„Auf Erden sind wir kurz grandios“: Eine Kindheit in der US-Provinz

Eindringlich schildert Ocean Vuong aus der Perspektive vietnamesischer Einwanderer: Ein Aufwachsen mit überforderten Müttern, Gehässigkeiten und der ersten Liebe.

Schmerzhafte Einwanderungserfahrung: Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon.
Schmerzhafte Einwanderungserfahrung: Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon.
Schmerzhafte Einwanderungserfahrung: Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon. – (c) Tom Hines

Der junge Schriftsteller widmet das Buch seiner Mutter. Sie, eine Frau namens Rose, steht im Zentrum seines Romans. Sie wird ihn nie lesen. Es ist eine überforderte, verzweifelte, ja oft aggressive Frau, die einem auf den Seiten von Ocean Vuongs Buch „Auf Erden sind wir kurz grandios“ begegnet. Rose beschimpft ihren Sohn, sie schlägt ihn, lässt ihn als Helfer bei sich im Nagelstudio arbeiten, wo ihm „das Aceton der Maniküren vom Vortag in die Nasenlöcher“ sticht. Rose und ihr Kind, sie bilden trotz allem ein symbiotisches Paar in einer Welt voller Scherben.

Sie ist ein Kind des Vietnam-Krieges, hervorgegangen aus einem einmaligen Treffen zwischen einer vietnamesischen Frau und einem amerikanischen Soldaten. Ihre Mutter wird später einen anderen US-Soldaten heiraten und in die Vereinigten Staaten gehen. Rose wächst ohne Mutter in einem Kinderheim auf, als Südvietnam an die Kommunisten fällt und „Kollaborateure“ und ihre Nachkommen in Gefahr sind. Erst viel später wird die Familie in den USA vereint.

Der Ich-Erzähler, der späte Nachgeborene, spürt die Gegenwart der Vergangenheit immerzu – in Gesten, in Sprüchen der Erwachsenen, in Liedern. „Wann endet ein Krieg?“, fragt Ocean Vuong seine Mutter. „Wann kann ich deinen Namen sagen und nur deinen Namen meinen und nicht das, was du hinter dir gelassen hast?“


Mehr als ein gelber Junge. Dieses Buch handelt von Versehrtheit, von Trauma und der Möglichkeit des Weiterlebens. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit den Schwächen und Ängsten einer verlorenen Mutter, Analphabetin und des Englischen nicht mächtig, aus der Perspektive des Sohnes. Die vietnamesische Lebenskunst ist in der Fremdheit der Vereinigten Staaten nicht zu gebrauchen. Wenn der Sohn in der Schule gehänselt wird wegen seiner Hautfarbe, gibt ihm die Mutter zu Hause Milch zu trinken. Er notiert: „Der dicke, weiße Zopf der Milch beim Eingießen, ich, der sie hinunterstürzte, und du, meine Zuschauerin, in der gemeinsamen Hoffnung, das Weiß, das in mir verschwand, möge mehr aus mir machen als einen gelben Jungen.“

Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon, Vietnam, hat die Einwanderungsgeschichte seiner Familie als Vorlage genommen für seinen Roman, der von der US-Kritik hochgelobt wurde. Die im ersten Abschnitt dominierende Auseinandersetzung mit seinen Nächsten zählt zu den intimsten, berührendsten Stellen in diesem Buch, das außerdem eine Chronik des Erwachsenwerdens ist sowie des Coming-outs in der amerikanischen Provinz.

Der Ich-Erzähler trägt in diesem Memoir-Roman keine durchgängige Story vor. „Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist ein zerstückeltes Stück Literatur, das sich der Leser erarbeiten muss: Erinnerungen, Abstraktes, sachliche Vermerke wechseln einander ab. Dass Vuong aus der Dichtung kommt, spürt man. Er seziert die (bewusst erlernte) Sprache, formiert sie neu: „Es ist nicht gerecht, dass das Wort lachten in schlachten gefangen ist.“

Eines Tages erinnert ihn sein Wahl-Großvater Paul an eine frühe Aussage: „Du hast gesagt, dass die anderen Kinder mehr leben als du.“ Dieses Gefühl hinterlässt auch die Literatur Ocean Vuongs. Es ist, als stehe seine Subjektivität jederzeit zur Disposition. Gesichert ist sie nur auf dem Papier.

Neu Erschienen

Ocean Vuong
„Auf Erden sind wir kurz grandios“

Übersetzt von
Anne-Kristin Mittag
Hanser-Verlag
237 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2019)

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