ORF1: „Wiener Blut“ – Hilfe! Die Rettung kommt.

Eine Doku-Soap über den Alltag von drei Wiener Sanitätern. Beunruhigend.

(c) ORF (Hans Leitner)
Es wird jetzt also vor laufender Kamera gerettet: Unter dem griffigen, wenn auch ein wenig geschmacklosen Titel „Wiener Blut – die 3 von 144“ schickt der ORF eine vierteilige Serie (Dienstags, 21.55 Uhr, ORF 1) ins Sommer(loch)-Programm, die den Alltag von drei Sanitätern der Wiener Rettung zeigt. Dafür hat man sich viele Namen („Doku-Soap“, „Roadmovie“) überlegt und ein Konzept, das (zu) viel auf einmal versucht: Man wollte offenbar die Coolness amerikanischer Serien einfangen (was sich etwa in rasanten Schnitten à la CSI zeigt), gleichzeitig eben auch eine Doku sein, die phasenweise leider bedenklich nahe in Richtung PR-Film für Wien („Was die Zahl der Gewaltverbrechen betrifft, ist Wien eine Insel der Seligen“, informiert die Märchenstimme des Erzählers aus dem Off) und die hiesige Krankenversorgung („Ein auf der ganzen Welt bewundertes System“) rutscht.
Was aber nicht das Hauptproblem der Doku-Soap ist. Das sind eher die drei Sanitäter bzw. deren Darstellung als coole Schmähführer, die ganz locker von Einsatz zu Einsatz fahren und nebenbei Zeit für ein paar Witzchen auf Kosten der verletzten Patienten haben. Machen die das nur, fragt man sich, weil die Kamera läuft oder eh immer? So oder so: Bedenklich.
Bedenklich auch, wie locker die das alles nehmen. Man hat sich den Alltag von Rettungsfahrern ja eher stressig vorgestellt, gewissenhafte Mitarbeiter, die auf Lebensretter-Mission mit 130 durch die Stadt rasen. So, das vermittelt zumindest „Wiener Blut“, läuft das aber gar nicht ab. Hektik, nur weil ein Gewaltverbrechen gemeldet wird? Aber nein. Mein Gott, dann stolpert eben ein 78-Jähriger über einen Grabstein am Zentralfriedhof. Dem diagnostizieren die drei Sanis dann einen „Schock“, um ihm sogleich noch eins drauf zu geben: „Wir lassen pro Tag drei Patienten fallen“, scherzt Sani „Schratti“, als der Mann auf der Trage liegt. „Sie sind der sechste heute, die Wahrscheinlichkeit, das wir sie fallen lassen, ist also gering“.
Nebenbei lernt der (mittlerweile ohnehin schon beunruhigte) Zuseher, dass Sanitäter auch noch unvernünftig sind. Bei einem nächtlichen Einsatz auf offener Straße schlägt einer vor, Warnwesten zu tragen. „Naaa“, sagt der andere angewidert und verzichtet. Wie überhaupt der Info-Auftrag (den sich die Doku-Soap selbst gestellt hat) sehr originell interpretiert wird. „In Wien sterben mehr Menschen durch Selbstmorde als durch Autounfälle“, informiert der Erzähler. „Was lernen wir daraus? Wir sollten mehr Auto fahren.“
Völlig unnötig, dass man versucht, die Sanitäter von ihrer persönlichen Seite darzustellen. Einsatzfahrer Ernst, der nur nicht Arzt geworden ist, weil „ihm Weiß nicht steht“, ist gerade auf Bananen-Diät. Das wollten wir bitte gar nicht wissen! Sani „Schratti“ würde so gerne Hubschrauber-Sanitäter werden und bettelt vor laufender Kamera wieder mal beim Chef, der wieder mal ablehnt (und vermutlich in der letzten Folge dann zwecks Happy Ends doch zustimmen wird). Eine von mehreren gnadenlos gestellten Szenen.
Schon im Vorfeld war die Serie kritisiert worden, weil einer der drei Protagonisten jener Sanitäter war, der 2003 mit einem Fuß auf dem Rücken des am Boden fixierten Mauretaniers Cheibani Wague stand, der bei diesem „Einsatz“ starb. „Pietätlos“, meinte der Anwalt von Wagues Witwe im „Falter“. Dass ausgerechnet dieser Sanitäter als einer der „Wiener Blut“-Helden auserwählt wurde, habe man nicht gewusst, heißt es beim ORF, der darauf verweist, dass der Sanitäter vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei gesprochen wurde.
Das muss man gar nicht wissen, um die Serie bedenklich zu finden. Vorsichtig formuliert wird „Wiener Blut“ das Image der Rettung nicht gerade verbessern. Oder, wie es eine beunruhigte Freundin per SMS nach der erste Folge formulierte: „Hoffentlich brauch ich nie die Wiener Rettung“.
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