Impulstanz: Bis zur totalen Erschöpfung

Ein Klassiker im Museumsquartier: Anna Teresa De Keersmaekers „Rosas danst Rosas“.

Laut dröhnende Musik begleitet die vier Frauen (Anna Teresa De Keersmaeker, Cynthia Loemij, Sarah Ludi, Samantha Van Wissen), die mit dem Rücken zum Publikum stehen. Abrupt lassen sie sich fallen und beginnen einen wilden, virtuosen Tanz: Sie winden sich auf dem Boden, bäumen sich wieder auf, wirbeln eine Hand durch die Luft, entblößen kokett die Schulter, werfen einander aufmunternde Blicke zu. Später holen sie Stühle, ziehen Schuhe an. Dann wieder: Drehungen, erratische Bewegungen, mal anmutig, mal kraftvoll. Bis zur vollständigen Erschöpfung geht das, nach knapp zwei Stunden hört und sieht man den Tänzerinnen die Anstrengung an. Die Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker, selbst auch als Tänzerin auf der Bühne, will das so: Sie gestattet damit sozusagen einen Blick hinter die Kulissen, bricht die Illusion, dass eine Tanzperformance weit über der alltäglichen körperlichen Realität steht.

Mit „Rosas danst Rosas“ gelang der belgischen Choreografin 1983 der internationale Durchbruch, das Impulstanz-Festival stellte die Produktion heuer wieder zur Debatte. Hat sie das Zeug zum Klassiker? Gewisse Alterserscheinungen hat sie: Provozieren wird das Werk niemanden mehr, und das Ambiente trägt auch den Stempel seiner Zeit: die karge Bühne, das fahle Licht, die schlabbrigen Trainingsoutfits.

 

Starre wird durchbrochen

Doch die Choreografie an sich hat etwas Zeitloses: Faszinierend ist vor allem, wie die strenge Wiederholung einzelner Bewegungsmuster durch leichte Variationen – zusätzliche Gesten, Richtungsänderungen – immer wieder durchbrochen wird. Das Uniforme verliert dadurch seine Starre, dem Absoluten wird sein Schrecken genommen. Der schnelle Pulsschlag und die periodische Verschiebung von Gleichzeitigkeiten – die eine völlige Synchronität verhindert – lassen das Stück auch heute noch sehr lebendig erscheinen.

Am Ende stellen sich die vier Tänzerinnen dem Publikum: Ihre Gesichter – erstmals an diesem Abend wirklich zu sehen – sind müde, doch die Anspannung löst sich. Auch hier wieder: ein Sieg des Menschlichen über allzu viel Perfektion. tom

www.impulstanz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2009)

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