Propaganda: Ein Pentagon-Büro mit Namen Hollywood

Verflechtungen zwischen Filmindustrie und Militär gibt es zwar überall. Die USA sind dennoch ein besonderer Fall. Über Filmstars als Kriegspropagandisten, willfährige Regisseure und einen Zensor im Pentagon.

Propaganda PentagonBuero Namen Hollywood
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black hawk down – (c) AP (SIDNEY BALDWIN)

Für Desmond Tutu und acht weitere Nobelpreisträger ist sie eine Glorifizierung des Kriegs und bewaffneter Gewalt, für die Macher eine Hommage an die Menschen der Armee: Die TV-Serie „Stars Earn Stripes“, die vergangenen Montag auf dem US-Sender NBC Premiere hatte, lässt Promis vor Publikum um die Wette militärische Aufgaben lösen. Da machen etwa „Superman“-Darsteller Dean Cain, die Tochter von Boxlegende Muhammad Ali, Leila, oder Todd Palin, der Mann der ehemaligen republikanischen Vize-Präsidentschaftskandidatin mit. Sie schießen um sich oder springen aus Hubschraubern, präsentiert wird die Show vom früheren US-General Wesley Clark.

Einen offenen Protestbrief haben neun Nobelpreisträger ausgeschickt, in den USA dagegen hat die Serie im Vorfeld kaum Anstoß erregt. Vielleicht weil sie nur die besonders ungenierte Variante einer alltäglichen Realität ist? Promis als Kriegspropagandisten: Das gehört zum amerikanischen Filmbusiness, seit es existiert. Die erfolgreichsten Werbeaktionen der letzten Jahrzehnte verdankt das Pentagon Hollywood-Produzenten und -Regisseuren. Als Tom Cruise in Jerry Bruckheimers „Top Gun“ 1986 einen jungen Mann spielte, der sich seinen Traum, Kampfpilot zu werden, erfüllt, träumten unzählige junge Amerikaner mit, ein Ansturm auf die Luftwaffe folgte.


Flugzeuge gegen Einfluss. Ob „Armageddon“, „Air Force One“, „Black Hawk Down“ oder „Pearl Harbor“ – dass das Pentagon an vielen der erfolgreichsten amerikanischen Kinoproduktionen mitgeschrieben hat, ist kein Geheimnis, doch nur den wenigsten Zuschauern bewusst. Möglich wird das, weil die Armee ein Quasimonopol auf Kriegsausrüstung hat, die für Filme mit militärischem oder kriegerischem Inhalt oft unverzichtbar, anderswo aber kaum erhältlich oder leistbar ist. Das US-Verteidigungsministerium ist in der Hinsicht generös, freilich nur unter einer Bedingung: Einfluss auf das Drehbuch.

Das Damoklesschwert der Militärzensur über Hollywoods Regisseuren wird von Philip Strub geführt, dem Leiter des Filmverbindungsbüros des Pentagons. Sein Ziel sind Filme, die dem positiven Image der Armee dienen und neue Rekruten bringen. Niemand wird zur Zusammenarbeit gezwungen, doch wer sich weigert, hat es schwer. Für den Film „Thirteen Days“ (2000) über die Kubakrise mussten auf den Philippinen schrottreife Jets von einem Traktor über das Rollfeld gezogen werden, um den Eindruck des Fliegens zu erwecken. Oliver Stone brauchte ein Jahrzehnt, um „Platoon“ ohne Hilfe des Pentagons zu finanzieren. Auch „Independence Day“ (hilfloses Militär), „Forrest Gump“ (dummer Soldat) oder „Der schmale Grat“ (zweifelnder Soldat) wurden abgelehnt.

Die meisten Hollywood-Regisseure, so erzählen diese selbst, üben gleich von vornherein Selbstzensur oder sind zu Zugeständnissen bereit. Diese reichen von Lappalien bis zur Leugnung der historischen Wahrheit. Der Einfluss des Militärs betrifft natürlich auch das Fernsehen – und zwar oft, wo man es gar nicht vermuten würde. Die legendäre Serienhündin Lassie erlebt in einer Episode den Absturz eines Militärflugzeugs mit. Im ursprünglichen Drehbuch bellt Lassie vor dem Absturz laut, weil sie einen für Menschen unhörbaren, von einem Konstruktionsfehler herrührenden Schwingungston im Flügel vernommen hat. Dank ihr wird der Fehler erkannt und bei den übrigen Flugzeugen dieses Typs korrigiert, wofür Lassie sehr gelobt wird. Das Pentagon duldete aber keinen Konstruktionsfehler, die Szene musste umgeschrieben werden.

Der Film „Windtalkers“ (2002) mit Nicholas Cage über im Zweiten Weltkrieg als Funker eingesetzte Indianer wiederum zeigt, dass sich Filmemacher auch listig an den Forderungen des Militärs vorbeischwindeln können. Im Drehbuch wird dem Leibwächter eines Navajo-Funkers befohlen, seinen Schützling bei drohender Gefangennahme zu erschießen, damit der Code nicht in Feindeshand fällt. Das Pentagon forderte die Streichung des (historisch belegten) Tötungsbefehls. Letztendlich wird er nicht direkt ausgesprochen, die Details der Darstellung lassen dennoch keinen Zweifel daran.


TV-Reality über Afghanistan-Krieg. Kein Wunder, dass die Filmbeauftragten des Pentagons jene in Hollywood lieben, denen sie blind vertrauen können, an erster Stelle: Jerry Bruckheimer, Produzent von Filmen wie „Top Gun“ oder „Pearl Harbor“. Bruckheimer verkaufte dem Militär auch die Idee für eine Reality-Serie über den Krieg in Afghanistan. Für „Profiles – Porträts von der Front“ (2003) folgten Kamerateams den Truppen im Kampf gegen den Terrorismus. Bedingung für den privilegierten Zugang: keine Kritik. Auch Michael Bay ist beliebt, für seinen Film „Transformers“ (2007) stellte das Militär gratis Kampfhubschrauber und Bomber zur Verfügung. Ein Glücksfall für die Armee ist auch der Film „Act of Valor“ (2012) – ein plumper Werbestreifen für die Eliteeinheit Navy Seal.

Derlei Verflechtungen zwischen Filmindustrie und Militär gibt es zwar überall. Die USA sind dennoch ein besonderer Fall. Hier kooperieren die stärkste Armee der Welt und die stärkste Filmindustrie der Welt. Und arbeiten sie kongenial zusammen, wird aus dem Schrecklichsten der Welt unversehens das Erstrebenswerteste der Welt.

Osama-Film

Werbung für Obama? Ein untypischer Fall von Verflechtung zwischen Militär und Filmwelt ist Kathryn Bigelows Film „Zero Dark Thirty“ über die Tötung Osama bin Ladens. Bigelow soll von der Regierung Zugang zu geheimen Militärinformationen erhalten haben. Republikaner fürchten, dass der Film, der im Herbst unmittelbar vor den Präsidentschaftswahlen in die Kinos kommen soll, zum Propagandafilm für Obama werden könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

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