Robert Menasse: Was heißt da "Betrug"?

Zwei Vorwürfe stehen im Raum: dass ich erstens Walter Hallstein, den ersten Präsidenten der Europäischen Kommission, mit Sätzen zitiert habe, die sich wörtlich so nicht in seinen Schriften wiederfinden lassen. Und dass ich zweitens einen Besuch Hallsteins in Auschwitz „erfunden“ habe. Worum es in Wahrheit geht: eine Replik.

„Als erste europäische Realität sieht unser Einigungswerk den europäischen Menschen, den Europäer als Einzelwesen.“ Walter Hallstein, 1901 bis 1982.
„Als erste europäische Realität sieht unser Einigungswerk den europäischen Menschen, den Europäer als Einzelwesen.“ Walter Hallstein, 1901 bis 1982.
„Als erste europäische Realität sieht unser Einigungswerk den europäischen Menschen, den Europäer als Einzelwesen.“ Walter Hallstein, 1901 bis 1982. – (c) Friedrich / Interfoto / pictured (Friedrich)

Armer Walter Hallstein! Plötzlich geistert dieser historisch so bedeutende Mann, der erste Präsident der Europäischen Kommission, als Fälschung durch die Medien. Und schuld daran bin ich. Zwei Vorwürfe stehen im Raum: dass ich erstens Hallstein mit Sätzen zitiert habe, die sich wörtlich so nicht in seinen Schriften wiederfinden lassen. Und dass ich zweitens einen Besuch Hallsteins in Auschwitz „erfunden“ habe – konzediert wird immerhin: in einem Roman und in Diskussionen über diesen Roman. Aber warum sind die Begriffe plötzlich so groß, mit denen einem Schriftsteller zugesetzt wird? Warum wird gleich mit „Fälschung“ und „Betrug“ operiert?

Zunächst einmal aus einem einfachen Grund: Wenn Menschen eine historische Persönlichkeit kennen und zu wissen glauben, wofür sie stand, dann erscheint ihnen jeder Satz, jedes Aperçu, jedes geflügelte Wort, das dem entspricht, was sie vermuten, als stimmig. Ja, so war die Persönlichkeit, ihre Haltung, ihr Charakter, ihre Vision, ihr Anspruch. So ist es zum Beispiel mit Willy Brandts Satz „Es wächst zusammen . . .“ – er hat ihn wohl gesagt, nicht wörtlich so, wie wir ihn kennen, und jedenfalls nicht bei der großen öffentlichen Kundgebung am Tag nach dem Mauerfall.

Walter Hallstein aber ist weitgehend vergessen, seine Reden und Stellungnahmen sind nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert. Wenn nun also ein Historiker sagt, dass es einen Hallstein-Satz, den ich verwendet habe, als belegbares Zitat nicht gibt, dann kann man nur deshalb daraus eine künstliche Aufregung – Fälschung! Lüge! Betrug! Fake! – produzieren, weil es keine Öffentlichkeit gibt, die weiß: Natürlich fasst das vermeintliche Zitat zusammen, wofür Hallstein als Kommissionspräsident stand. Aber es gibt einen zweiten, gewichtigeren Grund, gewissermaßen eine politische Wetterlage, die dieses mediale Gewitter im größeren, sozusagen im klimatischen Zusammenhang erklärt.

Bevor ich darauf eingehe, sind zwei Dinge festzuhalten. Erstens: Ich wurde nicht „entlarvt“, sondern ich habe selbst, etwa bei Lesungen oder Buchpräsentationen, auf Fragen nach den Zitaten verschiedentlich darauf hingewiesen, dass ich Walter Hallstein nicht wörtlich, sondern sinngemäß wiedergegeben habe. Zweitens will ich mein Hallstein-„Zitat“ genauer ausweisen.

