Burgtheater: „Das sagt einem doch der Hausverstand!"

"Jedem hätte auffallen können, dass etwas nicht zusammenpasst", sagt Wirtschaftsprüfer Martin Wagner, jener Mann, der für die aktuellen Prüfungen an der Burg zuständig ist. Den Aufsichtsrat hat er schon im Jänner 2013 informiert.

Burgtheater
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Burgtheater – (c) Die Presse (FABRY Clemens)

Die Presse: Am Donnerstag tagt der Aufsichtsrat des Burgtheaters. Welche Berichte werden Sie den Mitgliedern vorlegen?

Martin Wagner:
Wir werden dem Aufsichtsrat den Endbericht der forensischen Untersuchung vorlegen und die Ergebnisse der Gebarungsprüfung.


Was kann der Aufsichtsrat aus der forensischen Untersuchung ableiten?

Sie bietet Anhaltspunkte dafür, ob gegen die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin, Silvia Stantejsky, Strafanzeige zu erstatten ist oder Schadenersatzforderungen gestellt werden. Aber wir nehmen als Wirtschaftsprüfer keinerlei rechtliche Beurteilung vor. Das ist die Aufgabe der Rechtsberater.


Den Auftrag zur forensischen Untersuchung haben Sie von der Geschäftsführung der Burg Ende 2013 erhalten. Was genau hatte die KPMG zu prüfen?

Die Untersuchung umfasste einen eingeschränkten Bereich. Wir hatten ausschließlich die Aufgabe, Geschäftsfälle, für die Stantejsky verantwortlich war, zu untersuchen. Ausgangspunkt waren bestimmte Verrechnungskonten, die auffällig hoch waren, und Belege, die wir hinterfragen mussten. Nicht zu untersuchen hatten wir, ob auch in anderen Bereichen etwas nicht ordnungsgemäß abgelaufen ist.


Und auch nicht, ob Direktor Matthias Hartmann und Georg Springer, Chef der Bundestheater-Holding und Aufsichtsratsvorsitzender, von diversen Ungereimtheiten etwas hätten bemerken müssen?

Nein, das war nicht Gegenstand unseres Auftrages.


Die erste Jahresabschlussprüfung hat die KPMG für das Jahr 2011/12 gemacht. Wieso ist den Prüfern nicht schon damals aufgefallen, dass einiges im Argen liegt?

So ist es nicht, wir haben einiges gemerkt und das dem Aufsichtsrat in einer sehr frühen Phase, im Jänner 2013, mitgeteilt. Wir haben gesagt, dass wir Mängel beim Vieraugenprinzip sehen und, dass uns Belege fehlen. Wir waren auch die Ersten, die nicht bereit waren, die praktizierte Abschreibungsmethode zu akzeptieren. Das stieß anfänglich bei der Geschäftsführung auf Unverständnis. Letztlich wurde eingelenkt, denn die Alternative wäre ein eingeschränkter Bestätigungsvermerk (Anm: das heißt, der vorgelegte Jahresabschluss entspricht nicht den gesetzlichen Vorschriften). Wir haben auch darauf hingewiesen, dass an der Burg viele Abläufe nicht so funktionieren wie an anderen Häusern.


Was zum Beispiel?

Es hat jegliche Demokratisierung im Rechnungswesen gefehlt. Viele haben sich nicht ausgekannt, auch Mitarbeiter nicht, die von Buchhaltung und Kostenrechnung eine Ahnung haben. Alles war bei Stantejsky zentralisiert, was zur Folge hatte, dass es über Jahre hindurch keine effiziente Kontrolle gab.


Aber die Holding hätte über das zentrale Computerprogramm jede Buchung einsehen können, Hartmann als Geschäftsführer natürlich auch. Der Aufsichtsrat kann als Kontrollorgan jede erdenkliche Information anfordern.

Ja natürlich, das hätte man tun können. Im Einzelfall wäre man dann wieder auf die Erklärung von Stantejsky angewiesen gewesen.


Hätten Hartmann und Springer nicht hinterfragen müssen, weshalb Stantejsky alles an sich gerissen hat?

Es gab sicher ein ungutes Gefühl. Aber man hat offenbar vieles akzeptiert und sich entschieden, nicht tiefer in die Sache hineinzugehen. Diese Frau war das Liebkind aller im Haus. Sie hat für die Schauspieler vieles erledigt und der Holding die Ergebnisse gebracht, die gewollt waren.


Stand Stantejsky unter großem Druck?

Das mag sein. Aber sie hätte in ihrer Funktion die Härte haben müssen, laut aufzuschreien. An der Entwicklung der Bankschulden konnte man leicht erkennen, dass das Haus verlustträchtig ist. Wenn man mehr ausgibt, als man hat, dann steigen die Schulden. Wenn dann trotzdem ein ausgeglichenes Ergebnis vorliegt, sagt einem der Hausverstand, dass da etwas nicht zusammenpasst.


Auch dem Aufsichtsrat und Hartmann hätte das auffallen müssen?

Jedem hätte das auffallen können.


Hat Hartmann Verantwortung zu übernehmen?

Jeder Geschäftsführer ist für das gesamte Unternehmen verantwortlich. Ich kann nicht sagen, ich interessiere mich nur für einen Ausschnitt, selbst wenn die Geschäftsführung aufgeteilt ist. Ich denke, es wäre schon gut, wenn er sagte: Ich habe mich blenden lassen, es ist nicht gut gelaufen.


Wie geht es nun weiter?

Die KPMG hat alle Informationen geliefert. Heute muss der Aufsichtsrat entscheiden, wie es weitergeht.


Während die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG noch mitten in der Jahresabschlussprüfung für 2012/13 ist, hat der Aufsichtsrat kürzlich schon mitgeteilt, wie hoch das Budgetloch etwa sein wird. Wie ist das möglich?

Martin Wagner
Martin Wagner
Martin Wagner – (c) KPMG

Die Zahlen stehen erst fest, wenn das Testat von uns gegeben ist. Nicht vorher. Heute mag es einen Zwischenstand geben, der aber nicht der Endstand ist. Den gibt es im April. Auch über den Bestätigungsvermerk kann ich heute nichts sagen. Das Leben des Theaters hängt davon ab, wie die Eigentümer gedenken, Kapital und damit auch die Liquidität aufzustellen. In den nächsten Wochen muss die Geschäftsführung eine Fortbestandsprognose für das Haus liefern, damit wir für den Jahresabschluss überhaupt einen Bestätigungsvermerk erteilen können. Entscheidend ist, dass die Liquidität des Hauses gesichert ist. In irgendeiner Weise wird es also einen Kapitaleinschuss geben müssen.

Zur Person

DDr. Martin Wagner ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Senior Partner der KPMG, einer der größten Wirtschafts-prüfungsgesellschaften weltweit. Er ist zuständiger Partner der einzelnen Prüfungen für das Burgtheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2014)

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