Berlin: Die scheinbare Schönheit des Einschussloches

Ausstellung "Political Patterns" befasst sich mit dem Wandel und der Rolle des Ornaments in der Geschichte und in der globalisierten Welt. Zu sehen sind Arbeiten aus den Vereinigten Staaten, dem Iran, Pakistan.

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(c) Barjeel Art Foundation, Maraya Art Centre, Sheikh Sultan Sooud Al-Qassemias

Auf den ersten Blick wirkt alles sehr harmonisch, dekorativ und farbenfroh: bunte Schmetterlinge, florale Muster in Rot, schwarze Farbkleckse, fein strukturierte Flaggen, poppig in Pink der „Emperor“ und die „Empress“. Doch dann der zweite Blick: Da blitzen hinter der vordergründigen Schönheit politische Botschaften hervor. Die schwarzen Farbkleckse entpuppen sich als Einschusslöcher in Kabul (Aisha Khalil, Pakistan), die Schmetterlinge verweisen auf Massengräber und blutig niedergeschlagene Demonstrationen, auf Trauertag und Gefängnis (Parastou Forouhar, Iran/Deutschland), die roten Körperabdrücke und Farbspritzer, voll ornamentaler blattartiger Details, künden von Blut und Gewalt (Imran Qureshi, Pakistan), die geschlungene Form der Arabeske verwandelt sich in Stacheldraht (Adriana Czernin, Bulgarien/Österreich). Und Emperor wie Empress halten, inmitten des rosa Blumenmusters, Maschinengewehre im Anschlag (Zena el Khalil, Libanon).

„Political Patterns – Ornament im Wandel“ nennt sich die Schau in der ifa-Galerie Berlin, die acht Künstler versammelt, sechs von ihnen aus dem arabischen Raum. Sie wurde von Sabine B. Vogel kuratiert. Die Kunstkritikerin – sie schreibt regelmäßig für die „Presse“ – wurde in Essen geboren und lebt seit Mitte der Neunzigerjahre in Österreich. Ihr geht es um „das Doppeldeutige in den Bildern“, um Schönheit und Bedrohung zugleich. Denn immer verbergen sich hinter der scheinbaren Harmlosigkeit brisante politische und gesellschaftliche Realitäten.

 

Orientalische Muster, „DNA einer Kultur“

Die Ornamente dienen nicht mehr bloß, „um zu strukturieren, zu dekorieren und zu akzentuieren, sondern sie sind bewusste Sprache“, so Vogel. „Es ging mir darum, zu zeigen, wie politisch Kunst ist – und trotzdem schön.“ Schon seit Längerem widmet sich Vogel dem Ornament, nachdem ihr Interesse durch die Arbeiten Adriana Czernins geweckt worden war. Im Frühjahr 2009 kuratierte sie im Wiener Belvedere die Ausstellung „Die Macht des Ornaments“. Es fing historisch an, mit Klimt, Hoffmann. Die Schau in Berlin indes ist „rein zeitgenössisch, noch einmal zugespitzt“, sagt sie.

Auf Reisen, vor allem in den Osten, hat Vogel viele Ornamente gesehen und etwa auf der Dubai-Kunstmesse „unglaublich viel gefunden, was enorm politisch ist“. All diese Künstler hatten ebendies gemeinsam: das Ornament als Sprache. Im Westen herrsche Angst vor der Schönheit, konstatiert die Kunstkritikerin, wie es sie im geopolitischen Süden und im Osten nicht gebe. So passt es gut, dass „Political Patterns“ die dritte Ausstellung in der ifa-Reihe „Kulturtransfers“ ist, bei der die wechselseitige Beeinflussung verschiedener Kulturen gezeigt werden soll.

Die Künstler stammen aus den USA, Pakistan, dem Libanon, Iran/Deutschland und Bulgarien/Österreich. Immer schon ging von der orientalisch geprägten Formenwelt des Ornaments für die europäische Welt eine große Faszination aus; die sich regelmäßig wiederholenden Muster sind eine Konstante durch alle Zeiten, Räume, quasi die „DNA einer Kultur“, wie es Doris Bittar (Libanon/USA) formuliert, die in der Ausstellung mit mehreren Werken vertreten ist.

„In der Geschichte gab es immer Zeiten, in denen Ornamente modern und dann wieder unmodern waren“, so Bittar. „Derzeit scheinen Muster wieder im Trend zu liegen, doch das kann sich morgen bereits wieder ändern.“ Im vorigen Jahrhundert herrschte Ornamentfeindlichkeit, man denke an Adolf Loos, bis in den Siebzigerjahren wieder ein reges Interesse an Ornamenten einsetzte. Seit der Jahrtausendwende, so Kuratorin Vogel, sei in den Werken der bildenden Kunst ein deutliches Unbehagen über die ungebrochene Schönheit und strenge Ordnungsmacht der Ornamente zu beobachten. Sie würden heute zwar als Brücke zu Traditionen, aber auch als Mittel der Kritik eingesetzt: an einengenden, weiblichen Rollenmustern, an totalitären politischen Systemen, an vereinheitlichenden Verhaltensmustern, Erwartungen und Konventionen.

„Ich habe von Anfang an Ornamente als Camouflage verwendet, um die schöne Oberfläche mit politischen Themen zu verbinden“, sagt Parastou Forouhar (Iran/Deutschland). Der Computer lasse das Ornament „zu etwas ganz anderem werden. In den altpersischen Kulturen sind Ornamente mit einer zeitaufwendigen und kontemplativen Arbeit verbunden. Der Computer dagegen hat das in einer radikalen, frechen Art unterminiert.“ Aber nicht nur er, sondern auch die Künstler.

Auf einen Blick

Das Institut für Auslandsbeziehungen(ifa)ist eine vom deutschen Auswärtigen Amt geförderte Einrichtung für den internationalen Kulturaustausch mit Sitz in Stuttgart und einer Außenstelle in Berlin.

Als älteste Mittlerorganisation für Auswärtige Kulturpolitik Deutschlands engagiert sich das ifa weltweit für Kunstaustausch, interkulturellen Dialog sowie jenen der Zivilgesellschaften. Der euro-islamische Dialog steht im Fokus vieler Projekte.

„Political Patterns – Ornament im Wandel“ ist bis 3.Oktober in Berlin zu sehen sowie hernach von 21.Oktober bis 18.Dezember 2011 in der Stuttgarter ifa-Galerie. Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag: 14–19 Uhr. Adressen der Galerien: Linienstr. 139/140, 10115 Berlin. Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart. Teilnehmende Künstler: Aisha Khalid, Imran Qureshi, Philip Taaffe u.a.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2011)

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