In den dunklen Räumen der Kabbala

Talismane, rätselhafte Zeichen und eine Himmelsreise als Höllenfahrt: Die verführerische „Kabbala“-Schauim Jüdischen Museum zieht einen tief in die Geschichte und Gegenwart der jüdischen Mystik hinein.

Was hat das nur hier zu suchen? Der Talisman- Schutzanzug des Künstlers Michael Berkowitz ist mit Schriftzeichen übersät – sie galten den Kabbalisten als Waffe gegen das Böse.
Was hat das nur hier zu suchen? Der Talisman- Schutzanzug des Künstlers Michael Berkowitz ist mit Schriftzeichen übersät – sie galten den Kabbalisten als Waffe gegen das Böse.
Was hat das nur hier zu suchen? Der Talisman- Schutzanzug des Künstlers Michael Berkowitz ist mit Schriftzeichen übersät – sie galten den Kabbalisten als Waffe gegen das Böse. – (c) Yeshiva University Museum, New York

Vor ein paar Jahren konnten Journalisten Demi Moore bei einem illustren Presseempfang im Moskauer Hotel Ritz erleben. Als dieser zu Ende war, zog sich die US-Schauspielerin in ihr Hotelzimmer zurück: zu einer höchst privaten Sitzung mit russischen Kabbalisten . . .

Viele Prominente sind so wie sie den rätselhaften Reizen der Kabbala, der jüdischen Mystik, erlegen – die im Lauf ihrer Geschichte wild wuchern durfte und keine Dogmatik kennt. David Beckham und Madonna gehören ebenso dazu wie David Bowie. Vor 100 Jahren hießen die Kabbala-Fans etwa Rudolf Steiner, Franz Kafka, Sigmund Freud oder Walter Benjamin – und ihr Lehrmeister Gershom Sholem: der Religionshistoriker und Wiederentdecker der Kabbala für säkulare Intellektuelle. „Geistesverwüstend“ fand er selbst deren Praktiken, er studierte sie lieber.

Eintauchen in die dunkle Welt der Kabbala kann man jetzt im Jüdischen Museum in Wien. Von Glanz durchbrochene Schwärze umfängt einen hier, Manuskripte, rätselhafte Bilder, merkwürdige moderne Kunstwerke, Talismane . . . Eine tatsächlich magische Stimmung verströmt diese edle, gemeinsam mit dem Joods Historisch Museum Amsterdam kuratierte Schau. Sie irritiert und fasziniert auf Schritt und Tritt, löst Rätsel und gibt zugleich immer neue auf – passend zum Thema: jüdische Mystik und ihr Fortleben bis heute.

Der Zohar, „Heiliger Gral“ der Kabbala

Geboren im Südfrankreich zu Zeiten der Troubadours ist diese Strömung, ihre Vertreter führten sie bis auf Abraham zurück. Auch ihr „Heiliger Gral“, das zentrale Buch „Zohar“ („Glanz“), wird auf einen Rabbi des 2. Jahrhunderts zurückgeführt – entstanden ist es im Spanien des 13. Jahrhunderts. Als die dortigen Juden vertrieben wurden, gingen damit auch ihre mystischen Lehren in die Welt hinaus. Diese kreisten um Zahlen, Buchstaben, den Namen Gottes, Seelenwanderung, den Kampf von Gut und Böse – und beriefen sich bei alldem auf die Bibel. Selbst das berühmte rote Kabbala-Armband, das vor dem Bösen schützen soll, wird aus der Genesis abgeleitet. In der Renaissance versuchten Christen zu beweisen, dass die jüdische Kabbala im Grunde genommen die christliche Lehre und das Geheimnis der Dreifaltigkeit verkünde, verbanden sie mit Alchemie und Magie – Kabbala und Magie wurden für viele synonym, wie auch im Okkultismus des späten 19. Jahrhunderts.

