Wie weit darf eine Zeitung gehen?

Die „Kronen Zeitung“, Österreichs einflussreichstes Printmedium, ergreift in ungekannter Vehemenz Partei für die SPÖ und Werner Faymann. Und wird damit selbst zu einem zentralen Wahlkampfthema.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Der Wahlkampf für die Nationalratswahl am 28.September wurde bisher von zwei Themen geprägt: der Teuerung, deren Bekämpfung alle kandidierenden Parteien täglich zu immer neuen teuren Versprechungen veranlasst. Und der Rolle der „Kronen Zeitung“. Genauer: Wie SPÖ-Chef Werner Faymann nach dem öffentlichen Abgehen von der bisherigen Europa-Linie seiner Partei eine bisher ungekannte Unterstützung von der „Krone“ erhält.

Während die SPÖ versucht die Sache kleinzureden, reagiert die ÖVP, die in der „Krone“ offen attackiert wird, nach einer Schrecksekunde mit wütenden Gegenangriffen. Politische Beobachter kritisieren (teils in Alarmstimmung) den Griff des greisen „Krone“-Herausgebers Hans Dichand nach der Macht.

 

Vom Hinterhof zurück an die Macht


Die Politik der „Krone“. Warum Hans Dichand zum EU-Gegner wurde. Und wie Werner Faymann davon profitiert. Der alte Zeitungszar und der neue SPÖ-Vorsitzende – eine Verbindung zu beiderseitigem Vorteil.

Nur noch 36 Prozent der Österreicher halten die EU-Mitgliedschaft laut jüngster Eurobarometer-Umfrage für eine gute Sache. Hans Dichand weiß das schon länger. Der alte Zeitungszar, der vom 16. Stock des „Krone“-Gebäudes in der Wiener Muthgasse aus sein Imperium regiert, rückt nicht nur täglich die Leserbriefe in sein Blatt – er liest sie auch. Sein Gespür für den Volkswillen nimmt er nicht zuletzt aus den Zuschriften an ihn. Heurigen-Runden, bei denen Dichand inkognito Volkes Stimme lauscht, sind nicht überliefert.

In den vergangenen Jahren trieb Hans Dichand mit seiner „Kronen Zeitung“ einsam die Anti-EU-Kampagne voran, von den anderen Medien und der Öffentlichkeit außerhalb des „Krone“-Reichs weitestgehend ignoriert. Die „Krone“ schien an Einfluss verloren zu haben. Dichands Altersstarrsinn wurde belächelt, die Zeit der „Krone“ sei vorbei, hieß es, sie habe sich in ein Thema verbissen, das außer rechten und linken Obskuranten kaum jemanden aufwühle.

Er sitze nur im „Vorhof der Macht“, hatte Dichand einst kokett gemeint und unter diesem Titel auch ein Buch veröffentlicht. Nun war er im Hinterhof gelandet.

 

Einst pro Haider und pro EU

Doch mit der Ratifizierung des Lissabonner EU-Vertrags im österreichischen Parlament, den Demonstrationen davor, dem Schwenk der SPÖ danach und den dadurch mitverursachten Neuwahlen, kehrte die „Krone“ ins öffentliche Bewusstsein zurück. Zuletzt war das so gewesen, als das Kampagnen-Blatt – und das ist die „Krone“ seit jeher – in den Neunziger-Jahren Jörg Haiders Anti-Ausländer-Kurs publizistisch unterstützte. Und 1994 für einen EU-Beitritt Österreichs warb.

Schleichend ging danach Hans Dichands Wandel vom EU-Befürworter zum EU-Gegner vor sich. Offensichtlich wurde das erstmals bei einem recht banalen Anlass: Die Marillenmarmelade sollte 2003 in „Konfitüre“ umbenannt werden. Die „Krone“ warf sich gegen das „Marmelade-Diktat der EU“ ins Gefecht. Die Aufregung legte sich zwar rasch, denn Österreichs Beamte hatten in Brüssel bereits Ausnahmeregelungen verhandelt, doch Dichand blieb fortan bei seiner Anti-EU-Strategie.

