Kunst Haus Wien

Die Wanderin über dem Nebelmeer

Die finnische Fotografin Elina Brotherus fotografiert sich in sehr intimen Posen, aber auch in solchen der Kunstgeschichte. Zuletzt mit Valie Export und Erwin Wurm.

Elina Brotherus verkleidet sich als ihr jüngeres Selbstporträt (2016, auf Anweisung John Baldessaris).
Elina Brotherus verkleidet sich als ihr jüngeres Selbstporträt (2016, auf Anweisung John Baldessaris).
Elina Brotherus verkleidet sich als ihr jüngeres Selbstporträt (2016, auf Anweisung John Baldessaris). – (c) Elina Brotherus

Mitte der 2000er-Jahre hatte die Kunstszene ihren neuen Hype: die Helsinki-Fotoschule. Um die jungen, konzeptuell arbeitenden Fotografen rissen sich die Sammler, finnische Fotografie wurde ein Label und als solches, wie üblich, bald abgelegt. Einige Fotografinnen aber blieben, dazu zählt Elina Brotherus, die ab heute im Kunst Haus Wien eine erste große Einzelausstellung in Österreich hat. 1974 geboren, war sie 2000 bereits mit der Kunstschule fertig, hatte davor schon Chemie studiert, hier stand also eine Persönlichkeit hinter der Kamera – und auch vor ihr.

Denn Brotherus' Konzept ist das Selbstporträt. Das begann schon früh, erste Serien aus den 1990er-Jahren zeigen ihr Gesicht, mit Lippenstift immer röter werdend, bis es ganz hinter einer archaischen Blutbemalung verschwindet. Dazu eine Zeile aus Schuberts Winterreise, „Das Mädchen sprach von Liebe“ und fertig ist die ganze sympathisch-pathetische Jugendzimmermelancholie einer Kunststudentin. Daraus entwickelte Brotherus allerdings ein breites, reifes Werk. In der Fotografie deklinierte sie durch, was in der feministischen Performance- und Konzeptkunst seit den 1970er-Jahren verhandelt wird: der (männliche) Blick auf das weibliche Modell. Das bricht Brotherus, indem sie selbst den Auslöser drückt. Und indem sie selbst das Modell ist, das sei essenziell für sie, sagt sie. So hat sie die Macht über ihr Bild, ihren Körper, ihren Akt.

 

Wettkampf zwischen Foto und Malerei

In der „Modell“-Serie steht sie etwa splitternackt vor uns, vor dem Gesicht allerdings die gläserne Herrschaftskugel Christi, wie man sie aus dem Leonardo zugeschriebenen Gemälde des „Weltenherrschers“ kennt, das mittlerweile als teuerstes Kunstwerk der Welt gilt. Die Malerei ist überhaupt dauernde Messlatte für Brotherus, sie bedient sich herrlich respektlos an ihren Motiven, deutet sie um. Sicher 150 Selbstbildnisse als „Wanderin“ über dem Nebelmeer à la Caspar David Friedrich habe sie schon gemacht, erzählt sie. Immer wieder sieht man sie stehen, die klassische, einen ins Bild hineinziehende Rückenfigur, doch diesmal eben weiblich und in Turnschuhen, über irgendwelche Hügel in der Toskana blickend.

Einmal wurde diese Diskussion zwischen Fotografie und Malerei in Brotherus' Werk tatsächlich manifest – sie teilte sich mit zwei Malern ein Atelier, stand ihnen nackt Modell und fotografierte dabei sich (und die Maler). Das Interessante: Die Gemälde können eindeutig erotischer gesehen werden als ihre Fotografien. Diese Arbeit mit Aktmodellen, mit einem entsexualisierten Körper, faszinierte Brotherus schon an der Akademie, sagt sie. Es sei ein unglaublich intensives Erlebnis, ein selten intensives Schauen. Um das mit all jenen zu teilen, die das nie haben, hat sie zwei Aktmodelle lebensgroß für uns gefilmt. Man steht vor ihnen wie vor Adam und Eva, nur hin und wieder bewegen sie sich ganz leicht. Ein wenig akademisch wirken diese Überlegungen manchmal. Aber vom autobiografischen Zugang, den sie am Beginn ihrer Karriere pflegte, wollte sie sich lösen. Bis auf eine Ausnahme: In „Carpe Fucking Diem“ (2011–15) dokumentierte sie ihren verzweifelten Versuch, mit allen medizinischen Mitteln schwanger zu werden, was am Ende für sie nicht klappen sollte. Man sieht Spritzen, ihren malträtierten Körper, ihre Traurigkeit, ihre Erschöpfung. Am Ende steht ein trotziger Anfang: Mit ihrem Hund auf dem Arm zeigt sie der Welt den Mittelfinger – „My dog is cuter than your ugly baby“.

Eine neue Phase begann, auch in ihrer Fotografie, ihr sei langweilig geworden mit sich selbst, sagt sie. Vielleicht wollte sie die Kontrolle einfach einmal abgeben. Zumindest verlässt sie in ihren neuesten Arbeiten die Vorbilder aus der Malerei und wendet sich der Performancekunst zu, der Fluxus-Erfindung der Handlungsanweisung. Gemeinsam mit einer Freundin sieht man sie jetzt im Doppelpack dem Willen von Yoko Ono, John Baldessari oder Hundertwasser folgen. Ein interessanter Schwenk, aber immer noch erkennt man die Fotos am Ende als ihre, mit ihrem so direkten, klaren, auf uns gerichteten Blick. Egal, ob sie mit einem Baum auf der Straße steht. Oder mit Erwin Wurm eine seiner One-Minute-Sculptures performt. Mit Valie Export posiert, eine ihrer alten Performances zitierend. Begegnungen, die Brotherus besonders geliebt habe, schwärmt sie, ermöglicht durch ihre Einladung ins Kunst Haus Wien.

Elina Brotherus, bis 19. 8., tägl. 10–18 Uhr. Künstlerinnengespräch am 14. 3., 18 Uhr, im Rahmen der neuen „Presse“-Serie „Künstlerinnen im Fokus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2018)

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