Theater: Kinder quälen, der Kunst zuliebe

"Vincent": die erste Premiere der Roman-Theaterfassung im neuen "Salon5" war erstaunlich unausgegoren.

Die Presse (Bruckberger)

Keine 24 war der schreibende Popmusiker Joey Goebel, als er 2004 den Roman „Torture the Artist“ publizierte. Darin wird der frustrierte Musiker Harlan Eiffler von der Organisation „New Renaissance“ angeworben. Deren Oberhaupt, Medientycoon Foster Leibowitz, will der auf den Hund gekommenen Unterhaltungsindustrie Qualität einhauchen, indem er kleine Talente zu großen Künstlern formt. Und da große Kunst nur durch großes Leid entsteht, soll Eiffler seinem Schützling Vincent möglichst viel Leid zufügen.

Mit „Vincent“, der Theaterfassung des Romans, lud die freie Theatergruppe „iffland&söhne“ am Dienstag zum ersten Mal in ihren „Salon5“. In einem Fabriksgebäude der Jahrhundertwende hat sie sich sesshaft gemacht, stimmungsvoll heruntergekommen breiten sich die zwei Etagen in einem Hinterhof im 15.Bezirk aus, unten Brot, oben Spiele. Vor Glasfronten, die eine riesige Terrasse sichtbar machen, spielen drei Schauspieler mehrere Rollen, Daniel Frantisek Kamen beeindruckt ausdrucksstark als verzweifeltes Kind, Jens Ole Schmieder als zwischen Zuneigung und pflichtgemäßer Niedertracht gespaltener „Erzieher“, Isabella Wolff als Mutter-Schlampe.

Verschwendete Talente, wie in der Unterhaltungsindustrie. Der unausgegorene Roman ist die Müh' nicht wert, die spritzige Regie Anna Maria Krassniggs kann ihre eigene Bühnenfassung nicht retten: End- und strukturlos zieht sich Szene auf Szene, Pathos, Klischee, unverdaute Postmoderne und unfreiwilliger Humor („Ich war der glücklichste 43-Jährige in dieser oder irgendeiner anderen Galaxie“) taumeln durcheinander. Als Kunst- und Mediensatire ist „Vincent“ gedacht, aber die Erkenntnis, dass Hollywood und Fernsehen „ohne Substanz“ sind, ist nicht sonderlich neu. Von ganz anderer Qualität ist die Kunstsatire, der sich „iffland & söhne“ als Nächstes widmen: „Ich und Kaminski“ nach Daniel Kehlmanns Roman hat im September Premiere. sim

Weitere Termine: 19., 25., 30., 31.Jänner, 8., 9., 14.Februar. Ort: Brick-5, 15., Fünfhausgasse 5. Tel.: 0676/562-55-02.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2008)

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