ORF: "Dann sind wir bei 100 Millionen Euro minus"

Der ORF muss sein Ergebnis 2008 noch einmal nach unten korrigieren: Das Minus wird sich auf 100 Mio. Euro verdreifachen. Der ORF macht die Finanzkrise verantwortlich. Stiftungsräte fordern Strukturmaßnahmen.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz muss sparen
ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz muss sparen
(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Schriftlich ließen ORF-General Alexander Wrabetz und die kaufmännische Direktorin Sissy Mayerhoffer den ORF-Stiftungsräten die Hiobsbotschaft zukommen: Die Situation auf den Finanzmärkten habe sich „dramatisch verschlechtert" - das habe „maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis des ORF", heißt es in dem der „Presse" vorliegenden Schreiben.

Der öffentlich-rechtliche Sender wird heuer nicht, wie ursprünglich geplant, 30 Millionen, auch nicht - wie bereits Ende September korrigiert - 60 Millionen, sondern noch viel mehr Minus einfahren: Wenn man alles zusammenzähle, „dann sind wir bei 100 Millionen Euro Minus", bestätigte ORF-Sprecher Pius Strobl der „Presse" am Dienstag. Das ergebe sich „auf Basis des Standes unserer Finanzveranlagungen" - also durch den Umstand, dass die wichtigsten Investments des ORF nicht die geplanten 40 Millionen Ertrag bringen werden, auch nicht die korrigierten 28 Millionen, sondern nur ein verschwindend kleines Plus von 1,4 Millionen Euro. Der ORF spricht von einer „vorsorglichen Abwertung" zum aktuellen Stichtag, es sei davon auszugehen, dass diese „nicht tatsächlich realisiert werden müssen". Insgesamt wird das Wertpapiervermögen des ORF auf 362 Millionen Euro beziffert.

10 Mio. Euro Pensionszuzahlung

Außerdem müsse der Werbe-Forecast um 20 Millionen Euro - auf nunmehr 269 Millionen - zurückgenommen werden, so Strobl. „Der gesamte Finanzbereich, Versicherungen und viele internationale Großkunden haben im letzten Quartal die Werbung auf null gesetzt oder stark reduziert." Insbesondere im Bereich TV-Werbung sei es zu Stornierungen gekommen, schreiben Wrabetz und Mayerhoffer.

Und noch einen großen Brocken gebe es zu bewältigen: „Die private Pensionskasse, bei der unsere Pensionsgelder veranlagt sind, erreicht die Mindestperformance nicht, und es gibt eine Nachschusspflicht des ORF." Weil die Pensionskasse aus heutiger Sicht den künftigen Pensionisten nicht genug auszahlen kann, müsse der ORF die Vermögensdifferenz von 10 Millionen Euro zuschießen, rechnet Strobl vor. Die erwartete Steigerung des Personalaufwands sei „praktisch ausschließlich" darauf zurückzuführen, heißt es in dem Schreiben.

Vor dem Hintergrund der neuen Zahlen wird der Ruf nach einer Strukturreform des ORF immer lauter: „Wenn der ORF jetzt nicht entschlossen gegensteuert und seine Kosten in den Griff bekommt, wird er zum Sanierungsfall", meint der Leiter des ÖVP-„Freundeskreises", Franz Medwenitsch, zur „Presse". Sein SPÖ-Vis-à-vis Karl Krammer will ebenfalls die ORF-Struktur „diskutieren", er erwarte Vorschläge für die Dezembersitzung des ORF-Stiftungsrats. Und er appelliert, „nicht für ein Einmalergebnis einmalige Dinge zu tun - etwa den Rosenhügel zu verkaufen": „Das wäre ein außerordentlicher Ertrag, aber man hätte nichts gegen die Problemquellen getan."

2009: Noch mehr Probleme?

Immer wieder hört man aus Stiftungsrats-kreisen, der ORF solle nicht nur versuchen, das Problem einnahmenseitig zu lösen - etwa durch die von Wrabetz geforderte Rückerstattung der Gebührenbefreiung (was dem ORF 57 Millionen Euro bringen würde), durch eine Ausweitung der Werbezeit oder eine jährliche Gebührenvalorisierung. Als Grundübel sehen Räte, dass „den ORF bisher sein Finanzergebnis gerettet hat, damit er nicht zu rote Zahlen schreibt", weil er „jedes Jahr deutlich mehr ausgibt, als er einnimmt".

Strobl betont, der ORF sei „ein grundsolides Unternehmen" und habe „ausreichende Rücklagen", um das Minus abzudecken: „Wir brauchen keinen Kredit." Wrabetz und Mayerhoffer beziffern die kurzfristigen liquiden Mittel mit 51,5 Millionen Euro. Über Strukturmaßnahmen werde „in den nächsten Wochen und Monaten zu entscheiden sein", so Strobl. Für 2009 warnt er aber schon vor: „Wir sind davon ausgegangen, dass wir im kommenden Jahr 50 Millionen Euro einsparen müssen, um eine schwarze Null zu schreiben. Diese 50 Millionen haben wir noch nicht erreicht. Und dann sind wir abhängig von Marktentwicklungen - wenn 2009 die Werbung vollkommen einbricht, werden wir noch mehr Probleme kriegen."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2008)

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