Ich habe die Quelle immer genannt, nämlich die Römische Rede Hallsteins vom 15. Oktober 1964. Verbürgt ist Hallsteins Feststellung, dass keine europäische Nation allein den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sein kann. Er stellt in dieser Rede klar, dass das europäische Einigungswerk nicht auf einer „schemenhaften Idee“ oder einem „nebelhaften Traum“ aufbaut, sondern auf der „Wirklichkeit“, den „Realitäten Europas“. Und was sind diese? „Als erste europäische Realität sieht unser Einigungswerk den europäischen Menschen, den Europäer als Einzelwesen.“ Das folgt klar dem berühmten Satz von Jean Monnet, dass es beim europäischen Projekt darum gehe, „Menschen zu einen und nicht Nationen zu integrieren“. Und wie sieht Walter Hallstein nun den „Europäer als Einzelwesen“? „Als Mitglied seiner Familie, als Angehörigen seiner Gemeinde, seiner Heimatregion, seines Volkes.“ Weit und breit keine Nation als „Realität“ der notwendigen Politik oder Identitätsstiftung.

Hallstein zitiert den französischen Außenminister Robert Schuman, dass es um eine „Solidarität der Tatsachen“ gehe, „d. h. eine Solidarität gemeinsamen Handelns, gemeinsamen menschlichen Tuns“, und das ist als europapolitisches Programm etwas deutlich anderes als die von Nationalisten geforderte Verteidigung „nationaler Interessen“ in der Union. Daher hat Hallstein die Europäische Kommission als eine „supranationale“ und nicht als eine „internationale Institution“ verstanden und aufgebaut, wodurch bekanntlich der Konflikt mit Charles de Gaulle entstand. So nebenbei räumt Hallstein auch mit der Mär auf, dass das Projekt, „das Zusammenleben der europäischen Menschen neu und besser ordnen (zu) wollen“, bloß von Wirtschaftsinteressen angetrieben sei: „Denn wollten wir nur durch die Schaffung eines gemeinsamen Marktes gewaltige wirtschaftliche Kräfte freisetzen und Menschenmassen dorthin bewegen, wo sich ihre Arbeit am schnellsten in ökonomischen Nutzen verwandelt, so würden wir vergessen, dass der Mensch eben nicht nur ein Homo oeconomicus oder ein Homo Faber ist. Wir sehen aber in der Maximierung des Sozialprodukts nicht das alleinige Ziel menschlicher Beziehungen. Gerade hierin unterscheiden wir uns von den Systemen der Unfreiheit.“ Und man möchte hinzufügen: auch von den Regierungsprogrammen so mancher europäischer Staaten im Wettbewerb der Nationen.

Walter Hallstein kommt auf die Bedingungen der Menschen in ihren jeweiligen Lebensräumen zu sprechen, darauf, dass es nicht genüge, „die überkommenen Grenzen aufzuheben“, sondern dass es Anspruch sein müsse, die „traditionellen Ungleichgewichte zwischen den Regionen“ aufzuheben. Der Römische Vertrag fordere, „dass der Abstand zwischen den einzelnen Gebieten verringert werde. Die regionalpolitische Verantwortung der Gemeinschaft gilt dabei nicht nur den Räumen, in denen sich die Gefahr einer Überentwicklung abzeichnet, sondern ebenso den Gebieten, die wirtschaftlich schwächer entwickelt sind.“ Auch hier ganz deutlich: Es geht um die Chancengleichheit der Menschen in Europa, und nicht um die Konkurrenzfähigkeit der Nationen. So kommt Hallstein zu dem Punkt, dass „Regionalpolitik gleichsam alle diese Politiken (Anm.: Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik) durchdringen“ müsse. Auch umgekehrt gilt: „Immer, wenn wir Regionalpolitik machen, ist die Gesamtheit der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Spiel.“ Bei dieser Beschreibung des europäischen Einigungsprojekts ist – Simsalabim! – die nationale Ebene verschwunden!

