Aufs Fell gerückt

Wohin sich wenden, wenn das Haustier bereit ist für die Ewigkeit in Öl, auf Zelluloid oder als Bettvorleger? Von Guten und Bösen Künstlerblicken auf Hund, Katz, Taube und Kuh. Ein leicht anglophiler Streifzug durch aktuelle Tierische Obsessionen in der (österreichischen) Kunst.

Fiona Hernuss malt mit Vorliebe Tiere „mit Power“, wie sie sagt. Hier Bullterrier „James“, 2006.
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Fiona Hernuss malt mit Vorliebe Tiere „mit Power“, wie sie sagt. Hier Bullterrier „James“, 2006.
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Alles begann mit Hunden, die ich hasse. Bei einem Abendessen in einer Galerie fühlte ich mich von ihnen aufs Unangenehmste umzingelt, umhechelt, beäugt und belauert – aber auch bewacht, und ich war, zu meiner größten Überraschung, fasziniert von einer Schönheit in dieser Hässlichkeit, von ihrer Kraft. Kampfhunde. Noch dazu hier diese dumpfen Staffordshire Bullterrier. Dort ein Rottweiler. Riesengroß. Auf Leinwand. Hyperrealistisch. In extremer Nahaufnahme. Und dann noch dazu in Weiß auf Schweinchenrosa.

Keine Ahnung mehr, was ich damals auf dem Teller hatte. Neben mir jedenfalls saß die verwunderte junge Malerin, die ich zwar bisher nicht kannte, die dafür meine kleine, aber ziemlich unübersehbare Hundephobie gleich zur Vorspeise serviert bekam.
Seither verfolgen mich die Viecher. Nicht nur nachhaltig in meiner therapiebedürftigen Seele. Sondern auch und immer öfter in der Kunst. Gehetzt noch dazu von den permanent bohrenden Fragen meines engeren wie weiteren Bekanntenkreises, der rundum zu glauben scheint, dass gerade die glücklich hundelose Kunstkritikerin die besten willigen Porträtisten für diverse Schoßtiere in Dutzenden an der Leine führt. Was natürlich meist herbe Enttäuschungen zur Folge hat – ist es heute ja schon schwer genug, für einen Menschen einen akzeptablen Auftragsporträtisten empfehlen zu können, guten Gewissens noch dazu. Aber für Hund, Katze und Lieblingsgoldfisch? Da muss meist die unterste Schublade des Gewerbes, bevorzugt im Internet, gezogen werden, wo sich die Angebote à la „Akademischer Maler malt haarigen Liebling mit Herz – Fotos retour nur mit beigelegtem Bargeld“ häufen.

Hunde unter dem Hammer. Aber was erwartet man sich auch von der Wiener Kunstszene? Wir sind ja schließlich nicht im hundewahnsinnigen England, wo etwa das Auktionshaus Christie’s regelmäßig eigene „Dog-Auctions“ veranstalten kann, in denen ausschließlich und sehr erfolgreich historische und moderne Hunde- beziehungsweise Jagd-Sujets in die ganze Welt verklopft werden.

So fiel mir lange Jahre als immerhin hochkarätiger Notnagel für tierversessene Kunstliebhaber und umgekehrt nur ein Name ein: Alois Mosbacher. Wofür der Arme allerdings wirklich nicht viel mehr konnte als seine bereits älteren Hühner- und Hunde-Serien. Purer Zufall, dass ich den
einstigen Jungen Wilden gerade damals, in den späten 90er-Jahren, zu beobachten begann. Wobei eigentlich auch seine Hundebilder selbst einem Zufall entsprangen: Hatte der 1954 geborene Steirer vor ungefähr acht Jahren zwar durchaus für einige Monate die Wohnung eines Freundes in Los Angeles hüten wollen, nicht aber unbedingt auch gleich dessen Hund dazu. Doch schon folgte eine Zeichnung, ein Ölbild, ein Aquarell und ein Hund dem anderen – und schließlich hatte Alois Mosbacher dem Motiv vier Jahre (2000 bis 2003) und viel Humor gewidmet.

Entstanden sind dabei extrem sympathische und lockere Hunde-Porträts, die in ihrer auch stilistischen Vielfalt und ihren poetischen Schattierungen mehr an individuelle Charakterköpfe erinnern als an kläffende Schnauzen mit Ohren – obwohl dem Maler als Vorbild bald auch Plastikspielzeugfiguren dienten. Doch selbst in deren recht platten Physiognomien legte er etwas Persönliches, nimmt so unseren guten Glauben, unser Hündchen-Schema aufs Korn. Traurig, nachdenklich, angriffslustig, träumerisch, naiv, verspielt zeigen sich so ein Prego und ein Jagger, ein Lurch, Mufti, Schimanofsky, eine Bella, Zucka oder Selma – und zwar in allen ihnen zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln, in ihren Blicken, Ohren, Stirnfalten, Lefzen und Hautfalten.

Mag das jetzt dem ersten Eindruck nach an die abgeschmackte affirmative Hunde-Vermenschlichung eines Fotografen wie William Wegmann erinnern – vergessen Sie es. Alois Mosbacher geht unvergleichlich subtiler vor. Die gewisse menschliche Anmutung seiner Hunde schleicht sich nur ganz langsam ins Bewusstsein ein, Seite um Seite, die man sich durch sein 2003 erschienenes grandioses Hund-Buch mit Beiträgen von Elfriede Jelinek, Franzobel und Wolf Haas blättert (Jung und Jung Verlag).

