ORF: Karten, Kreuze und grelle Farben auf der Tiroler Alm

Für den ORF-Landkrimi „Sommernachtsmord“ spann Felix Mitterer die wahre Geschichte eines Tiroler Organisten zu einer bizarren Komödie voll greller Charaktere weiter. Harald Sicheritz inszenierte den Fall mit viel Gespür für alpinen Retro-Charme.

Gregor Bloéb als Tiroler Weiberheld, Franziska Petri als „aufg'schmackelte“ deutsche Touristin.
Gregor Bloéb als Tiroler Weiberheld, Franziska Petri als „aufg'schmackelte“ deutsche Touristin.
Gregor Bloéb als Tiroler Weiberheld, Franziska Petri als „aufg'schmackelte“ deutsche Touristin. – (c) ORF (Andreas Fischer)

Seit 30 Jahren ist Anton Wille Organist im Wallfahrtsort Kaltenbrunn. Ein Tiroler Original, kann man so sagen. Und einer, der manchen nicht ganz geheuer ist. Denn Wille hat einen Traum: Er will für die 5000 Orgelpfeifen, die er in den vergangenen Jahrzehnten selbst gefertigt hat, einen Turm bauen, damit der Wind in sie hineinfahren und ihnen eine nie gehörte Melodie entlocken kann. Felix Mitterer hat die Idee des realen Toni Wille, den er selbst seit mehr als drei Jahrzehnten kennt, für einen ORF-„Landkrimi“ weitergesponnen – und einen fiktionalen Plot entwickelt, in dem die Idee des Orgelturms, für den ein engagierter Organist bei einsamen Damen Geld sammelt und so die Eifersucht seiner Verlobten und den Neid der Ehemänner auf sich zieht, eine Kettenreaktion mit Todesfolge auslöst . . .

Mitterers alpine Krimikomödie „Sommernachtsmord“ ist ein Biotop der Charaktere, die so unnatürlich grell gezeichnet sind, wie die Farben auf der Tiroler Alm in diesem Film leuchten. Die alte Sennerin Adelheid (Julia Gschnitzer) legt Karten und bekreuzigt sich, als ihr Findling Florian (Gregor Bloéb) den „Tod“ aufdeckt. Sie serviert den ungeliebten Frauen aus der Stadt ranzige „Goaß“-Buttermilch, um ihre mentale Härte zu messen – oder sie am besten gleich zu verjagen. Auch Bruder Isidor (Peter Mitterrutzner) hat mit den Damen Probleme: „Die Aufg'schmackelte soll wegschau'gn von mir“, raunzt er, als sich eine deutsche Touristin (Franziska Petri) mit sehr roten Lippen in den Bauernhof verirrt. Dass „a Weibert“ als Polizistin in einem Mordfall ermittelt, kann er in seiner Engstirnigkeit nicht begreifen. Der Jüngste unter den Geschwistern (Martin Leutgeb) ist ein wenig zurückgeblieben und klammert sich an Rosi: eine lebensgroße Stoffpuppe. Als Kommissarin Wegscheider (Katharina Straßer) aus Innsbruck aufkreuzt, zupft er seiner Rosi ganz versonnen die Brustwarzen lang.

 

Für Deutsche bräuchte es Untertitel

In der Abgeschiedenheit der Tiroler Alm sind die vier – die Geschwister und der im Vergleich fast weltmännische Organist Florian – zu einer Clique zusammengewachsen, der man alles zutrauen würde. Sogar einen Mord. Mitterer spielt mit Klischees – und mit wechselnden Verdachtsmomenten. Es könnte jeder gewesen sein: Die einfältigen Bergbewohner, die Gott, Tod und Teufel fürchten und Fremde notfalls mit der Flinte verjagen – oder mit guten Ratschlägen: „Du schaug'scht aus, als hätt'schst an teiflisch hoarten Stual.“ Die Kommissarin ist auch nicht ganz unverdächtig, weil sie ständig Droh-SMS von jemandem bekommt, dessen Nummer sie unter „Dreckschwein“ gespeichert hat. Die eifersüchtige Freundin (Gerti Drassl) des Weiberhelden Florian könnte es ebenso gewesen sein wie der koksende Ehemann der verschwundenen Touristin (Clemens Schick). Mitterer verwebt die Schicksale zu einem bizarren Stück, in dem die Gier ihre Opfer fordert.

Mit den „Landkrimis“ spielt der ORF seine regionale Stärke aus: Harald Sicheritz, der bei „Sommernachtsmord“ mit viel Gespür für alpinen Retro-Charme Regie führte, hat die Rollen der Tiroler allesamt mit Tirolern oder Südtirolern (Gerti Drassl) besetzt. Er lässt sie so sprechen, „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“ – da kommt dann ein „Geh', leck mi doch am Oarsch“ vom alten Isidor so rüber, wie es gemeint ist: Als stolzer Ausruf der Freude. Für den Exportmarkt Deutschland dürfte sich der Film nur mit Untertiteln eignen, so wie wohl auch die nächsten drei „Landkrimis“ aus Salzburg („Drachenjungfrau“; zu sehen am 15. 12.), Südtirol („Endabrechnung“; 22. 12.) und Wien („Höhenstraße“; 29. 12.), die die Österreich-Landkarte (mit Südtirol-Exkurs) bis Ende des Jahres komplettieren. 2017 geht's regional, aber urbaner weiter: mit den „Stadtkomödien“.

Sommernachtsmord“: 8. 12., 20.15 Uhr, ORF eins

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2016)

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