Comic: Beim Teutates, jetzt ist auch Asterix retro!

Der 36. Band erzählt die Genesis der gesamten Reihe – als verlorenes, nur mündlich tradiertes Kapitel von Cäsars „De Bello Gallico“: Gute Idee und ganz gut erzählt.

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Asterix: „Der Papyrus des Cäsar“ – (c) APA/EPA/EDITIONS ALBERT RENE / H (EDITIONS ALBERT RENE / HO)

Viele Leute“, sagt Miraculix, „neigen dazu zu glauben, was geschrieben steht. Ein seltsames Phänomen!“ Damit umreißt der weise Druide das Thema des 36. „Asterix“-Bandes, „Der Papyrus des Cäsar“: Es geht um Medien. Etwa um Zeitungen wie „Imago“, „Tempus“ oder die „Gallische Revue“, in der sich u. a. ein Horoskop findet, ein keltisches Baumhoroskop natürlich.

Und es geht um ein allen Lateinschülern wohlbekanntes Buch, Caesars „Commentarii de Bello Gallico“. Genauer: um ein Kapitel – das 24., über die Zahl kann man grübeln –, das dem Verleger Syndicus nicht ins Marketingkonzept passt. Es schildert nämlich „Rückschläge im Kampf gegen die unbeugsamen Gallier in Aremorica“. Seine Unterkapitel heißen: Tour durch Gallien (entspricht wohl dem Asterix-Band sechs), Der Avernerschild (Band elf), Die spanische Geisel (Band 14), Agent Destructivus (15), Die Trabantenstadt (17), Korsika (20).

Das nennt man Selbstreferenz! Das Kapitel wird jedenfalls gestrichen, dem nubischen Schreiber Bigdatha gelingt es aber, eine Kopie zu entwenden und Polemix zuzuspielen, der „Kolporteur ohne Grenzen“ sowie Rom-Korrespondent der „Gallischen Revue“ ist und ein wenig an Julian Assange erinnert. „Dieses Dokument wird das römische Reich bis in seine Grundfesten erschüttern!“, erklärt er Obelix. Dieser ist davon nicht erschüttert, er, durch Fasten (nur drei Wildschweine am Tag) geschwächt, interessiert sich mehr für die Tauben, die der Journalist in einem Korb trägt. Sie „dienen nur dem Versand von Kurznachrichten“, erklärt dieser, und Obelix antwortet knapp: „Hm . . . Auch eine Art Diät!“

Pirat Dreifuß zitiert Juvenal

Das ist einer von etlichen ganz hübschen Dialogen in diesem Band. Doch ganz kommt Jean-Yves Ferri an die Wortkunst des 1977 gestorbenen Asterix-Texters René Goscinny auch beim zweiten Versuch nicht heran. Immerhin, er bemüht sich, auch mit dem obligaten Bildungszitat: „Dat veniam corvis, vexat censura columbas“ (Die Kritik verzeiht den Raben, aber schilt die Tauben; aus Juvenals Satiren), sagt der belesene Pirat Dreifuß, als eine Brieftaube dem Ausguck ins Aug fliegt.
Zu den Brieftauben, die zum Teil SMS befördern, aber auch Anhänge tragen können, kommen Eichhörnchen, die „Twitt!“ machen, nachdem ein Druide ihnen auf dem Schilfrohr „Twiiiiiet!“ vorgespielt hat: „Das ist unsere altbewährte Rohrpost“, sagt Miraculix. Im Wesentlichen verlassen sich die Druiden freilich auf die mündliche Tradition, die am Schluss triumphiert.

So ist es auch Majestix nicht vergönnt, alternative „Commentarii“ zu schreiben: „Du bist ja nicht einmal in der Lage, einen Einkaufszettel zu entziffern“, sagt seine Gattin, Gutemine, so giftig, wie man sie kennt. Auch alle anderen Bürger des Dorfes enttäuschen die Erwartungen nicht, Troubadix darf wieder einmal eine spezielle Rolle spielen: als Phase zwei des Notprotokolls – versteht sich, dass das in den Ohren schmerzt. Beim finalen Festmahl ist er dennoch nicht (wie in den meisten Bänden) geknebelt und gefesselt, Automatix gebietet ihm nur zu schweigen, während Miraculix schläft, Obelix (wieder) frisst und Idefix die Tauben anknurrt.

Ist mit diesem ganz gut geglückten Abenteuer die „Asterix“-Serie – nach dem enttäuschenden Band 35 – wieder auf dem alten Niveau? Nicht wirklich, und das Retrothema wird sich kein zweites Mal ausgehen. Obwohl, nach Vindobona sollten Asterix und Obelix schon noch einmal reisen, am besten in Begleitung von Troubadix, der kann sich dann von der Bardentruppe Wanda nach Bononia entführen lassen . . .

Und wenn wir schon beim Wünschen sind: Die „handgeschriebenen“ Blockbuchstaben, die seit einem gefühlten Jahrzehnt in den „Asterix“-Sprechblasen stehen, wirken immer noch manieriert. Warum kein Comeback der guten alten Druckschrift?

„Asterix“-Geschichte

1959 wurde Asterix von Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo für die französische Jugendzeitschrift „Pilote“ erfunden. Die beiden schufen miteinander 23 Bände.

1977 starb Goscinny. Der Verlag Gardaud zwang Uderzo, den Band 24 („Asterix bei den Belgiern“) allein fertigzustellen. Darauf gründete Uderzo seinen eigenen Verlag, Les ?ditions Albert René, und führte die Reihe allein weiter, nun auch als Texter.

2011 stellte Uderzo als neuen Texter Jean-Yves Ferri vor. 2013 erschien Band 35 („Asterix bei den Pikten“), heute, am 22. Oktober 2015, kommt „Der Papyrus des Cäsar“ in den Handel, gezeichnet hat Didier Conrad. Es ist nach „Die Lorbeeren des Cäsar“ (1974) und „Das Geschenk Cäsars“ (1976) der dritte Band mit dem römischen Kontrahenten von Asterix und Co. im Titel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2015)

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