Der Zohar widmet sich ausführlich den Beschreibungen des Bösen – und die Kabbala-Praxis vor allem dem Schutz davor. Besonders gefährlich war und ist demnach Lilith, eine rothaarige, männermordende Dämonen-Königin. Später erging es ihr wie der Hexe in der christlichen Welt: Sie wurde zur Identifikationsfigur des – in diesem Fall – jüdischen Feminismus. Ein schwarzes Kleid, Besessenheit und Verhängnis symbolisierend, hat die Künstlerin Sigalit Landau für drei Monate im Toten Meer versenkt, das faszinierende Ergebnis sieht man in ihrer in der Schau gezeigten Fotoserie „Salt-Crystal Bride“ aus dem Jahr 2014. Es saugte sich mit Salz voll, ist am Ende ein kristallen weißes Hochzeitskleid.

Was hat wiederum der an asiatische Kampfgewänder erinnernde lila Ganzkörperanzug, mit Zeichen übersät, hier zu suchen? Es ist ein Schutzanzug mit Talisman-Funktion, entworfen im Jahr 2000 vom US-Künstler Michael Berkowitz: Schriftzeichen gehörten im Kampf gegen das Böse zu den wirksamsten Waffen der Kabbala.

Der vielleicht schönste Apparat hier sieht aus, wie sich Laien ein alchemistisches Gerät vorstellen. Sein Titel „What's in the Rose?“ spielt auf den ersten Satz des Buchs „Zohar“ an, in dem es heißt: „Was ist die Rose?“ Die von Dornen umgebene Blume steht im Zohar für Israel. Bei Ghiora Aharoni, einem in New York lebenden israelischer Künstler, wird sie zum Symbol der menschlichen Existenz, die invertierten Schriftzeichen auf dem Gerät lassen sich, sehr symbolträchtig, nur von innen lesen.

Anselm Kiefer wiederum faszinierte die Idee der Himmelsreise der jüdischen Mystik als Reise ins eigene Innere. Eines seiner wuchtigen Gemälde, „Merkaba“ (so heißt der göttliche Thronwagen), scheint einen trostlosen alten Kampfflugzeugträger im Meer zu zeigen. Die Himmelsreise, auch da folgte Kiefer der Kabbala, beginnt schrecklich, mit dem Abstieg in Tod, Zerstörung, Dunkelheit.

Eine Geheimlehre wird öffentlich

Nach ihrer Geburt in Südeuropa verlagerte sich die Kabbala nach Israel, im 16. Jahrhundert entstanden dort Bruderschaften, eine davon rund um den Mystiker Isaak Luria. Er drückt den kabbalistischen Theorien bis heute seinen Stempel auf. Von ihm stammt etwa das Bild eines Gottes, der sich zurückzieht, um die Schöpfung zu ermöglichen. Später hielten etwa die osteuropäischen Chassidim, die seit dem Fin de Siècle als vermeintlich „wahres“ Judentum Inspiration für so viele europäische Schriftsteller wurden, die Kabbala am Leben. Sie haben diese, wie die Schau zeigt, wie keine andere Bewegung in ihr Alltagsleben integriert.

Ein chassidischer Kabbalist, Yehuda Ashlag, war es auch, der die kabbalistischen Lehren des Isaak Luria vor dem Hintergrund des Holocaust aktualisierte: Das Böse sei so stark geworden, dass die Kabbala nicht mehr geheim bleiben dürfe, sie müsse verbreitet werden. Das wurde sie – mit der Hilfe von Popstars und weltweiten Kabbala-Zentren. Heute verspricht sie Zugang zu den Geheimnissen des Lebens ebenso wie Heilung von der Herrschaft des Ego. Wie so viele spirituelle Bewegungen.

Zu sehen noch bis 3. März 2019 im Jüdischen Museum Wien, Dorotheergasse 11, 1010 Wien. So–Fr, 10–18 Uhr.
[OX3Z6]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2018)

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