Pressestimmen: ''Nähe zu Stammtisch-Parolen lässt schaudern''

Das Israel-kritische Gedicht von Günter Grass, das am Mittwoch in der "Süddeutschen Zeitung", der "New York Times", in "La Repubblica" und "El País", veröffentlicht wurde, schlug eruopaweit Wellen:

Der Mailänder "Corriere della Sera" schreibt: "Wer der Waffen-SS angehört hat, sollte vorsichtiger in seinen Urteilen sein. Ist es möglich, dass die iranischen Drohungen und das Vorhaben, die Atombombe zu bauen, um den Staat Israel auszulöschen, Grass nicht dazu bringen, sich an den antijüdischen Hass zu erinnern, der doch genau dieses doppelte 'S' beherrschte? Ist es möglich, dass diese ganze Entrüstung des Günter Grass sich gegen die Bewaffnung des Staates Israel richtet, nie gegen den 'gängigen' Antisemitismus, der in Europa das Blutbad unter jüdischen Kindern in Toulouse preist? Ein Gedicht reicht nicht aus, um soviel Unsensibilität zu kaschieren."



''de Volkskrant'' (Amsterdam)

"So mancher Schriftsteller hat in seinen späteren Lebensjahren politische Gedichte verfasst, Harold Pinter zum Beispiel im Jahr 2003 aus Anlass des Irak-Krieges. (...) Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS. Ist er eine geeignete Person, solcherart Gedichte zu schreiben? Gerade jemand, der die Uniform der Waffen-SS getragen hat, ist eine Art Erfahrungsexperte auf dem Gebiet der Bedrohung des Weltfriedens. Dass das Gedicht an sich nicht besonders gut ist, hat mit dem Genre zu tun, es ist Agitprop."



''Tagesspiegel'' (Berlin)

"Ach, Grass. Zu fürchten ist, zu befürchten auch, dass sich hier einer um den Ruhm schreibt, wenigstens um den Ruf, dass er was zu sagen hätte. Weil er die Weisheit des Alters hätte. Oder weil er eine moralische Instanz wäre. So ist es nicht. Seine Worte sind ein Schlag gegen moralische Integrität. Weisheit spricht aus seinen Worten nicht; er wägt nicht, er weiß nicht. Was übrig bleibt? Das Alter. Und dass er Willy Brandt gut kannte. Und selbst das ist lange her."



''Frankfurter Rundschau''

"Was da angeblich gesagt werden musste, wäre besser ungesagt geblieben. Politisch ist es Unfug. Das Urteil über die literarische Qualität überlassen wir der Literaturkritik. Aber erklären kann wohl nur die Psychologie, warum ein alter Mann glaubt, 'mit letzter Tinte' ein angebliches Tabu brechen zu müssen, das er sich und seiner Generation selbst auferlegt hat."



''Westdeutsche Zeitung'' (Düsseldorf)

"Schon der Titel 'Was gesagt werden muss' lässt wegen der Nähe zu Stammtisch-Parolen schaudern. Günter Grass wird zu Recht wegen seines Textes angegriffen. Es geht nicht darum, dass ein Deutscher nicht Israel kritisieren dürfte, sondern um seine klischeehafte und faktisch teilweise falsche Darstellung. Er hat sich, Deutschland und Israel geschadet. Auch wenn ihn echte Sorgen getrieben haben sollten, war das falsch."



''Maariv'' (Tel Aviv):

"Günter Grass, der Literaturnobelpreisträger, hat vor einigen Jahren gestanden, Mitglied eines SS-Kommandos gewesen zu sein. Die Tatsache, dass das Nobelpreiskomitee ihm den Preis nicht nachträglich entzogen hat (...) ist Sache des Komitees.

Israel und jüdische Organisationen weltweit begehen jedoch oft den Fehler, dumme antisemitische Äußerungen zu verfolgen. (...) Aber in diesem Fall eines früheren Nazi-Soldaten dürfen die israelische Regierung und die jüdische Lobby nicht passiv bleiben.

Grass hat eine rote Linie überschritten, ist brutal auf dem Pakt zwischen dem Teufel und seinem Opfer herumgetrampelt und hat sich aus dem Dialog mit den Juden, mit Israel und den Israelis verabschiedet. Er sollte für seine Äußerungen angeprangert und bestraft werden aus dem einfachen Grunde, dass sein Anteil an der historischen Sünde nicht vergeben werden kann und nie vergeben werden wird."

''The Wall Street Journal'' (New York):

"Einiges davon sind Streitworte. Die wirkliche Provokation von Grass ist (...), dass ein Deutscher Israel nicht kritisieren kann, ohne als antisemitisch zu gelten und dass dies inakzeptabel sei.

Die Anspielungen im Gedicht zu "schweigen" rufen bekannte, öffentliche Gespräche über Vergangenheitsbewältigung hervor und unterstellen so ein unausgesprochenes Verbot der Kritik an Israel im heutigen Deutschland, ähnlich dem Nachkriegs-Tabu einer Erwähnung der "Endlösung".

Sie erinnern aber jeden Leser, der sich mit der Biografie von Grass auskennt, daran, dass er selbst jahrelang geschwiegen hat und nicht erwähnte, in der Waffen-SS gedient zu haben."
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