In diesem Sinne räsoniert Walter Hallstein weiter, um schließlich die Nationalisten zu trösten: „Die Völker Europas wissen, dass sie das Maß an Selbstständigkeit, an Selbstbestimmung, das sie im europäischen Zusammenschluss aufgeben, auf höherer Ebene wiederfinden.“ Dann verwendet er den Begriff „Nationen“ als Synonym für „Völker“, deren „Kraftquellen“ nicht zu „lebendigerer Wirkung“ gebracht werden können, „indem wir ihre heutigen politischen Formen beibehalten“. Die heutigen politischen Organisationsformen der Völker sind eben die Nationen. Hallstein: „Es sind Formen, die in der Vergangenheit, in einer ganz bestimmten geschichtlichen Periode ihre Berechtigung (. . .) gehabt haben. Wir können aber die Zeit nicht anhalten.“

In dieser programmatischen, komplexen Rede beschreibt Walter Hallstein die Idee des europäischen Einigungswerks. Man kann sie wirklich nicht in einem Satz zusammenfassen. In einer wissenschaftlichen Arbeit hätte ich das selbstverständlich nicht gemacht.

Bei meinem Buch „Der europäische Landbote“ handelt es sich um einen literarischen Essay, und das „Manifest für eine Europäische Republik“ ist eben ein Manifest und nicht eine wissenschaftliche Arbeit. Wie gerade gezeigt, führt auch ausführliches Zitieren von Hallsteins Römischer Rede zu dem Bedeutungskern, auf den ich mich auch weiterhin berufen werde: dass es die Idee und der Anspruch des europäischen Einigungswerks sei, den Nationalismus und perspektivisch auch die Nationen zu überwinden. Nationen sind Geschichte, sie hatten ihre Zeit, aber Europa würde in der Befriedung des Kontinents und in der Bewältigung der Zukunft eine andere Form der demokratischen politischen Organisation entwickeln müssen. Weil mich dieser Gedanke so überzeugt hat, habe ich ihn prägnant zusammengefasst. Aber warum habe ich den Satz in Anführungszeichen gesetzt? Weil es Hallsteins Gedanke war, weil ich ihn nicht zuletzt ihm verdanke und nicht als meinen ausgeben wollte. Die Anführungszeichen waren, vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet, ein Fehler. Dafür entschuldige ich mich, das tut mir leid, niemand ist unglücklicher über diesen Fehler (und den meine Arbeit beschädigenden Wirbel) als ich. Im Vergleich zu der Frage, wohin die Europäische Union in Zukunft geht, im Vergleich zu Hallsteins großartiger Vision ist dieser Fehler aber eine Winzigkeit, er ist die Fußnote, die ich lieber hätte setzen sollen.

Es ist dutzendfach belegbar, dass die Gründungsväter der heutigen EU nationalstaatlichen Einfluss zurückdrängen wollten, weil ihnen nach zwei Weltkriegen bewusst war, wohin er führt. Eben deshalb hat Konrad Adenauer das Angebot der Sowjetunion ausgeschlagen, die beiden Deutschlands unter der Bedingung der Neutralität zu vereinen, weil es ihm nicht um das Nationale, sondern um politische Perspektiven ging. In einer Rede im deutschen Bundestag vom 12. Juli 1951 hat Adenauer den Nationalismus als „Krebsschaden“ bezeichnet, der „überwunden werden muss“.

Ich wurde gefragt, warum ich ausgerechnet Walter Hallstein als Kronzeugen verwendet habe, wo man doch bei Jean Monnet oder Spinelli oder anderen der Gründergeneration genug knackige Zitate findet, die dem Nationalismus den Prozess machen. Da hätte ich nicht Hallstein hervorkramen müssen. Aber ich hatte einen guten Grund: Gerade viele deutsche Konservative können sich ein Europa ohne deutsche Nation, gar ohne deutsche Führungsnation, nicht vorstellen, noch weniger seit der „nationalen Wiedergeburt“ Deutschlands durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Eben deshalb hat es mir besonderes Vergnügen bereitet, ihnen mit Walter Hallstein einen konservativen CDU-Politiker entgegenzustellen, der vor mehr als einem halben Jahrhundert gedanklich weiter war als sie heute. Dass die historische Figur Hallstein eine Rede in Auschwitz gehalten haben soll, hat mir im Zuge meiner jahrelangen Recherchen in der Kommission tatsächlich jemand erzählt – diese nicht nachgeprüfte Information habe ich in meinem Roman „Die Hauptstadt“ verwendet, denn für Romane gelten andere Regeln als für Doktorarbeiten. Falls dieses Detail als historisches Faktum missverstanden wurde, tut mir das leid. Ich kann, mich selbst kennend, auch nicht ganz ausschließen, dass in den Podiumsgesprächen, die Lesungen üblicherweise folgen, ich selbst zu einem solchen Missverständnis beigetragen habe.

