Mumok: Er malt mit Wein und Sonnenlicht

In seiner Reihe großer Retrospektiven lebender österreichischer Künstler zeigt das Mumok diesmal einen, den nur wenige kennen, was sich somit geändert haben sollte – Ernst Caramelle, bis heuer Rektor der Kunstuni Karlsruhe.

Ein Motto Caramelles: größten Effekt mit einfachsten Mitteln erzielen. Hier Aquarell, 1976.
Ein Motto Caramelles: größten Effekt mit einfachsten Mitteln erzielen. Hier Aquarell, 1976.
Ein Motto Caramelles: größten Effekt mit einfachsten Mitteln erzielen. Hier Aquarell, 1976. – (c) Caramelle

Die Ausstellung schließt, natürlich, mit dem Beginn der Diplomarbeit, mit der Ernst Caramelle 1976 sein Studium an der Wiener Angewandten bei Oswald Oberhuber abschloss: eine Box mit (leerer) Weinflasche, Tonband, Film, 23 Zeichnungen und zwölf Fotografien, unterzeichnet: Joseph Troma, eines von drei Pseudonymen, die der 1952 in Tirol geborene junge Künstler sich schon zugelegt hatte; neben dem Seepferdchen und dem „Tel“ (fürs Telefon, fürs Kommunizieren). Denn Kunst, sagt er heute, sei immer ein Dialog zwischen Bild und Betrachter – und das ist nur einer der klugen Sätze, die man mitbekommt, führt einen Caramelle durch seine heute beginnende, erste große Retrospektive überhaupt, im Wiener Mumok.

Den Inhalt besagter Diplomarbeit stellt Caramelle hier erstmals überhaupt aus. Alles, womit er sich später befassen sollte, sagt er, sei hier schon enthalten gewesen – der Wein (mit dem er seine „Vino dramatico“-Aquarelle malen sollte), die damals „Neuen Medien“ Video, Fernsehen (Caramelle studierte 1974 schon am Massachusetts-Institut für Technologie), die Zeichnung (der „schnellste Weg vom Kopf aufs Blatt“, die „ultraleichte Geste“) – und die Fotografie, das Licht. An der Arbeit mit Sonnenlicht, das er zum scherenschnitthaften Bleichen von Farbpapier verwendet, schätze er den „geringen Aufwand für die maximale Wirkung“. Mit dieser Technik schaffe er etwas, indem er etwas wegnehme, nämlich Farbe. Das sei „konzeptuell doch faszinierend“. Hübsch sind die Bilder mit ihren einfachen, meist geometrisch-abstrakten Formen jedenfalls.

 

Spielen mit Würfeln und Farben

„Der Sohn von Troma spielt mit Würfeln“, steht auf einer der Zeichnungen der Mappe. Und genau das sieht man auf ihr auch illustriert – einen Bub, der mit Würfeln spielt, der sie aus dem Blatt zu reichen scheint, jemandem, der außerhalb steht, einem Betrachter also. Das trifft dieses ganze Werk, das damals ja erst vor ihm lag, ziemlich gut. Wie hätte diese in jugendlicher Anmaßung benannte Diplom-Box also auch anders heißen können als – „Resümee“.

„Ein Resümee“ heißt auch diese gut 40 Jahre später stattfindende Retrospektive im Mumok, von Gastkuratorin Sabine Folie (Leiterin Valie Export Center in Linz, ehemals Leiterin Generali Foundation) gemeinsam mit dem Künstler über zwei Jahre lang erarbeitet. Ein sentimentaler Titel, der sich aus dem Werk erklärt, der allerdings nicht die Massen anlocken wird. Ein wenig beneidet man das deutsche Marta Herford Museum, das heuer seine Caramelle-Ausstellung mit „Very angenehme Konzeptkunst“ bewerben durfte. Genau das ist es nämlich, very gescheit und very humorvoll noch dazu. Warum Caramelle dann nicht auch noch very famous und rich ist?

„Museumsgröße“ heißt sein Lieblingsbild in der Ausstellung, es zeigt zwei lächerlich aussehende Typen, die sich über ein großes, rotes Trum beugen. Das Bild ist, natürlich, ziemlich klein. Will heißen: Caramelle wollte nie für einen „Markt“ produzieren, er schätzte die kleine, schnelle Form der Zeichnung und die monumentale, (meist) vergängliche seiner abstrakten, bunten Wandmalereien, die, ganz wie im Barock, gerne mit dem Standpunkt des Betrachters spielen. Erst beim sprunghaften Anpirschen sozusagen offenbaren sie ihre perspektivischen Spektakel. Auch im Mumok ist so ein großes Raum-Bild entstanden, im Vergleich dazu ist das 70 Meter lange, permanente Wandbild, das Caramelle für die Neugestaltung des Karlsplatzes vor fünf Jahren schuf, mit seinen einfachen geometrischen Formen extrem verhalten.

 

70 Meter Malerei am Karlsplatz

Immerhin ein sehr prominentes Werk, an dem Hunderttausende täglich entlang eilen. Ansonsten ist Caramelle in Wien praktisch nicht vertreten (außer in der Galerie nächst St. Stephan, die Caramelle seit jeher vertritt.) Das Mumok hat gerade einmal eine einzige Arbeit, die Caramelle anscheinend aber nicht einmal hängen wollte. Das Belvedere gar nichts. Nur die Generali Foundation, heute in Salzburg, hat gekauft, unter Sabine Folie wohl kein Zufall.

Caramelle war wohl schlicht zu lang weg, ging gleich einmal nach New York, wo er heute noch, neben Frankfurt, lebt. 25 Jahre unterrichtete er Malerei an der Kunstakademie Karlsruhe, die letzten sechs Jahre war er Rektor. Trotzdem ist das Unterhaltende (ziehen Sie unbedingt die Glockenschnur!), das Poetische, das Theatrale, das Universalkünstlerische (Architekturpläne gibt's natürlich auch), das Leichte, Ornamentale, Perspektivenverliebte, intellektuell Anmaßende in Caramelles so weitem Werk eine zeitgenössische Inkarnation des mitteleuropäischen, um nicht zu sagen österreichischen Barocks, die man an der kunsthistorischen Seite der Aktionisten, Oswald Oberhubers, Erwin Wurms etc. nicht missen sollte.

Ernst Caramelle, Ein Resümee, bis 28. April. Montag 14–19, Di.–So. 10–19h, Donnerstag 10–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2018)

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