MAK: Ein „Tausendkünstler“ in 500 Einzelteilen

Eine große Retrospektive zum 100. Todesjahr Kolo Mosers versucht gar nicht erst, diesen Meister der Jugendstil-Gestaltung zu erreichen: Statt dem Gesamtkunstwerk Moser trifft man hier Moser, den Zeichner und Vielarbeiter. Auch gut.

Eigentlich müsste sein Heiligenschein quadratisch sein: Kolo „Quadratl“-Moser, anonymes Foto um 1903.
Eigentlich müsste sein Heiligenschein quadratisch sein: Kolo „Quadratl“-Moser, anonymes Foto um 1903.
Eigentlich müsste sein Heiligenschein quadratisch sein: Kolo „Quadratl“-Moser, anonymes Foto um 1903. – (c) MAK

Als „Kobold“ wurde er bezeichnet, als „gute Seele“ der Secession, als „Tausendkünstler“: Vor 100 Jahren starb mit Koloman Moser der Künstler, der unseren Eindruck des Wiener Jugendstils geprägt hat wie kein anderer. Plakate, Postkarten, Briefmarken, das „Ver Sacrum“, ja sogar das typische Wiener „Quadratl“-Ornament, das später fälschlich Josef Hoffmann zugeschrieben wurde – Kolo Mosers Sendungsbewusstsein machte den Wiener Jugendstil am Ende der Monarchie sogar zur offiziellen „Staatskunst“, wie im aktuellen MAK-Katalog zur großen Jubiläumsausstellung zu lesen ist.

Dabei ist sein Name trotz vieler Ausstellungen in den vergangenen Jahren, u. a. im Leopold-Museum und in der New Yorker Neuen Galerie, nicht zu der „Marke“ geworden wie jener von Klimt, mit dem zusammen Moser u. a. die Secession gründete und wieder verließ, oder Hoffmann, mit dem er die Wiener Werkstätte erfand. Mosers berüchtigte tausendfache Begabung macht ihn für die Nachwelt auch schwerer zu greifen als andere. Zu vielseitig ist dieses Werk, zu sehr ist es auch mit dem Kunsthandwerk verbunden, für dessen Gleichberechtigung mit den „hohen“ Künsten die Secessionisten so leidenschaftlich gekämpft haben.

 

Galopp über die Wurzeln der Moderne

Die Geschichte hat diesen Kampf entschieden: Die Maler sind Stars, die großen Kunsthandwerker große Kunsthandwerker. Auch wenn, wie MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein beim Presserundgang anmerkte, das hochwertige Kunsthandwerk eine Renaissance erlebe. Dass dieses kompromisslose Qualitätsbewusstsein, das man mit der 1903 beginnenden Wiener Werkstätte verbindet, nicht von ungefähr kam, dass hier eine Wiener Tradition ganz bewusst erhalten wurde, dieses Wissen zu verbreiten, ist Christian Witt-Dörring, der gemeinsam mit Elisabeth Schmuttermeier kuratierte, ein besonderes Anliegen: So lässt er diese groß angelegte Retrospektive Mosers im Ausstellungssaal im ersten MAK-Stockwerk auch mit Wiener Historismus beginnen, mit Möbeln aus der opulenten Ringstraßenzeit, der man die Wiener Moderne gemeinhin so gern entgegensetzt.

Und dann geht es los, ein von Ausstellungsarchitekt Michael Embacher eingerichteter Parcours über beachtliche 500 Exponate, ein Galopp über die Wurzeln einer Ästhetik, die den Wienern in nunmehr über 100 Jahren zu einer Art ornamentalen DNA geworden ist. Gerade am Beginn ist dieser Galopp ein wenig holprig: Es bedurfte wohl enormer Überwindung, gerade Moser – in der Secession damals Erfinder des heutigen Ausstellungswesens mit seinen weißen Wänden, der einreihigen Hängung auf Augenhöhe, der symmetrischen Gestaltung – in dieser dunklen, verwinkelten, praktisch wandlosen Halle würdigen zu müssen. Man entschied sich wohl daher für die Beschwörung einer „Laboratmosphäre“, die auch den Beständen des MAK an 2500 Entwurfsskizzen Mosers entgegenkommt, die hier mit Magneten an schräge Stellwände gepinnt wurden. Ein Behelf, von einem Gesamtkunstwerk weit entfernt. Hier sieht man dann etwa die Klimt-Zeichnung, die dem jungen Moser 1895 seiner eigenen Beschreibung nach etwas „ganz Neues“ eröffnete, von der aus er zu seiner „Flächenkunst“ kam.

Auf Bleistiftskizzen sieht man, wie Moser Pflanzen zerlegte und zu märchenhaften Ornamenten neu zusammenfügte. Auf anderen Blättern glaubt man dabei zu sein, wie er auf dem karierten Entwurfspapier begann, die „Quadratln“ nachzuziehen und auszumalen, die dann so typisch werden u. a. für die WW-Objekte aus weißem Metallgitter, denen man im zweiten Teil der Ausstellung begegnet. Beginnend mit einer Karikatur von 1909, die darüber grübelt, wie alles begann: Mit dem Wort, wie manche glauben, oder doch mit der Tat? Bis Moser sagte: „Mit dem Quadrat!“

 

Im geheimnisvollen Vitrinenwald

In diesem Teil wird es ein wenig eleganter, das Zauberwort lautet, wie so oft im MAK, geheimnisvoller Vitrinenwald, diesmal angenehm effektvoll bestückt, nicht überfrachtet. Glanzstücke aus Mosers Zeit an der WW, aus seiner Zeit als Professor an der Kunstgewerbeschule, für die ihn Otto Wagner empfohlen hatte, sind hier versammelt, einige wichtige Möbel: ein schwarz-weißer Schlafzimmer-Wandverbau aus der eigenen Moser/Moll-Doppelvilla auf der Hohen Warte, eine blau-weiße, natürlich mit Quadraten verzierte Kredenz aus der Berliner Wohnung Stonborough-Wittgenstein.

Auftragskunst vom Feinsten wird hier präsentiert, die so viel erzählt über das verschwundene jüdische Großbürgertum, über Wiener Traditionsbetriebe von Backhausen bis Bakalowits, für die Moser die Corporate Identity erfand, über den (zu) hohen Anspruch der Künstlergruppe um Klimt, die die Gesellschaft durch Schönheit besser machen wollte. „Dann aber fasste ihn der Ekel“ – so beschrieb Berta Zuckerkandl in ihrem Moser-Nachruf 1918, warum er sich 1907 von der Wiener Werkstätte abwandte. Er sah keine Zukunft in der Produktion von Einzel-Luxusstücken für Auftraggeber, die ihn nicht verstanden. Die Zukunft, sah er, liege in der Massenproduktion. Durchsetzen konnte er sich damit aber nicht. Der ausgebildete Maler begann also wieder zu malen. Warum diese Malerei der letzten Jahre so war, wie sie war, ist eine der ungelösten Fragen dieser sonst so großen Künstlerpersönlichkeit Kolo Moser. Sie möge in Frieden ruhen.

Bis 22. April, Di. 10–22 Uhr, Mi.–So. 10–18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2018)

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