Festspielzeit: Das ganze Land ist ein einziges Festspiel-Podium

30.06.2008 | 18:55 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Die ersten Festivals sind vorüber, die Styriarte erreicht ihren ersten Höhepunkt, Stars kommen nach Zwettl, Lockenhaus probt bereits.

Der Sommer beginnt – und die ersten Festivals sind schon wieder vorbei. In Kärnten gab es das ambitionierte Wörthersee Classics Festival, in Rohrau an der niederösterreichisch/burgenländischen Grenze feiert man wieder den genius loci Joseph Haydn. In beiden Fällen beweisen die Veranstalter, was mit verhältnismäßig gering bemessenen Kulturbudgets möglich ist, nämlich ungewöhnliche, spannende Programm-Planung jenseits des Repertoire-Mainstreams.

Gewiss, im Klagenfurter Konzerthaus dirigierte Festspiel-Mitbegründer Alexei Kornienko am Pult der wohltimbrierten Budapester Philharmoniker auch die Vierte Symphonie von Johannes Brahms – laut dem Motto des Festivals stehen schließlich Komponisten im Mittelpunkt, die am Wörthersee wichtige Inspirationen empfangen haben. Das heißt jenseits von Brahms freilich: Hugo Wolf, aber auch die Schönberg-Schüler Alban Berg und Anton Webern – also keine „leichte Sommerkost“.

Außerdem pflegt man in Kärnten auch die Avantgarde, erteilt Kompositionsaufträge und holt Meilensteine der musikalischen Moderne aus den Archiven. So gastierte heuer Dieter Kaufmann mit seinem Ingeborg-Bachmann-Oratorium „Evocation“ (op. 11), ein Stück engagierter Kunst aus den Sechzigerjahren, das heute wohl schon als tönendes Denkmal gelten darf, dem sich die Studenten des Klagenfurter Konservatoriums mit Solisten vom Format der Festspiel-Leiterin Elena Denisova bereits als historisch interessierte Interpreten nähern können. Wie Komponisten heutzutage Musik machen, war bei dem 1973 geborenen Roland Freisitzer zu studieren, dessen Orchesterwerk „Yellow“ als Auftragswerk von Wörthersee Classics 2008 zur Uraufführung kam: „Ein bisschen wie Tom & Jerry“, kommentierte Freisitzer sein minimalistisch, witziges Stück launig, tatsächlich lassen sich die Entwicklungen ganz kurzer Klangelemente in ihrer repetitiven Gestik gut – und wie eine Art Hör-Comic – mitverfolgen.

Poppig ging es amüsanter Weise am vergangenen Wochenende auch in Haydns Geburtsort Rohrau zu, wo die Haydn-Tage nicht nur für Konzerte auf Originalinstrumenten im Komponisten-Geburtshaus sorgen, sondern im Harrach-Schloss auch zu einem veritablen Haydn-Fest luden.

 

Pop zur Zeit der Wiener Klassik

Bei diesem kam keineswegs nur die hehre Klassik mit Ensembles wie dem Eisenstädter Haydn-Quartett und der wunderbaren Sopranistin Cornelia Horak zu Ton, sondern auch jene Musik, die im 18. Jahrhundert vom Volk ästimiert wurde: Mit Verve spielten die drei Musikanten des Ensembles „Schikaneders Jugend“ auf Drehleier, Schalmei und Dudelsack Tanzmusik der Region, „hungarisch, böhmisch, teutsch“ – wobei dem „Deutschtanzen“, wie zu erfahren war, damals der wildeste Charakter zukam, durchaus kupplerischer Natur zuweilen, jedenfalls so wenig „zimmerrein“ wie manches Solo auf der Maultrommel oder ein zünftiger Jodler damals empfunden werden mochten. Kenner horchten bei manchem – auch slawisch gefärbten – Melismen dieser chthonischen Volksklänge auf: Da hat das eine oder andere Melodiefragment via Haydnsche Kammermusik oder Symphonik Einzug in die Konzertsäle der Welt gehalten – schon in den Neunzigerjahren des 18. Jahrhunderts sogar in Paris oder London! Mancher Musiker notierte sich als Zaungast im Clarisse-Saal des Rohrauer Schlosses Melodien, die sie in ganz anderem Zusammenhang schon, klassisch veredelt, selbst gespielt hatten . . .

 

Harnoncourt inszeniert wie einst Karajan

Die österreichische Festspielsaison erreicht dieser Tage ihre ersten Höhepunkte: Heute, Dienstag, hat bei der Grazer Styriarte die erste Inszenierung des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt Premiere. Sie gilt Mozarts „Idomeneo“, einem Werk, das, so Harnoncourt, auf der Bühne noch nie so ausgesehen hätte, wie er sich das im Idealfall erträumt: Also seit Karajans Zeiten endlich wieder ein Dirigent, der auch für den szenischen Ablauf die Verantwortung selbst übernimmt und so zum wirklichen „Maestro“ wird. („Die Presse“ wird in ihrer Donnerstag-Ausgabe ausführlich berichten.“)

Am 3. Juli beginnt das zweiwöchige, längst traditionelle Kammermusikfestival in Lockenhaus, das dank Gidon Kremers Patenschaft wieder Weltstars ins Burgenland bringt: Pianisten wie Oleg Maisenberg und Stefan Vladar, die exzellente Flötistin Maria Fedotova, Ensembles wie das Hugo Wolf und das Ysaye-Quartett, die Sopranistin Ildikó Raimondi und der Arnold Schönberg Chor finden sich zu wechselnden musikalischen Partnerschaften.

Die genauen Programme werden, wie gewohnt, erst im letzten Moment festgelegt. Das Lockenhauser Fest dauert bis zum 13. Juli. Konzertiert wird täglich, am Wochenende auch vormittags.

 

Strahlender Trompeten-Glanz in Zwettl

Begonnen hat am vergangenen Wochenende auch das Orgelfest Zwettl, bei dem am 5. Juli Ton Koopman und sein Amsterdamer Barockorchester (mit Werken von Händel und Haydn) gastiert, während am 12. Juli Initiatorin Elisabeth Ullmann und Johannes Bigenzahn an der Orgel mit Ludwig Güttlers virtuosem Blechbläser-Ensemble konzertieren werden. Den beiden Konzerten in der Zwettler Stiftskirche folgt am 19. Juli das Abschlusskonzert mit dem Salzburger Bach-Chor unter Alois Glassner im Kloster Pernegg.

AKTUELLE FESTIVALS: Daten

Styriarte: Premiere von Mozarts „Idomeneo“ am 1. Juli, Reprisen: 3., 8., 10., 12. und 15. Juli. Info: www.styriarte.com

Orgelfest Stift Zwettl: 5. Juli: Ton Koopman & Amsterdam Barock, 12. Juli: Ludwig Güttler mit Elisabeth Ullmann und Johannes Bigenzahn, 19. Juli: Salzburger Bachchor (in Pernegg), Info: www.stift-zwettl.at

Kammermusikfest Lockenhaus: Konzerte von 3. bis 13. Juli. U. a. mit Oleg Maisenberg und Gidon Kremer. www.kammermusikfest.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2008)

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