MAK: Viele Scherben bringen Verderben

Mittels eines klaren Falls von Industriespionage wurde vor 300 Jahren in Wien begonnen, Porzellan zu produzieren. Gefühlt die ganze Produktion zeigt jetzt das MAK.

Frühes Wiener Porzellan: Deckeldose in Schildkrötenform, um 1730, aus du Paquiers Manufaktur.
Frühes Wiener Porzellan: Deckeldose in Schildkrötenform, um 1730, aus du Paquiers Manufaktur.
Frühes Wiener Porzellan: Deckeldose in Schildkrötenform, um 1730, aus du Paquiers Manufaktur. – Coscia Jr./MAK

Es sind mehrere wundersame Geschichten: Wie der 39-jährige Hofkriegsratsagent Claudius Innocentius du Paquier vor 300 Jahren etwa das Geheimnis des „Weißen Goldes“, des Porzellans, stahl – indem er einen Eingeweihten, einen „Arkanisten“ der bisher einzigen Porzellanmanufaktur Europas in Meißen mit unhaltbaren Versprechungen nach Wien abwarb. Ein Fall von Industriespionage. Porzellanerzeugung war Staatsgeheimnis, der bestochene Kunstarbeiter galt als Deserteur. Dafür hatten die Habsburger ihre Manufaktur.

Eine andere Geschichte erzählen die Scherben, die nämlich nie Glück brachten. Denn nicht nur die Wiener Porzellanmanufaktur und ihre Protagonisten hatten schwere Schicksale, persönlich und wirtschaftlich (1866 wurde die Fabrik endgültig geschlossen). Auch der Nachfolger, Augarten Porzellan, 1923 im Geiste der ersten Manufaktur gegründet, kämpfte immer mit dem Überleben (heute wird es als eine Art Liebhaberprojekt weitergeführt).

Die wundersamste aller Geschichten aber sieht man erst, wenn man in dieser Ausstellung steht. Wenn man Vitrine um Vitrine abschreitet, die Nase an das Glas drückt und diese zarten feinen Tellerchen und Tassen und Aufsätze und seltsamen Dinge sieht, von denen man nur noch vermuten kann, welchen Zweck sie einst erfüllten. So viele Jahrhunderte, so viele Kriege, so viele gesellschaftliche Umschwünge haben diese fragilen Kostbarkeiten überstanden. Allein ihr Dasein lässt einen staunen.

 

Präsentation könnte mitreißender sein

Ambivalent dagegen ist die Präsentation: Für den Laien sind die rund 1200 Exponate schlicht zu viel, die in Reih und Glied aufgestellten Vitrinen quellen über, dicht an dicht steht alles, was in eine gefährliche Nähe zur Flohmarktsituation gerät. Die in der Öffentlichkeit ohnehin geringe Wertschätzung des Wiener Porzellans, das vor allem in der Zeit von Direktor Sorgenthal von 1784 bis 1805 durch Einbindung der wichtigsten akademischen Wiener Künstler ausgezeichnet war, wird so nicht gerade gefördert. Der Spezialist kann sich zwar – wie bei der Glasausstellung unlängst – wieder in die selten gezeigten, riesigen Bestände des MAK eingraben, das fast genau mit seiner Gründung im Jahr 1863 auch den Nachlass der Wiener Manufaktur übernommen hat. Für die Lieblosigkeit der Präsentation vor allem der so prätentiösen Porzellanbilder in dieser grob ausgemalten oberen Ausstellungshalle entschädigt das dennoch nicht.

So ein schwieriges Thema wie Porzellan hätte abwechslungsreicher, spannender, mitreißender inszeniert werden müssen. Eine starre Armee voller Vitrinen ist da zu wenig. Was faszinierte Maria Theresia eigentlich so am Porzellan? Was wollte man repräsentieren, wenn man es sammelte? Wer waren die Sammler und Käufer? Wie änderte sich die Tafelkultur? Die NS-Geschichte wäre der nötige Elefant in diesem Porzellanladen: Zeigt man doch erstmals auch Fotos vom Porzellanzimmer des Pianisten Paul Wittgenstein im Familienpalais in der Argentinierstraße. Unter den großbürgerlichen Porzellansammlern der Spätzeit waren viele jüdische, die sich so in die „erste“ Gesellschaft einschrieben. Die damaligen MAK-Kustoden berieten diese privaten Sammlungen gern, darunter der damalige Direktor, Richard Ernst, kannten sich also bestens aus, als es ans Arisieren ging. Ambivalenz, so Ausstellungskurator Rainald Franz, auch hier: Ernst sorgte nach dem Krieg auch dafür, dass etwa die Sammlung der Bloch-Bauers wieder zurückgegeben wurde. Die Fotos des Wittgensteinschen Porzellanzimmers muss man jedenfalls suchen, sie hängen auf dem letzten Pfeiler im letzten Winkel. Auf ihnen sieht man aber auch, dass Porzellansammler ebenso dicht hängen und stellen wie diese Ausstellung dicht ist. Den großartigen Geschichten, dem Zauber dieses Materials, den Schicksalen, die damit verknüpft sind, dient das dennoch nicht.

300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur, bis 23. September, Di 10–22 Uhr, von Mi bis So 10–18 Uhr. Obere Ausstellungshalle, Stubenring 5, Wien 1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2018)

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