Lesezeit: Kinderbuch der Woche

Allerlei Sex

Wer, bitte, wusste das? Der Penis des Libellenmannes hat – für den Fall, dass vor ihm schon einer da war – eine Art Löffelvorrichtung, um den Samen des Vorgängers wegzuschaffen. Er selbst beginnt erst, wenn alles blitzeblank ist.

Der Klett Verlag, bekannt für schräg-lustige und unkonventionelle Bücher, hat mit „Das Liebesleben der Tiere“ ein wahres Feuerwerk der humorvollen Sexbetrachtungen herausgebracht. Unter „Bestechung, Bezahlung, Geschenke“ finden sich die Eisvögel ebenso wie Javeneraffen. Im Kapitel „Ganz schön sportlich“ sind Fledermäuse (ja, kopfüber!) ebenso wie Plattwürmer (Penisfechten!) aufgelistet. Auch Schwangerschaft, Geburt und Familienleben bleiben nicht ausgespart, sondern werden, ganz im Gegenteil, durch detaillierte Zeichnungen in Szene gesetzt.

Weil das Thema Aufklärung ja heute oft bierernst angegangen wird, kann man dieses Büchlein als Starthilfe für ein Gespräch jedenfalls empfehlen. Wer auf der sensibleren Seite zuhause ist, sei aber gewarnt: Im Tierreich geht’s oft heftig zu, und das Buch spart nicht mit Details.

Alter: Laut Verlag ab acht.
Erschienen bei Klett Kinderbuch, 144 Seiten, 18,50 Euro.

Kurzrezensionen von Rosa Schmidt-Vierthaler >>>

(c) Klett Verlag

Eine pinguingroße Marry Poppins

Sie ist in etwa so groß wie ein Pinguin, spricht Vorwärts – und Rückwärtszisch, hat stets einen Tropenhelm auf dem Kopf und entwickelt ganz wunderbare Ideen in ihm. Sie benutzt Worte wie „seltwürdig“ und geht gern auf „Salafari“, was ihr allgemeiner Ausdruck für Abenteuer außer Haus ist. Wer möchte „die kleine Dame“ nicht zur Freundin haben?

Seit dem ersten Band der Reihe von Stefanie Taschinski wohnt sie mit Lilli und ihrer kleinen Schwester Haus an Zelt, doch nun, im vierten großen Abenteuer, wollen Lillis Eltern ausziehen, was die Mädchen und die kleine Dame freilich zu verhindern suchen. „Die kleine Dame melodiert ganz wunderbar“ beleuchtet das Leben Brezelhaus näher und lässt dem allzeit grantigen Hausmeister Leberwurst eine besondere Rolle zukommen. Mit dem federleichten Charme einer Mary Poppins – sie hat nur statt eines Schirms, mit dem sie fliegen kann, ein Chamäleon, das sie unsichtbar macht – erobert die kleine Dame die Leser. Bleibt zu hoffen, dass dem vierten Band noch viele weitere folgen: Es sind die perfekten abendlichen Vorlesebücher.

Alter: Ab acht Jahren.
Erschienen bei Arena, 184 Seiten, 12,99 Euro.

(c) Arena

Atmosphärisches Abenteuer

"Viele halten den Chief für meinen Besitzer. Aber der Chief ist keiner, der andere besitzen will. Er und ich sind Geschäftspartner. Und Freunde." Es ist eine recht ungewöhnliche Konstellation, auch für ein Kinderbuch: Sally Jones, das wird nach ein paar Seiten deutlich, ist eine Gorilladame. Sie spricht nicht, kann aber schreiben, Werkzeuge schmieden, Schach spielen. In ihren ersten Erinnerungen saß sie mit einer Kette um den Hals auf einem Steinboden. Der Chief ist ihr Freund; ein Seemann, der unter Mordverdacht gerät. Um seine Unschuld zu beweisen, verlässt Sally die dunklen, engen Gassen Lissabons und folgt dem Kriminalfall bis nach Indien.

