Als Ritter noch raubten und Kathedralen einstürzten

Ken Folletts Roman-Monster, Die Säulen der Erde, ist als vierteiliger TV-Spielfilm im ORF zu sehen. Acht Stunden wildes Mittelalter, in denen die Bösen richtig böse sind und der Zufall den Guten immer hilft.

Ritter noch raubten Kathedralen
Ritter noch raubten Kathedralen
atalie Wörner (Ellen), Rufus Sewell (Tom) – (c) ORF (Egon Endrenyi)

Tom der Baumeister, Held des derzeitigen Mittelalter-Spektakels im ORF, hätte sich eine bessere Zeit aussuchen können, um eine Kathedrale irgendwo im Süden von England im fiktiven Städtchen Kingsbridge zu bauen. 1120 regiert zwar noch der diplomatisch geschickte Normannen-Spross Heinrich I., aber bald herrscht Anarchie. Nach dem Tod des Königs 1135 wird der Erbstreit einsetzen, zwischen Matilda von Anjou, die ihren Sohn fördert (den späteren Heinrich II., der Thomas Becket von Canterbury ermorden ließ), und ihrem Cousin Stephan.

Stephan schafft es zwar, bis 1154 zu regieren, doch diese Jahre werden hart für England. Räuberische Barone wechseln Gefolgschaften nach Belieben, Matilda und Stephan schenken sich nichts. Seit der Thronerbe William bei einem Schiffbruch 1120 ums Leben gekommen ist, wird mit allen Mitteln um die Erbfolge gekämpft.

Hier setzt die Geschichte des Films „Die Säulen der Erde“ ein, einem achtstündigen TV-Vierteiler nach Ken Folletts Weltbestseller von 1990, der seit Sonntag im ORF (726.000 Seher im Schnitt), seit Montag auf Sat1, ausgestrahlt wird. Das Schiffsunglück von 1120 birgt bei Follett ein dunkles Geheimnis. Irgendwie sind alle Hauptfiguren, vom König über den Bischof bis zum Gaukler und Mönch, in dieses Komplott verstrickt. Liebschaften, Inzest, Handel, Raub, Ritterschlacht und Kathedralenbau sind den höchsten Haupt- und Staatsaktionen unterworfen.

 

Wie in einem billigen Western

Was aber bei einem Trivialroman bestens funktioniert – mindestens eine unerwartete Wende pro Kapitel, die saubere Einteilung in Gut und Böse –, führt in acht Stunden Film zur Ermüdung. „Die Säulen der Erde“ ist also der ideale Stoff für eine Serie. Der 30 Millionen Euro teure Kostümfilm von Regisseur Sergio Mimica-Gezzan mag noch so opulent mit 6000 Komparsen und vielen Stars gemacht worden sein, auf Burgen in Niederösterreich, in der Votivkirche und am riesigen Set bei Budapest. Sobald man nach einer Eingewöhnungsphase die Charaktere aussortiert hat, geht es zu wie in einer billigen Westernreihe. Indianer, Outlaws und Gute sind eindeutig zuzuordnen. Ideale Bedingungen also für vier TV-Familienabende – die Handlung mag vertrackt sein, es mag Stunden dauern, bis die Richtigen zusammenkommen und die Bösen bestraft werden, aber das wohlige Mittelalter-Feeling mit Blut, Dreck, Idylle und Folklore ist immer da. Die Mythen leben, in einer etwas putzigen Form.

Die Guten: Baumeister Tom (Rufus Sewell), der nach dem Tod seiner Frau mit einer als Hexe gefürchteten, aufgeklärten Frau ein Verhältnis anfängt. Diese unzeitgemäße Person (Natalia Wörner) pinkelt einmal sogar dem Bischof (Ian McShane) auf den Tisch. Er hat das wirklich verdient, er ist ein arger Intrigant, sie sticht ihm das Messer in den Leib und kann – oh Wunder! – ungehindert davonspazieren, später sogar ins Kloster zurückkehren. Ihr Sohn Jack (Eddie Redmayne) ist ein ganz Edler, anfangs stumm, dann der Vollender der Kathedrale, die zuvor auch noch einmal einstürzt. Jack sehnt sich nach einer verstoßenen Grafentochter (Hayley Atwell). Deren Vater Bartolomäus von Shiring (Donald Sutherland) ist ein wackerer Ritter, der trotzdem in Ungnade fällt, denn sowohl König Stephan (Tony Curran) als auch seine Günstlinge sind superböse. Der wilde Ritter William zum Beispiel (David Oakes) kann unbehelligt Dörfer niederbrennen, den Baumeister um den Lohn prellen, Aliena vergewaltigen, sich nach so viel Exzess bei seiner großartig giftigen Mutter mit Inzest trösten – er erhält Shiring als Lehen und macht das Kathedralenbauen schwer.

 

Kurzbesuch bei Abt Suger

Aber die Guten sind nach Jahrzehnten Baugeschichte, in denen sie zeitlos schön bleiben, doch stärker. Zufällig treffen sie immer im passenden Moment auf das Nützliche. Bei einem kurzen Abstecher nach Paris etwa holt sich der junge Baumeister Jack von Abt Suger von Saint Denis die entscheidenden Informationen über Stützpfeiler. Dann stehen sie endlich fertig da, die Säulen, die Gottes Schatten auf die Erde werfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2010)

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