„Mausefalle“ mit Ironie als Köder

Agatha Christies Klassiker darf nicht sterben! In Wien erhält das legendäre Kriminalspiel von 1952 unter der Regie Folke Brabands einen reizvollen Schwarz-Weiß-Ton.

FOTOPROBE: 'DIE MAUSEFALLE' IN DEN KAMMERSPIELEN DER JOSEFSTADT
FOTOPROBE: 'DIE MAUSEFALLE' IN DEN KAMMERSPIELEN DER JOSEFSTADT
FOTOPROBE: 'DIE MAUSEFALLE' IN DEN KAMMERSPIELEN DER JOSEFSTADT – APA/HANS KLAUS TECHT

Am Schluss, als der Fall gelöst ist und sich sogar das Opfer verbeugt hat, unterbricht der Täter (oder die Täterin?) den Applaus, bittet das Publikum, nichts zu verraten. Sonst würde nämlich Schreckliches geschehen. So will es Agatha Christie, Weltmeisterin des „Whodunit“, bei ihrem 1952 in Nottingham uraufgeführten Stück „The Mousetrap“. So ist es seither Tradition in London, wo das erfolgreichste aller Stücke bis dato ununterbrochen läuft. Bisher gibt es keinen Kinofilm dazu, nur die Hörspielfans (eine kurze Variante, „Three Blind Mice“, wurde bereits 1947 gesendet) wissen neben Theaterbesuchern und Lesern Bescheid. Sie schweigen wie ein Grab. Die Firma aber, die sich voreilig die Filmrechte sicherte, muss laut Vertrag warten, bis das Kriminalspiel in London abgesetzt wird. Das kann dauern.

Damit auch diesmal nichts passiert, soll auch nach der Premiere von „Die Mausefalle“ am Donnerstag in den Wiener Kammerspielen nichts Entscheidendes verraten werden, außer einem: Jeder ist hier bei Christie verdächtig, sogar die Opfer, bis sie eben tot sind. Die Zuschauer aber werden in dieser Inszenierung von Folke Braband rührend retrospektiv durch den Fall geführt. Die Musik (von Felix Huber), die sich stimmig dem Spannungsbogen anschmiegt, erinnert so wie die Kostüme und das Set (Stephan Dietrich) an Detektivfilme aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts – alles in Schwarz-Weiß in diesem typisch britischen Landhaus mit Kamin, Ledersofa und Holztreppe, mit knarrender Kellerklappe. Auch der Wachsblumenstrauß ist fast farblos. Lauter verdächtige graue Gestalten haben weiß geschminkte Gesichter, nur der Blutfleck nach der Tat, ein Schal und ein Telefonhörer sind rot. Und anfangs borgt sich das eben erst entzückend renovierte Theater sogar das Motiv eines Hollywood-Studios aus: „A Kammerspiele Picture“ steht in einem Sternenrund.

 

So viel verborgene Vergangenheit

Die Transponierung in die gute alte Schwarz-Weiß-Film-Zeit ist durchaus gelungen, die gut zweistündige Aufführung hat Witz. Nicht Spannung macht das Wesentliche dieses ehrenvoll angegrauten Klassikers aus, sondern der ironische Umgang mit der Vergangenheit. Es wird zum Teil lustvoll gespielt von einem Oktett des Theaters in der Josefstadt, das ausreichend Charakter zeigt, sogar bekannte Charaktere persifliert.

Marianne Nentwich zum Beispiel, die giftige Mrs. Boyle, könnte auch als Miss Marple oder Dame Christie durchgehen. Siegfried Walther wiederum als windiger Mr. Paravicini ist eine würdige Inkarnation von Hercule Poirot. Heribert Sasse macht in einem Kilt als Major Metcalf gute Figur – als wäre er direkt vom Londoner Westend nach Wien importiert worden. Martin Zauner gibt einen großartigen Detective Sergeant Trotter ab, der Spannung bis zum Schluss garantiert.

Durch unheimlich viel Schneefall ist Monkswell Manor vom Rest der Welt abgeschnitten, jemand hat auch noch die Telefonleitung gekappt. Der Täter gar? Trotter dringt tief in die verbogene Vergangenheit der sieben Übrigen ein. Da enthüllt sich sogar, dass selbst die nervösen neuen Betreiber der Pension einiges zu verbergen haben: die adrette, fast immer freundliche Mollie Ralston (Alexandra Krismer) ebenso wie ihr leicht aufbrausender Gatte Giles (Alexander Jagsch), der wirre angebliche Architekt Christopher Wren (Martin Niedermair) wie auch die blasse, burschikose Miss Casewell (Silvia Meisterle). Der Ermittler führt sie alle vor in diesem geräumigen Haus mit seinen verborgenen Treppen und Gängen, das dennoch beengend wirkt. Das Böse aber – es passiert halt doch. Schon blitzen die Messer, schon zücken ehrenwerte Leute die Pistolen. Und, ach, wenn die Musik bedrohlich anschwillt, wird es finster. Was für eine Wohltat ist es dann, dass die souveräne Agatha am Ende immer erklären lässt, was wirklich geschah. Wir würden es nämlich gar nicht geglaubt haben, und falls wir Vermutungen hätten, würden wir sie niemals vorlaut preisgeben.

Nächste Termine: 21. und 22. Dezember. (15 u. 20 Uhr). 8. bis 14. Jänner, 6. bis 9. und 14. bis 18. sowie 24. Februar

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2013)

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