Gerhard Tötschinger: Abschied von einem Vielbegabten

Gerhard Tötschinger, der populäre Schauspieler, Autor und Intendant, ist an einer Embolie gestorben.

(c) APA/FRANZ NEUMAYR

Im Juni erst hatte Gerhard Tötschinger im ansehnlichen Kreis von Freunden in seiner Heimatstadt Wien den 70. Geburtstag gefeiert. Zugleich hatten er und die Schauspielerin Christiane Hörbiger angedeutet, dass sie nach mehr als 30 Jahren Lebenspartnerschaft heiraten würden. In der Nacht auf Mittwoch ist dieser lebensfrohe und sinnliche Mann in Sankt Gilgen am Wolfgangsee, wo er sich mit Christiane Hörbiger auf Urlaub befand, an einer Lungenembolie gestorben. Österreichs Kulturleben verliert einen hochbegabten Künstler von immenser Bildung. Gerhard Tötschinger, geboren am 26. Juni 1946 in Wien, war Schauspieler, Regisseur, Intendant, TV-Moderator, Schriftsteller und vieles mehr. Er engagierte sich auch politisch und medienpolitisch.

Nach der Matura am Akademischen Gymnasium begann Tötschinger Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte zu studieren, eher er zum Schauspiel wechselte. Zudem schloss er eine Gesangsausbildung ab. Sein Theaterdebüt gab er 1966 bei den Sommerspielen Burg Liechtenstein. Er wurde vom Volkstheater engagiert, spielte dann in der Schweiz und in Deutschland. Das Auftreten wurde bald zur Nebensache. Tötschinger widmete sich verstärkt der Regie. Diese Aufgabe führte ihn unter anderem nach München, Zürich und Frankfurt am Main. Er leitete zudem eine Reihe von Festivals, etwa das Fest in Hellbrunn, die Sommerspiele Perchtoldsdorf und Arteuropa im umbrischen Todi. Zuvor schon war er von 1973 bis 1977 Intendant des Theaters im Burgenland gewesen. Landesweit bekannt wurde er durch Fernsehserien im ORF wie etwa „Quiz in Rot-Weiß-Rot“ und „Dialoge mit Herodot“.

Sein Interesse schien unbegrenzt. So setzte sich Tötschinger vehement für den Denkmalschutz ein und auch für Bezirkspolitik, er saß im ORF-Publikumsrat und im ORF-Stiftungsrat sowie zuletzt im Kulturbeirat von ORF III. Äußerst populär waren seine Vorträge und Lesungen, er verfasste eine Fülle von Büchern, die in heiterem Ton Wissen vermitteln. Seine Leibthemen: Italien und Österreich, bis ins Detail. So präsentierte er erst vor wenigen Wochen den zweiten Band seiner im Amalthea Verlag erschienenen Reihe zu den Wiener Bezirken. Gerhard Tötschinger hatte noch viele kreative Pläne, die der Tod durchkreuzt hat, unbarmherzig, wie die Dichter wissen: „Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.“ [ APA/Neumayr ] (norb)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2016)

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