Das ist kein #MeToo-Roman

Eine Vergewaltigung mit Glassplittern im Rücken und ein Autor, der eine Frau in den Selbstmord treibt: Lina Wolffs preisgekrönter Roman „Die polyglotten Liebhaber“.

Erhielt für ihren Roman den wichtigsten schwedischen Literaturpreis: die 45-jährige Lina Wolff.
Erhielt für ihren Roman den wichtigsten schwedischen Literaturpreis: die 45-jährige Lina Wolff.
Erhielt für ihren Roman den wichtigsten schwedischen Literaturpreis: die 45-jährige Lina Wolff. – (c) Privat

Zart besaitet, aber machohaft, wenn erwünscht – diesen Mann sucht ja wohl nicht nur die Mittdreißigerin Ellinor. Als „zärtlichen, aber nicht allzu zärtlichen“ Mann formuliert die 36-jährige Dänin Ellinor ihr männliches Wunschformat in ihrer Suchanzeige auf einer Datingseite. Bevor sie dadurch aber im eisigen Stockholm auf einen Literaturkritiker mit dem merkwürdigen, an eine griechische Nymphe erinnernden Namen Calisto stößt und sich die verhängnisvollen Ereignisse häufen, erfahren wir im Roman „Die polyglotten Liebhaber“, was Ellinor sonst so bereits an Männern hatte.

Da ist die erste Liebe Johnny, der sich als Psycho entpuppt, der rauflustigen Ellinor das Kämpfen beibringt und sie, als sie nicht mehr gertenschlank ist, mit einer ersten Lebensweisheit zurücklässt: „Damals wurde mir klar, dass es nicht darauf ankommt, bei Verstand zu bleiben. Es kommt darauf an, nicht einsam zu sein.“ Dann, im oft bedrohlich wirkenden Dschungel der Datingplattformen, stößt Ellinor auf Klaus Bjerre aus Kopenhagen, der schon erträglich wäre, würde er nicht zu viel trinken. Als er sich entschließt, damit aufzuhören, hasst sie ihn bereits – und haut ab.


Der geheime Houellebecq. Und dann kommt eben Calisto, der feinsinnige Literaturkritiker, der hinter seinen Bücherreihen eine zweite Reihe versteckt hat – mit lauter Houellebecq-Romanen. (Man könnte einwenden: So viel hat der Franzose auch wieder nicht geschrieben, aber das ist ein Detail.) Das Ergebnis dieser Begegnung: unfreiwilliger Sex mit Glassplittern im Rücken.

Man darf sich nicht täuschen lassen von der schwedischen, heute in Spanien lebenden Autorin Lina Wolff, die für „Die polyglotten Liebhaber“ den Augustpreis, den wichtigsten schwedischen Literaturpreis, erhalten hat. Was nach einer gebrauchsfertigen #MeToo-Opfergeschichte klingt – aus einem Land, dessen weltberühmte, den Literaturnobelpreis vergebende Akademie selbst durch eine Geschichte um sexuellen Missbrauch tief kompromittiert ist –, ist in Wahrheit ziemlich kompliziert gestrickt. „Ich werde nicht sagen, er hätte mich vergewaltigt“, stellt Ellinor klar, „denn eine Frau wie ich wird nicht vergewaltigt. So sieht's aus, so ist es immer gewesen, schließlich habe ich nicht gelernt, wie man kämpft, um dann als Opfer zu enden.“

Ellinor ist eine Kämpferin, eine Einzelkämpferin (von Freundinnen erfährt man nichts), und sie steigt immer wieder in den Ring mit Männern, ihrer einzigen erhofften Waffe gegen die Einsamkeit. Im Fall Calisto gewinnt Ellinors farbloses Leben dadurch zumindest großartig an Fahrt. Aus Rache zerstört sie nämlich das einzige Exemplar eines Buchs, das ein Schriftsteller Calisto anvertraut hat. Es trägt den Titel „Die polyglotten Liebhaber“.

Ein Fluch vor dem Fenstersturz. Dadurch wird ein weiteres Paar in die Geschichte verstrickt: der betroffene Schriftsteller Max Lamas, der sich von seinem Buch buchstäblich Erlösung erhofft hat. Eine Frau hatte ihn, bevor sie sich aus dem Fenster stürzte, verflucht. Und seine blinde, weise Exfrau Mildred Rondas, die die emotionalen Verknotungen auf den Punkt bringt: die Sehnsucht nach und zugleich die Schrecken der Intimität, den Hass auf jene, bei denen man sie vergeblich sucht.

„Verstehst du, Ellinor?“, erklärt Mildred. „Manche Menschen können ohne sie leben [. . .] Andere würden verrückt werden. Und Calisto gehört zu letzterer Kategorie. Ohne Intimität, ohne jene dunklen Räume zerfällt er zu Staub wie ein Vampir im Sonnenlicht. So ist er. So bin ich, und so ist Max Lamas, der das Manuskript geschrieben hat. Und vielleicht bist du auch so.“ Und so träumt auch Max Lamas von der „polyglotten Liebhaberin“, die dieselben Sprachen spräche wie er und mit der er sich in allen Sprachen unterhalten könnte.

Im dritten Teil verliert der Leser Ellinor aus den Augen. Lamas dient als Bindeglied zur Geschichte einer jungen adeligen Italienerin und ihrer skandalumwitterten Marchesa. Hier wünschte man, die 45-jährige Autorin hätte nicht noch mehr gewollt, als sie kann. Es hätte vollauf gereicht.

Neu Erschienen

Lina Wolff

„Die polyglotten Liebhaber“

Übersetzt von
Stefan Pluschkat Hoffmann und Campe
288 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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