„Engelskuss“: Büchner-Preis für Lukas Bärfuss

Literatur. Der Schweizer Autor schrieb über Sexualität, Suizid und Völkermord, er rechnete mit seiner Heimat und Helmut Kohl ab. Nun erhält er den wichtigsten Literaturpreis im deutschsprachigen Raum.

Lukas Bärfuss (47), Essayist, Dramatiker. [
Lukas Bärfuss (47), Essayist, Dramatiker. [
Lukas Bärfuss (47), Essayist, Dramatiker. [ – (c) imago/STAR-MEDIA (imago stock&people)

„Das ist der Engelskuss, der einen da trifft“ – so reagierte der 47-jährige Autor Lukas Bärfuss auf die Nachricht. Kein Wunder, gilt der mit 50.000 Euro dotierte Preis doch als wichtigste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum. Für „hohe Stilsicherheit und formalen Variationsreichtum“ hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihn diesmal vergeben – und dafür, dass Bärfuss damit „stets neu und anders existenzielle Grundsituationen des modernen Lebens“ erkunde, mit „furchtlos prüfendem, verwundertem und anerkennendem Blick“.

 

Stets griffige, heikle Themen

Tatsächlich rütteln Bärfuss' Werke nicht zuletzt durch ihre gesellschaftlich heiklen, auf unbekanntes Terrain führenden Themen auf. Im Theaterstück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ etwa, 2003 uraufgeführt und verfilmt, entdeckt ein Mädchen nach Absetzen der ruhigstellenden Pharmaka seine Sexualität und stößt damit seine Umgebung vor den Kopf. Das Stück machte Lukas Bärfuss zu einem der gefragtesten deutschsprachigen Theaterautoren der Gegenwart.

Im Roman „Koala“ schrieb Lukas Bärfuss über den Suizid seines Bruders, in „Hagard“ (2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse) folgt er einem Mann, der eine Frau verfolgt. Viele von Bärfuss' Werken sind auch politisch prononciert. Im Roman „Hundert Tage“ etwa thematisiert er den Völkermord in Ruanda, in seinem jüngsten Stück „Der Elefantengeist“ etwa, das 2018 in Mannheim uraufgeführt wurde, rechnet er mit dem einstigen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl ab. Er imaginiert hier eine Zukunft, in der Archäologen am Rhein auf ein Haus stoßen, das einst „Kanzlerbungalow“ genannt wurde. Aus den Unterlagen von Helmut Kohl, die sie darin finden, schließen sie auf das „falsche Denken einer primitiven Kultur“.

Die größte politische Kontroverse löste Lukas Bärfuss jedoch in seiner Heimat aus – mit einem in Deutschland veröffentlichten Essay. Im Oktober 2015, vor den Schweizer Parlamentswahlen, erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sein Essay „Die Schweiz ist des Wahnsinns“. Darin zeichnete er ein denkbar düsteres Bild seines Landes – als gelähmt, populistisch und tendenziell psychotisch: „Ein Volk von Zwergen will man hierzulande sein und bleiben. Darauf besteht man durch alle sieben Böden und bis ins hinterste Tal.“

Über Georg Büchner sagt Bärfuss: „Seine Literatur hat mein Leben verändert.“ Dass Büchner aus politischen Gründen in die Schweiz fliehen musste, solle uns noch heute Mahnung sein. Auch heute müssten viele fliehen, weil sie verfolgt werden.

Seit 1951 wird der Büchner-Preis vergeben, an Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben, literarisch besonders „hervortreten“ und „an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben“. Auch der Schweiz-Kritiker Max Frisch findet sich in der Liste der Büchner-Preisträger, ebenso wie die Österreicher Friederike Mayröcker und Josef Winkler, die Deutschen Günter Grass oder Heinrich Böll. Seit dem Vorjahr auch Terézia Mora. (APA/sim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2019)

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