Ein Nomade wird sesshaft

Der Schriftsteller Ilija Trojanow ist ein leidenschaftlicher Reisender. Im Interview verrät er, dass er zur Ruhe kommen will – und zwar in Wien. Vorher liest er bei den Literaturtagen in Hall.

(c) Hanser Verlag

Das war ja klar. Dass man einen Ilija Trojanow nicht so einfach am Handy anrufen kann. Den Autor des Bestsellers „Der Weltensammler“ kann man getrost einen modernen Nomaden nennen. Nicht umsonst hat ihn die historische Figur des britischen Abenteurers Richard Burton, der im 19. Jahrhundert Indien, Mekka und Ostafrika mit einer ganz und gar nicht kolonialistischen Einstellung besuchte, so fasziniert.

Burton hatte ein Faible für das Fremde, er schrieb Reisebücher, lernte unzählige Sprachen und übersetzte unter anderem das Kamasutra. Die Figur macht auch über die heute oft auftretende Ignoranz nachdenken: „Ich wollte verstehen, wie das 19. Jahrhundert immer noch unsere Art, über fremde Kulturen zu sprechen, beeinflusst.“ Gleich zwei Bücher Trojanows drehen sich um die Figur: einmal der „Weltensammler“, der 2006 den Leipziger Buchpreis erhielt. Und heuer erschien eine Art Postskriptum zum Roman: „Nomade auf vier Kontinenten“. In diesem Buch lässt Trojanow seine eigenen Erlebnisse bei der Recherche in Indien, Arabien und Nordamerika mit denen seiner Romanfigur kollidieren. Denn die beiden sind eindeutig Brüder im Geiste.

Fast überall

Ilija Trojanow stammt aus einer bulgarischen Familie, die nach Deutschland floh. Er lebte schon – eine sehr kleine Auswahl – in Kenia, Bombay, Kapstadt. Derzeit ist Trojanow sesshaft in einer im Vergleich dazu weniger spektakulären Stadt: In Mainz wurde er zum Stadtschreiber erkoren. Klingt außerordentlich praktisch für ein Telefoninterview. Aber nicht mit Ilija Trojanow. Erwischt wurde er schließlich in Bulgarien. Dort dreht er einen Film über „die fehlende Erinnerung an die totalitäre Vergangenheit, die dazu führte, dass die alten Machthaber als neue Oligarchie das Land kontrollieren und die demokratischen Mängel in Bulgarien so weiterführen.“

Die Frage liegt natürlich auf der Hand: Kommt der Posten als Stadtschreiber dem ewigen Reisenden Trojanow gelegen, immerhin hat er in einem Interview einmal gesagt, mittlerweile nerve es ihn, dass alle seine Bücher auf der ganzen Welt verstreut seien. Will er denn tatsächlich zur Ruhe kommen? Die Antwort des Autors ist überraschend: Er wird seine Bibliothek bald in Wien zusammenführen. Eine Wohnung hat er schon.
Vorher geht die Reise aber noch ins gar nicht so exotische Hall in Tirol. Dort wird Ilija Trojanow beim Literaturfestival „Sprachsalz“ zu Gast sein. Zusammen mit Frank McCourt, Ruth Weiss oder Raoul Schrott. Vielleicht hat er auch schon Auszüge seines neuen Opus im Gepäck. Im Herbst erscheint „Kampfansage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen“.

Wohl auch, weil ihn diese fremden Kulturen nie loslassen werden, sagt er dann doch: „Die Ruhelosigkeit wird mich so bald nicht verlassen. Ich komme immer wieder in der Fremde heim“. Aber wo ist der Kosmopolit nun zuhause? Die Antwort fällt eher kitschig aus – oder ist es nur dieser Hauch von orientalisch-poetischem Überschwang? „In den Gesichtern der Menschen, die ich liebe.“

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