Der schwedische Autor Jakob Wegelius wurde für „Sally Jones. Mord ohne Leiche“ im Oktober verdientermaßen mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geehrt. Der düstere Abenteuerroman besticht durch seine kunstvolle Struktur; er ist packend, aufwühlend, hintergründig - eben echte Literatur für junge Leser.

Alter: Dem Verlag zufolge ab neun Jahren, aber besser erst ab zehn oder elf.
Erschienen im Gerstenberg-Verlag, 624 Seiten, 19,95 Euro.

Ein Sammelsurium der Schätze

"Zweihundert Jahre lang suchten europäische Abenteurer nach Eldorado, einer verlorenen Stadt aus Gold in Südamerika, aber alles, was sie fanden, war die Erkenntnis, dass nicht alles Gold ist, was glänzt." Vier Seiten widmet das Buch "Die größten Schätze aller Zeiten" dieser Legende, erzählt von Konquistadoren und furchtlosen Frauen, von Landkarten und einem heiligen See. Vier Seiten bekommen auch all die anderen Schätze: Die Brüder Sass werden ebenso vorgestellt wie die Fabergé-Eier, die Terrakotte-Armee ebenso wie die Bundeslade.

Raphael Honigstein und Caroline Attia erzählen die faszinierenden Geschichten von zwei Dutzend Schätzen in klaren Worten, mit farbenfrohen Bildern in einem wunderschön gestalteten Buch. Das Sammelsurium von Abenteuern entführt den kleinen Leser in die verschiedensten Winkel der Welt, in die verschiedensten Epochen, in die verschiedensten Köpfe. Ein wunderbares Sachbuch, rundherum gelungen.  (rovi)

Alter: Ab acht Jahren.
Erschienen bei Kleine Gestalten. 96 Seiten.

 

 

(c) Kleine Gestalten

Der erste Programmierer war eine Frau

Ein Porträt über ein tatsächlich außergewöhnliches Mädchen legt der Knesebeck Verlag vor. Ada Lovelace ist die Tochter von Lord Byron und einer selbstbewussten Mathematikerin, die den Dichter schon früh verließ. Die kleine Ada, 1815 geboren, sollt nach dem Wunsch ihrer Mutter vor allem keine blühende Fantasie entwickeln. Lyrik ist verboten.

Wie das Mädchen vor dem Hintergrund der industriellen Revolution mit ihrem Erbe und ihrem Erfindungsgeist umgeht, zeigt „Ada Lovelace und der erste Computer“. Computer in dieser Zeit? Natürlich nicht, aber die ersten Rechenmaschinen. Und Lochkarten, mit denen ein Webstuhl gespeist wird. Die kunstvollen, außergewöhnlichen Illustrationen stehen gegenüber dem Text ein wenig zu sehr im Vordergrund, aber insgesamt ist das Buch jedenfalls eine neue Leseerfahrung: Eine logische Welt der Fantasie, in der eine Frau zum ersten Programmierer wird. (rovi)

Alter: Ab sechs Jahren.
Erschienen bei Knesebeck. 40 Seiten.

 

(c) Knesebeck

Die Geschichte eines Wolfskönigs

Wie kann man Lobo fangen, diesen Wolf, der so listig, stark und erfinderisch wie kein anderer ist? Das fragen sich die Farmer des Currumpaw-Tals, die ihre Rinder an ihn verlieren. 1893 wird ein Preis auf seinen Kopf ausgesetzt - und viele versuchen, ihn zu töten: Der eine Jäger zieht mit 29 großen Hunden los, ein anderer versuchte es mit Zaubermitteln und Beschwörungsformeln, ein nächster mit Gift. Alle erfolglos. Bis sich ein Forscher und Wolfsjäger namens Seton auf eine Jagd begibt, die sein Leben verändern wird.

