The Artist and Her Model“ (2005–2010) werden Pose, Porträt und Selbstporträt zu zentralen Kategorien. „Wie schaut der Künstler auf das Modell? Wie ist sein Blick? Wie wurde die menschliche Figur in der Kunst dargestellt und wie kann ich das heute in der Fotografie umsetzen?“  

Was sich im Rückblick wie eine lineare Logik darstellt, ist allerdings Ausdruck eines künstlerischen Instinkts. Andere Standpunkte bringen anderes Licht mit sich. „Meine künstlerische Strategie“, sagt Elina Brotherus, „war immer, die Bilder geschehen zu lassen, die geschehen müssen. Ich pushe nichts, aber ich bin offen für alles, was in meiner Kunst gemacht werden muss.“ Um 2011 greift sie das frühere Thema der Autobiografie gleich in drei Werkgruppen noch einmal auf. Für „12 Years After“ kehrt sie an den Ort ihrer ersten Artist-in-Residency in Frankreich zurück und lässt mittels Reinszenierungen von früheren Fotografien Erinnerungen Revue passieren. „Ich wollte im selben Zimmer schlafen wie damals, dieselbe Landschaft anschauen und als Künstlerin in der Mitte der Karriere, aber auch Frau in der Mitte ihres Lebens darüber nachdenken, was in meinem Leben geschehen ist und was nicht. Es war eine Art Abschied von Träumen, die niemals in Erfüllung gehen würden.“

Einer dieser großen Träume war ein Kinderwunsch, der unerfüllt blieb. Der Zyklus „Annonciation“ (2009–2013) erzählt in ebenso persönlichen wie beklemmenden Bildern davon. Mit „Carpe Fucking Diem“ (2011–2015) gibt sie selbst eine ironische Antwort darauf, die zugleich einen vorläufigen Abschluss des immer auch persönlichen Reflektierens darstellt. Brotherus: „Es ist auch ein Versuch, einem Leben Sinn zu geben, das nicht so geworden ist wie gedacht.“

„Ich habe einen Schnitt gemacht“, sagt Elina Brotherus. „Meine neuen Arbeiten sind nicht mehr autobiografisch, sondern beziehen sich klar auf die jüngere Kunstgeschichte.“ Den Anfang macht dabei die Kunst der 1950er- und 1960er-Jahre, die mit allen Regeln und Disziplinen bricht. Nicht mehr die Malerei, ihre Geschichte und Fragen geben die Inhalte vor. Brotherus begibt sich vielmehr auf eine Suche nach den Spuren der Kunst. Im Herbst 2017 zeigte sie im Pariser Centre Pompidou „Regles de jeu“: choreografische Inszenierungen nach Anleitungen, Partituren und Handlungsanweisungen von Fluxuskünstlern. „Indem ich Handlungsanweisungen, die diese Künstler für Performances geschrieben haben, reinterpretiere, verhalte ich mich wie eine Performancekünstlerin oder Model, das die Anweisungen dieser älteren Kollegen umsetzt.“ Für ihre Wiener One-Woman-Show hat Elina Brotherus die neueste österreichische Kunstgeschichte auf ihr performatives Potenzial hin durchkämmt und ist fündig geworden, unter anderem bei Valie Export, Maria Lassnig sowie Friedensreich Hundertwasser, quasi dem Hausherrn des Kunsthaus Wien. Ein klarer Fall in Sachen Handlungsanweisung war last but not least Erwin Wurm, dessen gezeichnete „One Minute Sculptures“ Elina Brotherus mit den Mitteln der Fotografie in die Kunst rücküberführte. L’art pour l’art!

Tipp

„It’s Not Me, It’s a Photograph“ im Kunsthaus Wien ist als Mid-Career-Show angelegt, die Werke von Elina Brotherus aus zwei Jahrzehnten versammelt. Ab 13. März. www.kunsthauswien.com

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