Doch was hilft jetzt all die Nostalgie. Mosbacher schwebt längst in anderen, virtuelleren Welten (Galerie Krinzinger). Als sein bester, weil bösester Nachfolger in der Enttarnung einer vielleicht fast menschlichen Hundeseele hat sich ein anderer Steirer entpuppt, der 1970 in Leoben geborene Ronald Kodritsch. In der neuen Grazer Galerie „artepari“ (www.artepari.com) zeigte er gerade seine „Bastards“ – als würden Mosbacher-Hündchen sich gerade mit viel Chemie direkt ins Nirvana spritzen.

Adressat Herrchen. Mit ihren langen Haaren und leeren Blicken, angedeuteten Dreitagesbärten und ungesunden Gesichtsfarben erinnern Kodritschs „Bastards“ eindeutig eher an dunkle Rockstars als an Lassie. Gemalt in seinem „schlampigen Realismus“, wie er selbst es nennt, will der ehemalige Damisch-Student mit seinen Porträts eher die Herrchen und Frauchen treffen als ihre Hunde, weit entfernt von edel und gut: „The beauty that will save the earth is the love that shares our pain“, steht da etwa quer unter einem schrägen Schnäuzchen.

Den ersten Platz der „Best of Böse“-Liste der künstlerischen Tierverwerter muss Kodritsch aber an einen Kollegen aus dem Osten abtreten: Dabei tat Ondrej Brody, 1980 in Prag geboren, nicht viel mehr als das, was für Schaf oder Kuh gerade recht zu sein scheint, fürs Schoßtier interessanterweise aber noch weniger in Betracht gezogen wird. Er zog Hund wie Katz schlicht das Fell ab – und fertig war der Bettvorleger. Mittlerweile sind die Hunde-Teppiche des jungen Performance- und Videokünstlers zu Schockern von Kunstmessen wie der „Viennafair“ avanciert. Die Kadaver bezieht er übrigens nicht aus Nachbars Körbchen, sondern aus Ecuador.

Aber jetzt endgültig Schluss mit lustig. Wo bleiben Ernsthaftigkeit und Würde? Damit kann jetzt genau jene Malerin dienen, deren brutale Kampfhund-Beautys mich zu Beginn dieses Ausflugs so aus der Fassung und um den Appetit gebracht haben. Zwei Jahre hat die 1970 geborene Wienerin Fiona Hernuss auf der „New York Academy of figurative Art“ nur Akte gemalt. Nach ihrem Diplom aber brach ihre Leidenschaft durch, waren es bald sowohl ihre eigenen wie auch streng ausgewählte befreundete Hunde, denen sie mit ihrer perfekt geschulten Technik ans Fell rückte.

Die Schönheit im Hässlichen reize sie an ihren Motiven, erzählt sie. Aufträge nehme sie aber nur bei garantiert völliger künstlerischer Freiheit an. Da sei sie sehr heikel. Zurzeit arbeitet sie sich übrigens an nichts weniger Ungefährlichem ab – einem (zumindest ausgestopften) Stierkopf mit prächtigen Hörnern, gefallen in einer Stierkampfarena, den ihr Mann, ein Tierfotograf, ihr zur freundlichen Scheidung geschenkt hat. (www.hernuss.com)

Menschliche Züge. Weniger für „Kraft, Ehre, Power“, wie Hernuss ihre Stiere und Kampfhunde beschreibt, als für Dekadenz steht einer der – auch in Österreich – gerade sehr beliebten Modehunde, der fragile Whippet. Mit eindeutig britischer Kühle wendet sich die Londoner Fotografin Jo Longhurst diesem und nur diesem zu. In ihren teils klinisch anmutenden Fotos versucht sie, unsere unterschiedlichen Blickwinkel auf diesen Rassehund zu erforschen: einerseits die auf Perfektion gerichtete Sicht des Züchters, andererseits die gierig nach etwas Verwandtem, etwas Menschlichem heischende des glücklichen Besitzers. „I know what you’re thinking“ untertitelt die Britin etwa eine Serie von Frontalporträts, ebenfalls noch bis 15. Juni bei einer großen Longhurst-Ausstellung im Folkwang Museum in Essen zu sehen. Was die Herzen von Whippet-Fans sicher höher schlagen – die der Skeptiker wohl aber eher erschaudern lässt.

Denkmal. Doch jetzt genug von Hunden. Auch Brieftaubenzüchter und Milchbauern haben Recht auf künstlerische Befriedigung! Die Taube als Symbol der Stadt hat sich etwa die 1980 in der Schweiz geborene Malerin Amina Broggi als eine Art Markenzeichen gesichert. In mehreren Jahren setzte die mittlerweile in Berlin lebende Angewandte-Absolventin den ungeliebten Gesimssitzern ein Denkmal, malte sie Dutzende Male, badend, schlafend, aufgeplustert, fragmentiert oder so, wie viele Denkmalschützer sie am liebsten sehen – nämlich tot.

Einer ähnlich mono-animalischen Obsession scheint die oberösterreichische Malerin und ehemalige Damisch-Schülerin Christa Mayrhofer verfallen, die es tatsächlich zu ihrer aktuellen künstlerischen Leidenschaft erklärt hat, dem gemeinen Mühlviertler Fleckvieh „eine Seele zu geben“. Wer „Lanzelot“, „Hael“ oder „Wolke“ also tief in die traurigen Augen blicken will, der wende sich an die Wiener Galerie Hrobsky oder, kein Scherz, an die Grazer Galerie Schafschetzy.

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