Kunstmarkt kühlt sich ab

Die Umsätze bei Auktionen sind weltweit geschrumpft. Das Hauptproblem ist, an gute Ware zu kommen.

Jean Dubuffets „Bon Espoir (Paysage avec personnages)“ war mit 600.000 Euro der höchste Zuschlag im Dorotheum.
Jean Dubuffets „Bon Espoir (Paysage avec personnages)“ war mit 600.000 Euro der höchste Zuschlag im Dorotheum.
Jean Dubuffets „Bon Espoir (Paysage avec personnages)“ war mit 600.000 Euro der höchste Zuschlag im Dorotheum. – Dorotheum

Da war Monets Heuhaufen, der bei Sotheby's im Mai erstmals die Hundert-Millionen-Grenze überschritt und um 110,7 Millionen Dollar den Besitzer wechselte, da war die Rabbit-Skulptur mit 91,1 Millionen Dollar, die Jeff Koons zum teuersten lebenden Künstler machte, und das Simpsons-Werk von KAWS, das mit 14,8 Millionen Dollar seine Schätzung verfünfzehnfachte. Alles medienwirksame Meldungen, die suggerieren, dass der Kunstmarkt immer noch boomt. Doch wie sieht der Auktionsmarkt tatsächlich aus, wenn man sich die nüchternen Zahlen vornimmt?

Sotheby's hat im ersten Halbjahr 2019 Kunst im Wert von 3,1 Milliarden Dollar verkauft, das ist ein Minus um zehn Prozent gegenüber der Vergleichsperiode im Vorjahr. Davon entfallen 511 Millionen Dollar auf Privatverkäufe, die ebenfalls einen Rückgang verzeichnet haben, und zwar um sechs Prozent. Hauptkonkurrent Christie's hat in den ersten sechs Monaten bei Auktionen 2,8 Milliarden Dollar umgesetzt, ein Minus um 22 Prozent. Die Privatverkäufe hat das Haus nicht bekannt gegeben.

Diese beiden Häuser repräsentieren den High-End-Markt, auf dem sich nur noch eine überschaubare Zahl an Superreichen um die Toplose der Welt duellieren. Da stellt sich die Frage, wie repräsentativ ist das Ergebnis dieser beiden Global Player für den restlichen Auktionsmarkt? Das hat sich die Kunstpreisdatenbank Artprice angesehen, die mehr als 260.000 Lose bei Auktionen zwischen Jänner und Ende Juni erfasst hat und halbjährlich die Ergebnisse in einem Bericht zusammenfasst. Demnach wurden bei Auktionen weltweit knapp sieben Milliarden Dollar umgesetzt, ein Rückgang um 17 Prozent gegenüber 2018. Allerdings hätten sich laut Artprice die Preise um fünf Prozent gesteigert. Es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kunstmarkt. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Nachfrage für Kunstwerke von Museumsqualität zwar nicht abnimmt, das Angebot es aber nicht mehr schafft, dem Rhythmus der Auktionshäuser zu folgen. Der Kunstmarkt stößt offensichtlich an seine strukturellen Grenzen. Die Auktionshäuser haben es nicht nur schwer, ihre Rentabilität auf dem bisherigen Niveau zu halten, sondern auch die Sammler davon zu überzeugen, ihre besten Kunstwerke zu verkaufen“, fasst es Artprice-Gründer Tierry Ehrmann im Bericht zusammen.

Das Auktionsgeschäft ist nahezu in allen wichtigen Handelsplätzen weltweit gefallen mit Ausnahme von Hongkong, das ein Plus von vier Prozent verzeichnet hat, und Deutschland, das laut Bericht stabil geblieben ist. Allerdings beträgt der Marktanteil Deutschlands am weltweiten Auktionsmarkt nur zwei Prozent. Das stärkste Minus verzeichneten die USA mit 20 Prozent und Großbritannien mit 25 Prozent. Letzteres sei zum Teil durch den Brexit belastet gewesen. Insgesamt seien aber die Problemstellungen bei allen Märkten dieselben.


Moderne führt. Bei den wichtigsten Sektoren, Moderne, Nachkriegskunst, Zeitgenossen, 19. Jahrhundert und Alte Meister, hat sich die Reihung nicht verändert. Immer noch ist die Moderne mit einem Marktanteil von 43 Prozent das umsatzstärkste Segment. Dennoch hat es aufgrund des Mangels an guter Ware einen Einbruch um 22 Prozent gegeben. Eher überraschend war dafür ein steigendes Interesse an Arbeiten des 19. Jahrhunderts sowie von Post-Impressionisten wie Paul Signac, Gustave Caillebotte und Pierre Bonard. Zudem sucht sich der Markt laut Artprice neue „Klassiker“ in den Segmenten Nachkriegskunst und Zeitgenossen sowie anhaltend für Künstlerinnen. So erzielte „Spider“ von Louise Bourgeois im Mai mit 32 Millionen Dollar bei Christie's den höchsten Zuschlag unter den weiblichen Künstlern und gleichzeitig einen neuen Rekord für die Künstlerin. Zweithöchster Zuschlag war „The Eye Is the First Circle“ von Lee Krasner mit 11,7 Millionen Dollar, gefolgt von „Interminable Net #4“ von Yayoi Kusama mit knapp acht Millionen Dollar bei Sotheby's in Hongkong. Unter den zehn höchsten Zuschlägen befinden sich auch zwei Alte Meisterinnen, nämlich Elisabeth Vigée-Lebrun sowie Angelica Kauffman.

Die Wiener Häuser. In Wien hat das Dorotheum laut eigenen Angaben ein erfolgreiches Halbjahr gehabt. Konkrete Umsatzzahlen gibt das Haus aber nicht bekannt. Den höchsten Zuschlag erzielte „Bon Espoir (Paysage avec personnages), (Gute Hoffnung, Landschaft mit Personen)“ von Jean Dubuffet, dem Begründer der „Art Brut“, mit 600.000 Euro. An zweiter Stelle rangiert mit 390.000 Euro Andy Warhol mit seiner Serigrafie „Judy Garland and Liza Minelli“ aus dem Jahr 1978. Kunst aus Italien und Deutschland sorgten im Dorotheum wieder für gute Zuschläge. Hier helfen die Niederlassungen des Hauses vor Ort. So ist etwa Piero Dorazios Farbgitterbild „Elfenbeinturm“ mit 220.000 Euro das drittteuerste Werk der ersten sechs Monate. Der Zero-Künstler Otto Piene war diesmal mit einer roten Gouache aus dem Jahr 1964 mit 180.000 Euro unter den Topperformern. Doch das Nagelbild von Zero-Kollege Günther Uecker blieb liegen. Das Interesse an Zero ist in den letzten Jahren enorm gestiegen, scheint aber nun eine Decke erreicht zu haben. Denn auch in deutschen Auktionshäusern zeigte die Zero-Kunst heuer erstmals Schwächen. Starke Resultate gab es zudem noch bei den Alten Meistern. Hier war „Maria Magdalena in Ekstase“ von der Malerin Artemisia Gentileschi mit 360.000 Euro das teuerste Werk.

Das Auktionshaus im Kinsky verzeichnete die besten Ergebnisse im ersten Halbjahr in der Sparte Klassische Moderne. Zwei restituierte Zeichnungen von Gustav Klimt gehörten zu den Toplosen. „Damenbrustbild von vorne“ wurde mit einem Zuschlag von 560.000 Euro zum teuersten Bild.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2019)

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