Sex und Macht im Theaterkosmos

Die Uraufführung von Thiemo Strutzenbergers „Hunde Gottes“ ist amüsant, aber auch rätselhaft. Regie und Ensemble wuchern mit Film-Reminiszenzen.

 Katja Jung, Florian von Manteuffe
 Katja Jung, Florian von Manteuffe
(c) Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Bei der Verknüpfung vieler Elemente kann leicht ein Knoten entstehen, der nicht mehr aufzulösen ist. Den gordischen Knoten in der Uraufführung von Thiemo Strutzenbergers „Hunde Gottes“, seit Samstag im Wiener Schauspielhaus zu sehen, durchschlug Barbara Weber mit ihrer Inszenierung. Sie hat sich den teils großartigen, teils überkomplizierten Text meisterhaft anverwandelt. Ihr bester Trick: Wenn einer komplizierte Phrasen drischt, darf der andere darauf irritiert oder sauer reagieren wie das auch wir tun, wenn Freunde uns mit wirren Monologen nerven. Die Aufführung zeigt, dass das Schauspielhaus, obwohl sein Direktor Andreas Beck seine letzte Saison hat, auf neuen Wegen wandelt, stärker als zuletzt. Wir werden Beck vermissen...

Der Oberösterreicher Strutzenberger ist dem Publikum vor allem als Schauspieler bekannt, Er spielte u.a. in „Die Wohlgesinnten“, der Dramatisierung des heftig diskutierten Romans über die NS-Zeit von Jonathan Littell. Als Autor zeigte Strutzenberger im Schauspielhaus „The Zofen Suicides“ und „Queen Recluse“. In postmoderner Manier versucht er die literarische und kulturelle Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, damit sie verständlich bleibt. „Hunde Gottes“ wäre vermutlich ein lohnendes Dissertationsthema, so viele Elemente! Der Grundton ist das Zusammenspiel von Macht und Sexualität, das nicht erst durch die Transgender-Debatte aufgebracht wurde. Und auch C.G. Jung hatte zu Animus und Anima einiges zu sagen. Strutzenberger verortet Transgender im Politischen, mindestens ebenso nachhaltig, wenn nicht nachhaltiger ist die Bipolarität aber in der Seele zu Hause.

Es geht um Dante, Petrarca, die Libertinage von Männern der Oberschicht in der Renaissance; um Unsicherheiten geschlechtlicher Zuordnung wie sie die Welt, nicht aber der Kosmos kennt, wie es im Stück heißt. Was ist unter unserer Haut? Sind wir da alle gleichfarbig, überhaupt gleich? Das Stück spielt mit Elementen des US-Nachkriegs-Melodrams, speziell mit den äußerlich dem damaligen Mainstream folgenden, tatsächlich aber subversiven Filmen Douglas Sirks („Was der Himmel erlaubt“). Der Hamburger Sirk machte in Hollywood Karriere. In Rainer Werner Fassbinders Arbeiten („Die Sehnsucht der Veronika Voss“, „Angst essen Seele auf“) fand Sirk einen Nachfahren. Eine weitere wichtige Rolle im Stück hat die Musik, Filmmusik als Akzentuierung für Gefühle.

 

Fest für Cineasten und Cross-Over-Fans

Worum geht es? Die Schauspielerin Betty Alighieri (phänomenal in allen dramatischen Farben schillernd: Katja Jung) versucht ein Comeback, ihr Mann Dante (Steffen Höld) ist ein Architekt, der sich gern als Frau verkleidet. Der gemeinsame Sohn Leonardo (Gideon Maoz), der nicht zufällig den Vornamen da Vincis trägt, stammt vom Gärtner Mr. Deagan (Simon Zagermann) ab. Dieser hat seinerseits eine Tochter Laura (Nicola Kirsch), ein Straßenmädchen, das dem schlichten, warmherzigen, aber armen Vater entfliehen und in die Welt der Reichen vordringen möchte. Das gelingt Laura auch, der Architekt Francesco Petrarca (köstlich cowboyhaft: Florian von Manteuffel) interessiert sich für sie; es ist aber nicht sicher, ob Dantes bester Freund und Chef nicht letztlich an Betty und Dante in mehr als nur freundschaftlicher Weise stärker gebunden ist als an hübsche Mädchen, die Probleme machen, sobald man sie geheiratet hat.

Rassismus und Ressentiments gegen Homosexuelle, signalisiert das Stück, hängen eng miteinander zusammen. Die Frage, ob Ironie oder Romantik das beste Medium der Kunst ist, wurde längst beantwortet. Romantik ist fast nur mehr ironisiert erträglich, das macht jedenfalls diese Aufführung deutlich.

Der gewaltige Kopf einer antiken Skulptur beherrscht das Bühnenbild von Johannes Weckl. Die Schauspieler und Webers lebendige, stilsichere Regie, die nicht nur Cineasten erfreuen dürfte, sorgen für 90 überwiegend kurzweilige Minuten. „Hunde Gottes“ erinnert an die tollen Literatur-Travestien des begnadeten Tom Stoppard. Strutzenberger stand am Ende schüchtern abseits, vielleicht war das Ensemble nicht nur begeistert von dem Gedanken-Wust, den es von einem Kollegen in den Mund gestopft bekam. Ein reiches, auch formal interessantes, vielleicht sogar zukunftsweisendes Kunstwerk ist „Hunde Gottes“ aber allemal. Viel Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2014)

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