Hallstein wurde am 7. Jänner 1958 zum Kommissionspräsidenten gewählt, die jährliche Feier der Befreiung ist am 27. Jänner. Daher habe ich es im Roman seine „Antrittsrede“ genannt. Aber ich fühle mich durch die Tatsache, dass seit Beginn meiner Recherchen in Brüssel Barroso und Juncker, davor überprüfbar Prodi, Santer und Delors in ihrer Eigenschaft als Kommissionspräsidenten in Auschwitz gesprochen haben, hinreichend gestützt, um weiterhin folgenden Satz als wahr zu bezeichnen: „Nie wieder Auschwitz!“ ist von Anfang an ein grundsätzlicher Anspruch des europäischen Einigungswerks! Wer will das ernsthaft leugnen?

Warum aber wird die Skandalisierung meiner Arbeit mit einem solchen Furor betrieben? Der Qualität eines Romans kann es wohl keinen Abbruch tun, ob eine historische Person wirklich an einem Ort war oder nicht. Man kann es einen Fehler nennen oder eine zu starke Dehnung des Denkbaren. Ebenso wenig nimmt die Tatsache, dass ich den Sukkus von Hallsteins Römischer Rede zusammengefasst und fälschlich als Zitat markiert habe, meinem europapolitischen Manifest seine Legitimation. Denn mein Engagement ist nichts Schöngeistiges, das in Sonntagsreden wie Weihrauch wabert und den Gläubigen wie eine Hostie auf der Zunge zergeht. Es ist ein klarer politischer Anspruch in Hinblick auf die Gestaltung unserer Zukunft.

Jeder politische Standpunkt hat politische Gegner. In Hinblick auf Europapolitik heißen die Gegner: Nationalisten. Ich weiß nicht, wie sehr den Schürern des „Skandals“, die mir in rasch hingeworfenen Artikeln „Fälschung“, „Bluff“ und „Lüge“ vorwerfen, klar ist, dass sie das Geschäft der Nationalisten befördern, aber ich weiß, dass die radikalen Nationalisten und Rechtsextremen Hallstein sehr genau gelesen haben. Sie haben ihn zu ihrem Todfeind erklärt. Denn er habe die Idee gehabt, „Nationen zu zerstören, ihre Unabhängigkeit zu beseitigen“, um eine „EUdSSR“ zu bilden und so weiter. So steht es wörtlich etwa auf der rechtsextremen Webseite „Gegen den Strom“, Stichwort Walter Hallstein, so schreibt ein Dutzend andere einschlägige Blogs.

Natürlich geht es nun auch darum, eine europapolitische Idee niederzukartätschen, eine Vision, die in den letzten Jahren vermehrt Zustimmung gefunden hat. Es geht um das Interesse der Nationalisten, die Gründungsidee des europäischen Einigungsprojekts zu verdrängen und jede Vision eines nachnationalen Europas als Spinnerei abzutun, gar als „Verschwörung zionistisch-bolschewistischer Kräfte“ (siehe „Gegen den Strom“). Wissen das die erregten oder höhnischen Journalisten und Blogger, die mir „Fälschung“ vorgeworfen haben – in vielen Fällen ohne die Hallstein-Rede gelesen zu haben? Sie selbst liefern – bewusst oder unbewusst – den Rechtsextremen Stoff. ■

Robert Menasse:

Geboren 1954 in Wien. Dr. phil. Erzähler, Essayist, Übersetzer. Bücher u. a.: „Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas“ (Zsolnay Verlag), zuletzt, bei Suhrkamp, der Roman „Die Hauptstadt“. Deutscher Buchpreis 2017. Sein Beitrag wurde für die zeitgleich erscheinende Ausgabe der „Welt“ verfasst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2019)

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