Nationalbibliothek: Vom Papyrus zur Digitalbibliothek

Die Österreichische Nationalbibliothek feiert das 650. Jubiläum opulent mit einer Schau im Prunksaal, mit Highlights wie Mozarts Requiem oder einer Gutenberg-Bibel.

Dieses Aquarell eines bengalischen Tigers im Tiergarten Schönbrunn – geschaffen von Hofbotanikmaler Matthias Schmutzer um 1799 – ist das Objekt des Monats Mai bei der Jubiläumsausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek.
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Dieses Aquarell eines bengalischen Tigers im Tiergarten Schönbrunn – geschaffen von Hofbotanikmaler Matthias Schmutzer um 1799 – ist das Objekt des Monats Mai bei der Jubiläumsausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek.
Dieses Aquarell eines bengalischen Tigers im Tiergarten Schönbrunn – geschaffen von Hofbotanikmaler Matthias Schmutzer um 1799 – ist das Objekt des Monats Mai bei der Jubiläumsausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek. – (c) ÖNB

Das Objekt mit seinen fünf goldenen Löwenköpfen und goldenen Sonnenstrahlen sieht aus wie eine veritable Schatztruhe, es ist durch und durch der reine Luxus: Johannes von Troppau, Kanonikus in Brünn, hat die vier Evangelien des Neuen Testaments auf 189 Pergamentblätter in Gold geschrieben, mit kunstvollen Initialen,Wappen und Miniaturen versehen, in einen massiven Prachteinband gesteckt. Auf dem letzten Blatt führt der Geistliche stolz seinen Namen und seine Ämter an sowie das Jahr, in dem er dieses Buch vollendet hat: 1368. Sein Auftraggeber war Herzog Albrecht III. von Österreich, und dadurch erhalten das Evangeliar wie auch die Jahreszahl eine besondere Bedeutung. Mit diesem Werk beginnt sozusagen die Büchersammlung der Habsburger. Für die Österreichische Nationalbibliothek ist 1368 die Genesis.

„Wir haben keine Gründungsurkunde, sondern einen Gründungskodex“, sagte Generaldirektorin Johanna Rachinger am Mittwoch vor der Eröffnung einer großen Ausstellung im Prunksaal, mit der diese traditionsreiche Institution ihr 650. Jubiläum begeht. Das ganze Jahr über gibt es am Josefsplatz ein dichtes Festprogramm, im Zentrum aber steht eine Schau der Superlative, die Michaela Pfundner kuratiert hat. Die 170 Objekte – Pergamente, Noten, Landkarten, Dokumente, Bilder, Fotos, Grafiken etc. – sind durchwegs bedeutend, einige werden (wohl aus konservatorischen Gründen) nur kurz gezeigt. So gibt es zwölf wechselnde Objekte des Monats, unter denen sich ein Blatt von Mozarts unvollendetem Requiem befindet, ein 1900 Jahre alter Papyrus zum Indienhandel, ein Tiger-Aquarell von Matthias Schmutzer (siehe Bild) oder auch Ingeborg Bachmanns Typoskript des Gedichtes „Böhmen liegt am Meer“. Zu solch exklusiven Werken gibt es im jeweiligen Monat Vorträge von Experten, im Juni zum Beispiel über eine rare Gutenberg-Bibel, die 1460 in Wien von Buchmalern verziert wurde, oder im November über ein Weltdokumenterbe der Unesco: die sieben Meter lange „Weltkarte“ Tabula Peutingeriana, die 800 Jahre alte Kopie einer antiken Straßenkarte.

 

Erotische Satire von Voltaire

Prinz Eugen hatte sie einst erworben, dessen Sammlung wurde 1738 in die Hofbibliothek integriert und ist nun zentral im Prunksaal zu sehen. Auch weitere bedeutende Zukäufe werden abgehandelt. Als die einst schwerreichen Fugger in Finanznöte geraten waren, kaufte ihnen Ferdinand III. ihre Bibliothek ab: 15.000 Bände für 15.000 Gulden – ein Schnäppchen für Wien. Bedeutend war auch der Erwerb der Papyrussammlung durch Erzherzog Rainer. Er schenkte sie Kaiser Franz Josef I. 1899 zum Geburtstag, mit der Bitte, dass er sie als Spezialsammlung der Hofbibliothek zuweise. Sie umfasst inzwischen mehr als 180.000 Objekte.

Die Schau ist zugleich Mediengeschichte, von der Antike bis zur weit fortgeschrittenen Digitalisierung der Bestände der Nationalbibliothek. Dunkle Kapitel spart man nicht aus. In einer Vitrine wird der Bücherraub der NS-Zeit behandelt. In einer anderen sind Kataloge verbotener Bücher ausgestellt: Gerard van Swieten, Leibarzt Maria Theresias, war auch für die Zensur zuständig. Das Verzeichnis diente manchem Höfling wohl als Anregung, sich intensiver mit Politika oder Erotika wie etwa Voltaires erotischer Satire „La Pucelle d'Orléans“ intensiver zu beschäftigen. Angeblich wurde dann sogar für einige Zeit der inkriminierende Katalog verboten. Im Vergleich zum „ältesten Zettelkatalog der Welt“ wirkt er ohnehin recht schmal: Dieser voluminöse Josephinische Kapselkatalog wurde um 1780 angelegt.

Baupläne, vollendete wie auch verworfene, runden die Ausstellung ab. (Apropos: der geplante Tiefenspeicher am Heldenplatz findet sich nicht im neuen Regierungsprogramm.) Auch für verspielte Besucher gibt es eine Attraktion. Wer wissen will, welche mythologischen Figuren sich mit welchen Symbolen auf dem Kuppelfresko des Hofmalers Daniel Gran im Prunksaal tummeln, der kann auf interaktivem Screen Habsburgs Herrlichkeit im Detail studieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2018)

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