 

Populist und Kunstsammler

Denn der „Krone“-Herausgeber ist in erster Linie Populist. Und er, der Kunstsammler, ist vor allem nicht seines eigenen Geldes Feind. Wenn das Volk meint, EU-kritisch sein zu müssen, dann ist auch Dichand EU-kritisch. Dies sichert ihm seine nach wie vor immense Auflage. Nur dank ihrer Anti-EU-Haltung konnte die „Krone“ ihren großen Vorsprung auf die Konkurrenz trotz des Auftauchens von „Österreich“ halten, davon ist Hans Dichand fest überzeugt.

Doch aus dieser taktisch-kaufmännischen Überlegung wurde mit der Zeit eine Mission. Heute ist Hans Dichand Überzeugungstäter. Er glaubt tatsächlich, die EU untergrabe die Souveränität Österreichs. Daher hätte er mit Sicherheit, wäre ihm sein Wunsch nach einer Volksabstimmung über den Lissabon-Vertrag erfüllt worden, auch für ein „Nein“ zum EU-Vertrag kampagnisiert.

Aufrechte EU-Befürworter mag das schockieren. Doch ist es nicht Dichands gutes Recht, in seiner eigenen Zeitung zu schreiben, was er will? Eigentlich schon. Allerdings ist es nicht seine alleinige Zeitung. Fünfzig Prozent gehören der deutschen WAZ-Gruppe. Und dieses der SPD nahe stehende Medienhaus ist durch und durch pro-europäisch. In Essen, der WAZ-Zentrale, missbilligt man Anti-EU-Hetze. Dichand geriet auch in dieser Frage immer heftiger in Streit mit der WAZ. Und so wurde er – auch aus einer Protest-Attitüde gegen die Deutschen heraus – zum scharfen EU-Kritiker.

 

Früher Kreisky, jetzt Faymann

Redaktionell lässt sich Dichand nicht dreinreden. Die WAZ hat dies mittlerweile auch aufgegeben. Die „Krone“ hält Linie. Gegen die EU. Und neuerdings – wie zu Kreiskys Zeiten – für die SPÖ. So kommt es, dass auch ausgewiesene Konservative wie Michael Jeannée nun für die ungeliebten Roten Propaganda machen müssen. Am Donnerstag durfte der „Krone-Postler“ allerdings auch ÖVP-Chef Wilhelm Molterer einmal einen netten Brief schreiben.

Werner Faymann hatte schon als Jugendfunktionär Kontakt zu Hans Dichand. Als der aufmüpfige Wiener Juso-Chef 1985, zwei Jahre zuvor hatte er Proteste gegen den Papst organisiert, seine „Sieben Thesen der Wiener Stadtjugend“ an das Tor des Wiener Rathauses nagelte, war ein „Krone“-Fotograf mit dabei. Dem späteren Wiener Wohnbaustadtrat wurden dann seitenlange Elogen in der „Kronen Zeitung“ gewidmet. Im Gegenzug wurde eifrig inseriert.

 

Charakterliche Ähnlichkeiten

Das innige Verhältnis zwischen Dichand und Faymann beruht jedoch nicht ausschließlich auf geschäftlicher Basis. Dichand hat in Faymann tatsächlich so etwas wie einen „Ziehsohn“ gefunden, man verbrachte schon Urlaube gemeinsam. Die beiden sind sich charakterlich auch nicht unähnlich. Charmant, eher ruhig, stets freundlich und politisch dem ideologiefreien Populismus zuneigend. Zwei in klaren Strukturen denkende Männer mit Bodenhaftung, keine intellektuellen Überflieger. Was auch erklärt, wieso Dichand mit Erhard Busek, Caspar Einem und Heide Schmidt so gar nicht konnte. Auch Alfred Gusenbauer und Wolfgang Schüssel, der mit Schwarz-Blau gegen den erklärten Willen der „Krone“ regierte und nur beim Tierschutz vor ihr in die Knie ging, waren nicht ganz nach Dichands Geschmack.

Mit einem Kanzler Faymann wäre die „Kronen Zeitung“ nach Jahren der relativen Bedeutungslosigkeit wieder an der Macht. Und zwar mehr als je zuvor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2008)

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