„Die Wölfe von Currumpaw“ ist ein eindringliches und anspruchsvolles Buch, inhaltlich wie ästhetisch. Der Illustrator William Grill zieht die Spannung eines Abenteuerromans in ein detailgenaues Sachbuchs: Es werden 130 Wolfsfallen aufgezeichnet, Wege, Pläne, verendende Tiere. Große Bildformate und kleinteiliges Schildern wechseln einander ab, der Stil ist Lesern des vielfach ausgezeichneten Vorgängers „Shackletons Reise“ bereits bekannt. Übrigens: Die Erzählung über Lobo hat der Forscher und Jäger Seton aufgeschrieben. Danach jagte er nie wieder einen Wolf. (rovi)

Alter: Ab sieben Jahren.
Erschienen im NordSüd Verlag. 80 Seiten.

(c) Nordsüd Verlag

Anatomie als federleichte Bauanleitung

Der Plan ist klar: "Heute baut sich Susa einen großen Bruder. Nicht so ein kleines Baby wie ihre Schwester Marianna, die nur krabbelt". Der Weg dahin mag einem Erwachsenen schwierig erscheinen, doch das Mädchen weiß genau, was es zu tun hat: Zuerst kommen die Knochen, dafür wird gesägt und geschnitten. Damit alles gut hält, befestigt Susa sie mit Gummibändern aneinander, sie fabriziert sogar verschiedene Muskelformen. Mit Susa und ihren Kuscheltieren sind staunende, ratgebende, kleberhaltende Profis am Werk.

Doch das war nur der Anfang: Natürlich fehlen noch ein Gehirn sowie Nase, Mund und Ohren, all das bringt Susa fachkundig an. Mit Elekrokabeln fabriziert sie Nerven, damit das Gehirn auch erfährt, was die Sinne wahrnehmen. Das Buch "Ich bau mir einen großen Bruder" bringt komplizierte Körperfunktionen so spielerisch leicht, so kunterbunt fröhlich auf den Punkt, dass man nur staunen kann. Zähne, Magen, Nieren, Blase - auf 64 Seiten geht die französische Illustratorin Anaïs Vaugelade in die Tiefe. Es gibt mittlerweile viele wunderbare Sachbücher für Kinder, dieses hat einen besonderen Platz verdient. (rovi)

Alter: Ab sieben Jahren.
Erschienen im Moritz Verlag, 64 Seiten.

(c) Moritz Verlag

Preußlers Klassiker für noch kleinere Leser

"Die Kleine Hexe" wird ewig 127 Jahre alt bleiben, das Ursprungsbuch von Ottfried Preußler feiert nun aber seinen 60. Geburtstag - und ließ sich ein Bilderbuch zur Seite stellen. Der Text wurde von Preußlers Tochter vorsichtig auf zwei Episoden gekürzt, wobei die Tonalität erhalten blieb: Der Rabe Abraxas darf etwa weiterhin "ausnehmend weise" sein und ist nicht etwa clever geworden. Die Hexe geht "schnurstracks" zum Krämerladen und "nimmt sich des Mädchens an", das die Papierblumen verkauft.

Der bekannte Illustrator Daniel Napp hat die Farben gemischt und der Kleinen Hexe rote Backen und ein wundervoll schiefes Häuslein mitgegeben.

Und die Handlung? Die liebenswerte Geschichte der Hexe, deren sehnlichster Wunsch es ist, mit den großen Hexen auf dem Blocksberg herumfliegen zu dürfen, ist natürlich auch nach 60 Jahren noch eine gute Geschichte. Nicht umsonst wurde sie in fast 50 verschiedene Sprachen übersetzt. Schön, dass sie nun auch als Bilderbuch zu lesen ist - aber kein Grund, das Original nicht ein paar Jahre später noch einmal zur Hand zu nehmen. (rovi)

Alter: Ab vier Jahren.
Erschienen bei Thienemann.

 

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