Ein "Endspiel" der Extraklasse

Dieter Dorns Inszenierung von Samuel Becketts Einakter wurde am Samstag im Salzburger Landestheater zurecht euphorisch bejubelt. Vier wunderbare Schauspieler bieten Perfektion.

Joachim Bißmeier (Nagg), Barbara Petritsch (Nell)
Joachim Bißmeier (Nagg), Barbara Petritsch (Nell)
Joachim Bißmeier (Nagg), Barbara Petritsch (Nell) – Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig

Salzburger Festspiele. Am Anfang war die Bühne wüst und leer. Vielleicht. Dann aber, im Halbdunkel, sieht man in ihrem Hintergrund im Salzburger Landestheater einen die ganze Breite dieser künstlichen Welt ausfüllenden Guckkasten aus rohem Material. In ihm sind die Requisiten für Samuel Becketts demnächst sechzig Jahre alten Einakter „Endspiel“ unter schmutzigen Tüchern verborgen. Links werden erst in Folge zwei Mülltonnen enthüllt, auch in der Mitte ist ein Sessel für die Figur des Hamm noch bedeckt. An der Rückwand sind hoch oben zwei Fenster, die später angeblich Blicke auf Land und Meer gewähren, dicht verschlossen, in der Mitte hängt verkehrt ein leerer Bilderrahmen mit Wasserschaden. Die Flecken darauf scheinen dem Bühnenbild zu ähneln.

Dieter Dorn hat sich für seine Inszenierung dieses Klassikers der Moderne, der am Samstag bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte, gewissenhaft an die Anweisungen Becketts gehalten. Entstanden ist, getragen von vier großartigen Darstellern, ein Meisterwerk der Regie, bei dem einfach alles stimmt - die Bildwelt, das Tempo, die Musikalität der Sprache und vor allem die vielsagenden Pausen zwischen den Sätzen, die Grausamkeit, Einsamkeit wie auch den Versuch der Menschlichkeit nachklingen lassen.

Diese Aufführung hat das Zeug zum Klassiker. Von Anfang an. Rechts, vor einer Luke im Boden, die in die Küche führt, steht gebückt eine Figur, die man für eine Puppe halten könnte. Da beginnt sich der Guckkasten (Bühne und Kostüme: Jürgen Rose) vorwärts zu bewegen, all diese Schäbigkeit rollt auf die Zuseher zu, kommt ihnen bedrohlich nahe, bis sie die Rampe formatfüllend beherrscht. Es wird hell. Die Puppe ist ein Mensch. Zitternd steht er da, in zerschlissenen Kleidern – lila Strickweste, kariertes Hemd, befleckte Hose, die er nach und nach einnässen wird. Es ist Clov, die einzige Figur, die sich frei bewegen kann. Sein Gebrechen: Er kann nicht sitzen. Für die nächsten zwei Stunden und zehn Minuten wird Michael Maertens mit geradezu athletischer Leistung diese Behinderung vorführen. Mit steifen Beinen schlurft er auf Pantoffeln durch den Raum, stellt sich links, dann rechts an die Wand, scheint zu urinieren. Umständlich hantiert er mit einer Leiter, steigt hinauf, öffnet die Fenster, schaut hinaus, lacht. Entfernt die Tücher. Nach langen Minuten fällt der erste Satz: „ . . . Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende.“

„Ich bin wieder dran. Jetzt spiele ich!“

Doch die Geschichte hat erst begonnen. „Also . . . Ich bin wieder dran. Jetzt spiele ich!“, sagt Hamm (Nicholas Ofczarek), der darauf Wert legt, dass er exakt in der Mitte auf goldenem Sessel mit roter Polsterung und provisorischen Rollen thront. Es regt sich was in den zwei Mülltonnen, in denen die Alten dahinvegetieren. Nagg (Joachim Bißmeier) und Nell (Barbara Petritsch) haben keine Beine mehr, ihr Zustand hat sich verschlechtert. Erst gab es für sie noch Sägemehl in den Tonnen, jetzt nur noch Sand. Minimal ist ihr Spielraum, doch Petritsch und Bißmeier zaubern daraus nicht nur Entbehrung und Verlangen, sondern auch Liebe und Gemeinheit. Sie sind völlig auf Clov angewiesen, so wie ihr Sohn Hamm. Immer wieder droht Clov damit, wegzugehen, doch noch gelingt es Hamm, ihn zu halten, allein durch das Wort und im Notfall mittels einer Trillerpfeife. Es ist erstaunlich, wie Ofczarek, dieser sonst meist auch physisch stark präsente Schauspieler, diesmal die Szene allein durch Sprache dominiert, wie er seine Hilflosigkeit unter Herrschsucht verbirgt. Da sitzt ein verwahrloster blinder König, unter dessen dunklen, runden Brillen die Augen bluten, der allein durchs Erzählen den anderen dazu bringen kann, ihn zu versorgen, im Raum herumzuführen, um bald wieder darauf zu bestehen, zentral hingestellt zu werden. Sein Kontrahent ist ein Leidensmann, dessen vor Schreck geweitete Augen Horror zeigen.

Zwischen den Protagonisten entwickelt sich ein komplexes Verhältnis von Herr und Knecht, Vater und Sohn, in dieser begrenzten Welt, die nur noch vom Nichts umgeben scheint. Wohin sollte Clov denn gehen? Seine Drohung ist so dürftig wie dieser absolute Mangel auf Erden. Hier werden selbst ein Floh in der Hose oder eine Ratte in der Küche zur Sensation. Was bleibt, ist bloß Spiel. Es kann sich zum amüsanten Slapstick entwickeln, zum Witz oder zum Versuch, einen Roman zu verfassen. Die traurigste Geschichte: Ein dreibeiniger Stoffhund dient der Projektion von Zärtlichkeit. Fast berühren sich nun die Hände von Hamm und Clov, wie die von Gott und Mensch in Michelangelos Fresko in der Sixtina. Sie sind Figuren aus einer mythischen Zeit, wie auch aus einer Endzeit. Raffiniert setzt die Regie in solchen Schlüsselszenen Schatten ein. Sie scheinen wirklicher als diese Wirklichkeit zu sein.

Termine

1., 3., 4., 6., 7., u. 8. August. Wenige Restkarten.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2016)

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