"Harper Regan": Eine schrecklich nette Familie

Salzburger Festspiele. Ramin Gray inszeniert Simon Stephens' „Harper Regan“: Leise, lakonisch, gut.

(c) AP (Kerstin Joensson)

Die Aufführungen des Young Directors Project litten heuer an einem Übermaß Regionalismus: deutsche Geschichte (Mayenburg), japanischer Alltag („Fünf Tage im März“), angelsächsischer Jux („Romeo und Julia“). Was „daheim“ wirkt, wirkt nicht immer im Ausland. Interessant, dass diese Ferne bei den Geschichten des britischen Dramatikers Simon Stephens nicht vorhanden ist. Sie treffen direkt ins Herz, sind unabhängig von ihrer Herkunft gültig. „Harper Regan“, eine Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, handelt vom gescheiterten Fluchtversuch einer Frau. Die 41-jährige Harper Regan will ihren todkranken Vater ein letztes Mal sehen.

Ihr Chef gibt ihr nicht frei. Da sie die Familienerhalterin ist – ihr Mann hat kleine Mädchen fotografiert, wurde als Sexualstraftäter registriert und fristet ein depressives Dasein als Hausmann –, steht Harper vor einem Dilemma. Sie reist ab, findet den Vater aber nur mehr tot vor. Ihr Opfer war umsonst. In einer Bar trifft sie Mickey, der Kokain schnupft und wüst schimpft („Auschwitz ist mir scheißegal“). Harper schneidet ihm mit einem Glas in den Hals, flüchtet mit seiner Lederjacke. Mit einem Vater dreier Kinder, den sie per Internet kontaktiert hat, verbringt sie die Nacht. Bei der Mutter angekommen, hagelt es Vorwürfe: Die Familie hat sich Sorgen gemacht. Harper kehrt nach Hause zurück.

 

In unentrinnbarer existenzieller Not

Eine fast brave Story, verglichen mit „Motortown“, wo ein ehemaliger Soldat im Irakkrieg eine Minderjährige massakriert. „Harper Regan“ endet beinahe versöhnlich. Sie gesteht ihrem Mann den Seitensprung. Danach sieht es aus, als würde sie ihr Kreuz einfach wieder auf sich nehmen. Regisseur Ramin Gray, Brite mit iranisch-jüdischen Wurzeln, hat bereits „Motortown“ bei den Festwochen gezeigt. Er dämonisiert die Figuren nicht, präsentiert sie ohne Schnickschnack in ihrer unentrinnbaren existenziellen Not – und hat ein Ensemble von hoher Bühnen-Präsenz zur Verfügung: Martina Gedeck zeichnet glaubwürdig die von allen Seiten unter Druck gesetzte Harper, die plötzlich, wie erstaunt, die Verbrecherin in sich entdeckt; großartig in seiner demütigen Gedrücktheit: Samuel Weiss als Harpers Mann Seth; wunderbar die 17-jährige Tochter, Marie Leuenberger, die ihre heimgekehrte Mutter niedermacht: „Du bist gedankenlos, grausam und egoistisch!“ Alle Erbarmungslosigkeit der Jugend steckt in diesem Ausbruch.

Die verwandten Figuren sind mit denselben Leuten besetzt: Manfred Zapatka spielt den widerlichen Arbeitgeber Harpers, den Lover James Fortune, der die Doppelmoral Familienvater und Abenteurer perfekt verinnerlicht hat, und Duncan, den zweiten Mann von Harpers Mutter. Aljoscha Zinflou ist Tobias Rich, der Schulkollege von Harpers Tochter. Zinflou stammt aus Westafrika, er repräsentiert die Orientierungslosigkeit zwischen zwei Welten, die er aber wohl auch hätte, wenn er nur Europäer wäre. Marlen Diekhoff gibt Harpers Mutter: Während die Tochter noch unter Schock steht, setzt die Mama noch eins drauf und weckt Zweifel, ob die Umtriebe des Gatten mit kleinen Mädchen tatsächlich „harmlos“ waren.

 

Dieses Leben, ein Abbruchhaus

Die kleinen und großen Grausamkeiten, die Zumutungen des Alltags hat Stephens mit unübertrefflicher Präzision in seine vordergründig einfachen Dialoge gepackt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagt Harper. Vermutlich weiß sie gar nicht, dass dieser Satz von Sokrates ist. Die griechische Tragödie sendet von fernher einen scharfen Lichtstrahl in Harpers Taumeln über Abgründe an zwei kurzen Tagen, die ihr ganzes Leben erschüttern. Dieses Leben ist ein Abbruchhaus: Auf der von Jeremy Herbert gestalteten Bühne werden ständig Fertigteil-Elemente und -Möbel auf- und wieder abgebaut, hin und her geschoben.

Bei der Premiere im Salzburger Landestheater waren durch einen geräuschvollen Platzregen minutenlang die Dialoge kaum zu hören. Doch auch sonst ist der Ton zu leise. Trotzdem: Eine spannende Begegnung mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn unserer Zeit.

Zum Autor

Simon Stephens, Jg. 1971, studierte Geschichte und war Lehrer. 2000 wurde er Hausautor am Royal Court Theatre London. In Wien waren von ihm „Am Strand der weiten Welt“ (Volkstheater, Regie: R. Gray), „Motor-town“ (Akademietheater, A. Breth) zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)

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