E-Reader: „Es wird eine lustige Welt“

Die neue Generation elektronischer Lesegeräte drängt auf den Markt. Der Buchmarkt ist alarmiert. Aber was bedeutet die Geburtsstunde von „Kindle“ & Co. für Zeitungen?

(c) AP (Bebeto Matthews)

Die vermeintlich schlechte Nachricht zuerst: Die neueste Generation digitaler Lesegeräte befindet sich im Landeanflug auf Europa. Die gute Nachricht: Die Zeitung betrifft das kaum. So sieht das zumindest der Wiener Medienexperte Rüdiger Wischenbart. Die digitale Zeitung würde es längst geben, sagt er. Im Internet schon lange und seit kurzem könne man sich den Leitartikel der Lieblingszeitung auch im Zug, im Wartezimmer oder in der Supermarktschlange durchlesen. Mit dem iPhone.

Für die Printmedien wird sich also mit der jüngsten Generation der Lesegeräte – wie dem „Kindle“ vom Versandhändler Amazon, der, so wird spekuliert, bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse im Oktober präsentiert werden soll – nichts ändern? Nun, zumindest nicht sofort.

Durch die Ankündigung von Amazon, den ca. 250Euro teuren, kabellosen „Kindle“ im Herbst in Deutschland vorzustellen, ist in erster Linie der Buchmarkt alarmiert. Der E-Reader hat, so wie ähnliche Produkte anderer Marken (etwa der Sony Reader), zwei entscheidende Vorteile gegenüber früheren Lesegeräten. Dank der sogenannten „E-Ink“ (der elektronischen Tinte) kommt das Gerät ohne Hintergrundbeleuchtung aus (anders als das Handy), und die Schrift ist auch bei Sonneneinstrahlung zu lesen. Zum angeblich kopfwehfreien Lesekomfort kommt das umfassende Angebot an Büchern im darauf abgestimmten Online-Shop von Amazon hinzu. Schon sind dort rund 145.000 E-Book-Titel verfügbar. Und die meisten sind günstiger als das gedruckte Pendant.

Aber auch große amerikanische Zeitungen sind bereits auf den „Kindle“-Zug aufgesprungen. Die „New York Times“ oder das „Wall Street Journal“ kann man gegen eine Abo-Gebühr digital lesen. Genau das sei mitunter gar nicht so attraktiv für den Zeitungsleser 2.0, sagt Wischenbart. Schließlich könne man die „New York Times“, die „FAZ“ oder auch die „Presse“ bereits „zu einem großen Teil online lesen“, mit dem „Kindle“ müsse man wieder eine Extragebühr dafür bezahlen. Trotzdem scheint der Gedanke der digitalen Zeitung europäische Verlage und Mobilfunkbetreiber zu reizen. Sowohl in Frankreich (siehe Artikelnebenan) als auch in Deutschland werden soeben digitale Lesegeräte getestet, mit denen man die ständig aktualisierten Online-Ausgaben großer Tageszeitungen herunterladen kann.

Auch die deutsche Telekom will im Herbst ihren eigenen E-Reader „news4me“ testen, mit dem man nur Zeitungen lesen können soll. Welche Zeitungen bei dem Feldversuch mitmachen werden, steht noch nicht fest. Der deutsche Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht glaubt aber jetzt schon zu wissen, dass sich solche Geräte nicht durchsetzen werden. „Weil es den E-Reader für Zeitungen schon längst gibt, und der heißt iPhone“, sagt er zur „Presse“. Dennoch sollten Verleger schon jetzt die Möglichkeiten erkennen und ausschöpfen, die das Internet biete. „Der Tagespresse wird man nach der Entwicklung der letzten Jahre eine Endlichkeit bescheinigen müssen. Die Frage ist nur, ob die Tageszeitung als Massenmedium in zehn, 15 oder 25 Jahren stirbt.“

 

Printkrise in Österreich verspätet

Für einen großen Irrtum hält er die Annahme vieler Verleger, alle Probleme seien gelöst, solange man die Zeitung ins Internet transportiert. Der Leser der Zukunft werde aber mehr als das erwarten. Zudem biete das Internet im Anzeigenmarkt erheblich viele Vorteile. Man könne etwa mit Werbung ganz konkrete Zielgruppen (nach Wohnort, Geschlecht oder Familienstand unterteilt) erreichen. „Es wird eine lustige Welt“, sagt auch Wischenbart und meint damit die sich ständig verändernde digitale Medienwelt. Einen kleinen Trost für den österreichischen Markt hat Meyer-Lucht zum Schluss parat. Die derzeitige Printkrise in den USA werde spätestens in zwei, drei Jahren auch Deutschland erreichen. „Weil Österreich ein kleinerer Markt mit einer starken Verlegerstruktur ist, wird sich die Entwicklung hier noch einmal um drei bis fünf Jahre verzögern.“

In Amerika ist man unterdessen schon einen Schritt weiter. Amazon hat diese Woche bekannt gegeben, bereits an einer neuen, eigens an Studenten angepassten Version für den „Kindle“ zu arbeiten. Der Konzern hat begriffen: Es gilt die Marktlücken schnell aufzuspüren, bevor das jemand anderer tut.

Der E-Reader. Amazons iPod für Gedrucktes

Mit dem E-Book oder E-Reader kann man ganze Bücher, Zeitungen und Magazine auf einem digitalen Gerät lesen, das so dünn wie ein Bleistift ist. Bislang hatten solche Geräte stets noch einige Makel, die kein zufriedenstellendes Leseerlebnis ermöglichten. Das soll sich jetzt ändern.

Der US-Versandhändler Amazon hat den E-Reader „Kindle“ entwickelt (to kindle heißt übersetzt „anfachen“), der in den USA bereits am Markt ist, im Herbst nach Europa kommen soll. Mit dem Gerät kann man Bücher und Printprodukte gegen Bezahlung herunterladen – ähnlich dem iPod (Apple). [Amazon]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2008)

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