Chefredakteur abgesetzt: Göweil verteidigt sich

Reinhard Göweil ,bis Freitag Chef der „Wiener Zeitung“, wird der sexuellen Belästigung beschuldigt. Er sieht einen „privaten Fehler“, aber keine berufliche Verfehlung.

ARCHIVBILD: 'WIENER ZEITUNG'-CHEFREDAKTEUR WEGEN 'VERTRAUENSVERLUSTES' ABBERUFEN
ARCHIVBILD: 'WIENER ZEITUNG'-CHEFREDAKTEUR WEGEN 'VERTRAUENSVERLUSTES' ABBERUFEN
ARCHIVBILD: Reinhard Göweil – APA/GEORG HOCHMUTH

Es ist ein Zufall, dass die Sache mitten in der #MeToo-Bekenntniswelle aufkommt. Weil sie thematisch nicht weit davon entfernt, aber doch ein wenig anders gelagert ist. Reinhard Göweil wurde am Freitag nach fast acht Jahren als Chefredakteur der „Wiener Zeitung“ mit sofortiger Wirkung abberufen, wie Geschäftsführer Wolfgang Riedler erklärte. Weil die Zeitung im Eigentum der Republik steht, vermuteten nicht wenige reflexartig, so kurz nach der geschlagenen Nationalratswahl ein politisches Motiv hinter der Abberufung. Doch bald sprach sich herum, dass der Hintergrund eine arbeitsrechtliche Verfehlung sein dürfte.

Tatsächlich besteht gegen Göweil der Vorwurf der sexuellen Belästigung. Eine freie Journalistin behauptet, er habe ihr in einer schriftlichen Nachricht sexuelle Avancen gemacht und das damit verbunden, dass er möglicherweise einen Job zu vergeben habe. Der „Presse am Sonntag“ liegt diese Nachricht teilweise vor. Die Kollegin wies sein Angebot sofort schriftlich zurück und wandte sich schließlich an die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die in dieser Nachricht den Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt sieht. Auch dieser Schriftsatz liegt der „Presse“ vor.

„Trottel-Facebook-Nachricht“. Gegenüber der „Presse am Sonntag“ bestätigte Göweil am Samstagvormittag, dass es den behaupteten Schriftverkehr via Facebook-Messenger wirklich gegeben habe, und sprach von einem „schweren privaten Fehler“, er wolle „da auch nichts beschönigen“. Er habe sich aber sofort und noch in diesem kurzen Chat für seine verbale Entgleisung entschuldigt und seither keinen Kontakt mit der Kollegin gehabt. Deswegen hätte er zunächst sogar vergessen, dass es diese Konversation gegeben hat.

Göweil noch einmal: „Ich habe diese Trottel-Facebook-Nachricht geschrieben und mich danach entschuldigt.“ Das sei ein privater Fehler gewesen, der mit seiner Funktion als Chefredakteur nichts zu tun habe. Daher werde er auch rechtlich gegen die sofortige Abberufung vorgehen. Denn die Journalistin sei zu diesem Zeitpunkt (und auch früher) nicht seine Mitarbeiterin gewesen. „Was da jetzt draus gemacht wird, ist für mich schwer zu verstehen.“

Der Chat datiert aus dem Jänner. Beobachter fragen nun, wieso die Kollegin so lang gewartet hat, bis sie damit an die Öffentlichkeit ging. Sie hatte lang überlegt, ob sie es öffentlich machen soll, und sich dann juristischen Rat und Unterstützung geholt. Dieser Prozess war gut überlegt und hat seine Zeit gebraucht. Die Kollegin wollte sich auf Nachfrage nicht persönlich dazu äußern. In den sozialen Netzwerken wird der Fall seit Freitagabend emotional diskutiert. Diverse Journalistenkollegen haben Göweil öffentlich via Twitter „unbesehen meine Solidarität“ ausgedrückt. Andere kritisieren lautstark, dass nun die Journalistin, die den Vorwurf erhoben hat, von manchen zur Täterin gemacht werde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2017)

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