Judith Taschler: Die Rückkehr der Dämonen

Judith Taschler hat einen einprägsamen Roman über die Verbrechen des Pol-Pot-Terrors in Kambodscha und den Kampf gegen die Geister der Vergangenheit geschrieben.

Judith Taschler erzählt von einer Feier zum 50. Geburtstag, mit nicht nur angenehmen Überraschungen.
Judith Taschler erzählt von einer Feier zum 50. Geburtstag, mit nicht nur angenehmen Überraschungen.
Judith Taschler erzählt von einer Feier zum 50. Geburtstag, mit nicht nur angenehmen Überraschungen. – (c) Patrick Saringer

Die Dämonen der Vergangenheit sind widerstandsfähig. Plötzlich tauchen sie auf, unerwartet – und zerstören mit aller Wucht das mühsam errichtete Lebensfundament ihrer Opfer. So ergeht es Kim: Zum 50. Geburtstag haben seine Kinder sich eine besondere Überraschung ausgedacht und die mysteriöse Amerikanerin Tevi Gardiner eingeladen. Kim und Tevi waren als Kinder gemeinsam aus Kambodscha geflüchtet, nachdem sie die Hölle des Pol-Pot-Regimes (1975–1979) überlebt hatten. In Österreich hatten die beiden Asyl erhalten und waren bei Monika und ihrer Tochter Ines untergekommen. Ines und Kim gründeten später eine Familie, zu Tevi verloren sie den Kontakt.

Von Wiedersehensfreude kann aber keine Rede sein. Kim und Ines reagieren fast erschrocken auf den unerwarteten Besuch. Das Verhältnis zur ehemaligen Adoptivschwester wirkt distanziert, kühl. Am Abend eskalieren die Spannungen: Es kommt zum heftigen Streit zwischen dem sonst so gefassten Kim und Tevi. Eine Auseinandersetzung, die Kims Leben in eine neue Richtung führen wird.

Mordende Kinder. Die oberösterreichische Schriftstellerin Judith Taschler widmet sich in ihrem jüngsten Roman einem bleischweren Thema – und erzählt zugleich eine sehr persönliche Geschichte. Sie schreibt über Traumata, komplexe Täter-Opfer-Fragen, übers Fremdsein und Erlebnisse, die ihr wohl auch privat nahegehen: Die Eltern der Autorin hatten in den 1980ern Flüchtlinge aus Kambodscha aufgenommen.
Für dieses Buch recherchierte Taschler lang und reiste mit einer kambodschanischen Freundin durch das südostasiatische Land. Die profunde Auseinandersetzung mit dem Pol-Pot-Regime merkt man dem Roman an. Der Rote-Khmer-Steinzeitkommunismus, dieser grauenvolle Genozid, wird aus der Sicht von Kindern dargestellt. Für die wirre Utopie einer reinen Agrargesellschaft mussten damals in Kambodscha täglich 1500 Menschen sterben. Willkürliches Morden wurde zum Selbstzweck des Regimes. Die Roten Khmer machten aus Kindern skrupellose Soldaten, die aus Spaß töteten und Menschen quälten.

Taschler verschont den Leser nicht. Sie beschreibt, wie Kindersoldaten ihren Opfern die Kehlen durchschneiden und nichts dabei fühlen. Wie ein Mädchen ausgeblutet wird, weil die Roten Khmer „frisches Blut“ brauchen. Wie eine Familie im Meer stehen muss, bis die jüngeren Kinder ertrinken. Kim und Tevi wird nie mehr das Geräusch aus dem Kopf gehen, wenn Menschen mit einer Axt erschlagen werden: „Tok, tok“, klingt das dann – wie bei einer Kokosnuss, wenn sie aufgeschlagen wird. Ebenso eindringlich erzählt Taschler vom ewigen Kampf mit den Geistern der Vergangenheit. Während Tevi ihre Kindheit immer und immer wieder heraufbeschwört, setzt Kim auf totale Verdrängung. Bis alles zusammenbricht.

Diese dichte Thematik verpackt Taschler in eine fesselnde Geschichte. Wie ein Puzzle rekonstruiert sie die Vergangenheit ihrer Protagonisten. Durch Erinnerungen und Tagebucheinträge baut die Autorin Stück für Stück jene Jahre wieder auf, die das Leben Kims und Tevis so brutal prägten.

Erzählt wird die Geschichte der beiden kambodschanischen Kinder – und ihrer österreichischen Adoptivfamilie – durch einen ständigen Perspektivenwechsel. Der Leser wird abwechselnd von Kims Geburtstagsfest ins Kambodscha der 1970er- und dann wieder ins Österreich der 1980er-Jahre geführt.

Wer ist Täter? Wer Opfer? Geschickt lässt die Autorin die Frage nach den Schuldigen offen. Der Leser fiebert mit, möchte wissen, was wirklich geschehen ist. Und wird mit viel Feingefühl in eine Welt befördert, in der die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verschwimmen. Die Friedrich-Glauser-Preisträgerin beweist mit „Das Geburtstagsfest“, dass Literatur viel zur Aufarbeitung der Vergangenheit beitragen kann. Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer erhält scharfe Konturen. Aber nicht nur das: Der Leser taucht in das Leben von Menschen ein, die Krieg und Gewaltherrschaft überleben und versuchen, nicht daran zu zerbrechen. Ein durch und durch menschlicher Roman.

Judith W. Taschler „Das Geburtstagsfest“ Droemer Verlag 352 Seiten, 22,70 Euro
Judith W. Taschler „Das Geburtstagsfest“ Droemer Verlag 352 Seiten, 22,70 Euro
Judith W. Taschler „Das Geburtstagsfest“ Droemer Verlag 352 Seiten, 22,70 Euro – (c) Droemer Verlag

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2019)

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