Heiligenblut, Künstlerblut, unser aller Blut

Hier findet man, ganz zentral am Stephansplatz, die Gegenwelt zum gegenwärtigen Konsumstress der City: Wer bisher noch nicht im wiedereröffneten Dommuseum war, sollte es jetzt tun. Und den Blick auf die Wunden hier legen.

Schmerzensfrau Renate Bertlmann: aus der Serie „Maladies des Mystiques“, 1984.
Schmerzensfrau Renate Bertlmann: aus der Serie „Maladies des Mystiques“, 1984.
Schmerzensfrau Renate Bertlmann: aus der Serie „Maladies des Mystiques“, 1984. – (c) dommuseum/deinhardstein2018/ Bildrecht, Wien, 2018

Es ist eine Dommuseum-Ausstellung par excellence, fast noch stimmiger als die Eröffnungsschau („Sprache der Bilder“) des vor gut einem Jahr völlig neu gestaltet wiedereröffneten Museums am Stephansplatz: „Zeig mir deine Wunde“, so der Titel, zitiert die berühmte Installation „Zeig die Wunde“ von Joseph Beuys von 1976, die bei ihrem Ankauf durch das Lenbachhaus München einst als „teuerstes Gerümpel der Nation“ beschimpft wurde. Beuys wurde nicht nur wegen derart mit Stolz ertragener Häme immer wieder als „Schmerzensmann der Kunst“ bezeichnet. Schließlich inszenierte er sich in seiner Kunst, in seinem Auftritt derart als Messias wie kein Künstler vor ihm. Obwohl schon Albrecht Dürer das in seinem Selbstporträt im Pelzrock angedeutet hatte. Man sieht: Jesus und der Künstler, sie sind gute alte Bekannte – man kennt sich nicht nur, man grüßt sich. Überhaupt wenn es um die Märtyrerrolle und die darauffolgende Aussicht auf ewiges Leben geht, sind die Künstler schnell zur Stelle.

Es wäre nicht das Wiener Dommuseum, wenn jetzt Kaliber wie die Beuys-Installation oder ein Dürer-Selbstporträt hier landeten, um in diese Diskussion der „Darstellbarkeit von Wunden vor dem Hintergrund der christlichen Bildtradition“ zu führen. Man bzw. Direktorin Johanna Schwanberger, die in diesem Fall auch als Kuratorin fungiert, weiß sich aber trotz Minimalbudgets bestens zu helfen, sitzt sie schließlich an mehreren Sammlungsquellen, etwa der von Monsignore Mauer, und ist bestens vernetzt.

 

Das Schweißtuch aus dem Grabe Christi

So steuerte Galerist und Sammler Philipp Konzett etwa ein Beuys-Wundset bei. Und aus dem Domschatz kommt eine Reliquientafel mit dem abstrakten Urbild des Leids, nicht der „Vera Ikon“, dem Schweißtuch der Veronika, das übrigens bis ins 12. Jahrhundert, erfährt man, als bildlose Tuchreliquie verehrt wurde und erst danach mit dem Gesicht des geschundenen Christus dargestellt wurde. Nein, es gibt auch ein Schweißtuch aus dem Grab Christi, von dem man hier ein (großes) Stück zu besitzen glaubt: Die Reliquientafel stammt aus dem ehemaligen Besitz Karls des Großen und kam über Rudolf den Stifter in den Stephansdom.

Schräg gegenüber hat sich Renate Bertlmann ebenfalls ein zartes Tuch übergezogen, über ihren nackten Körper – die Fotos davon übermalte sie 1984 dann ebenfalls sehr zart, ließ Blutstropfen hervorquellen aus besonders heiklen Stellen. Den Augen, dem Bauchnabel, den Ohren, dem Rücken – ganz die Schmerzensfrau, die 2019 als erste Künstlerin solo den Österreich-Pavillon der Biennale Venedig bespielen wird. Derlei Soloauftritte ist Jesus nur allzu gewohnt – vis-à-vis von Bertlmann hängt ein besonders schmerzhafter Schmerzensmann am Kreuz aus dem frühen 18. Jh., das Lindenholz schält sich wie Haut vom Fleisch, eine Leihgabe des Museums Schnütgen aus Köln.

Mit derlei Dialogen geht es weiter, Kapitel um Kapitel. So viele sind es aber nicht, die Sonderausstellungsfläche zieht sich nur drei Räume entlang des Stephansplatzes. Natürlich spielen der Wiener Aktionismus und sein Umkreis eine Rolle – Günter Brus und Valie Export öffneten mit ihren äußeren Verletzungen die Grenze zu ihrem schmerzend drängenden Innenleben. „Angst essen Seele auf“ liest man dazu passend auf einer Tätowierung, die Katrina Daschner fotografierte, anscheinend auf ihrem eigenen Unterarm. Das Tattoo als Wundmal und Botschaft ist eines von den Themen, die ins Heute führen.

 

Der von den Nazis zerstörte Gekreuzigte

Künstler sind in der Darstellung von Zerstörung und Verwundung Virtuosen, denkt man nur an die lustvollen Variationen über die Märtyrertode, hier mit einer besonders drastischen Holzfigur der hl. Agatha von 1490, die ihre beiden abgeschnittenen Brüste vor sich her trägt, auf einer Bibel noch dazu. Vor ihr auf dem Boden liegt der von innen gesprengte Anzug eines Bombenentschärfers, der Künstler Anders Krisar tat das 2006/07, Antiterroreinheiten stellen schließlich die abendländischen Märtyrer von heute.

Mit Bildern, soll hier bewusst werden, ist immer auch Bildpolitik gemeint. Ob man jetzt die Sprünge einer chinesischen Teetasse mit Goldlack reparierte, um die Wertigkeit von Geschichte zu betonen. Oder ob die Nazis ein Kreuzigungsbild demolierten: Nach einer Rede Kardinal Innitzers 1938 im Stephansdom, in der er der Jugend erklärte, ihr einziger Führer sei Christus, stürmten SA und Hitlerjugend am nächsten Tag das Erzbischöfliche Palais. Und zerstörten u. a. dieses spätklassizistische Werk, das kunsthistorisch keine Bedeutung hätte, trüge es nicht diese doppelten Wundmale.

Aus diesen „Wunden“ sollte Erkenntnis strömen, diese könnte dann ruhig gefeiert werden: Das Kapitel „Die Wunde als Fest“ schließt diese Ausstellung wie ein Feuerwerk aus Blut (Nitsch) und Emphase (Lucio Fontanas Schnitte in die rote Leinwand) ab. Fassungslos steht man da vor einem Meer aus Christi Blut, das in einem Gemälde nach Bernini aus den Wunden des Gekreuzigten quillt und quillt und die Erde tränkt wie in einem apokalyptischen Splatter-Movie. Unsere Rettung, angeblich, soll hier doch die Ertränkung der gesamten Sünden der Menschheit dargestellt werden. Die Wunde und das Wunder – denkt man an ein Wort-Bild Gerhard Rühms zurück, das man gerade passierte – unterscheiden sich wohl nicht zufällig nur durch einen Buchstaben.

Bis 25. August 2019. Mittwoch bis Sonntag, 10–18h, Donnerstag bis 20 Uhr. Stephansplatz 6, Wien 1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2018)

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