Uraufführung: Wenn Steine sprechen können

Kritik Im Schauspielhaus Wien erheitert "Diese Mauer . . .". Franz-Xaver Mayr hat Miroslava Svolikovas absurdes Stück über die moderne Arbeitswelt mit viel Witz inszeniert.

(c) Matthias Heschl

Gäbe es einen Nestroy-Preis für geheimnisvoll ausufernde Dramentitel, dann wäre das am Freitag in Wien uraufgeführte Stück von Miroslava Svolikova garantiert Favorit. Die 1986 in Wien geborene Autorin, die für ihr vorjähriges Burgtheater-Debüt „die hockenden“ den Retzhofer Dramapreis erhalten hat, wurde zudem mit dem Hans-Gratzer-Stipendium des Schauspielhauses bedacht. Dort ist nun das Ergebnis der Zusammenarbeit zu sehen, der Titel ist ein barockes Lockangebot: „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ spießt in nicht einmal eineinhalb Stunden die prekäre Situation kreativer junger Menschen in der heutigen Arbeitswelt auf.

Regisseur Franz-Xaver Mayr lässt bei der Umsetzung dieses komplexen, absurden (und redundanten) Textes selten Langeweile aufkommen, fünf Schauspieler setzen ein aberwitziges Bewerbungsgespräch in einer seltsamen Art von Museum launig mit leichtgängiger Ironie um. Das Premierenpublikum war begeistert, es gab lang anhaltenden Applaus. Wohl zu Recht, die Ängste und Neurosen Jobsuchender erschließen sich via Farce.

 

Ein Sieb ist zur Prüfung mitzunehmen

Drei Aspiranten finden sich in einem sterilen weißen Raum ein (Bühne und Kostüme von Michela Flück) – vier helle Sessel, ein heller Tisch, helle Betonwände, Türen links und rechts, nur der Blick hinten raus bietet etwas Buntes – Badetücher mit Kulturmotiven, die Pyramiden, Kubismus, eine Hyäne, die die Zähne fletscht, ein Akt. Die Bewerber, die diesen fast leeren Kunsttempel betreten haben, erschrecken, als es hell wird: „Ha!!!“ Figur 1 (Steffen Link), meint bereits, die Ausschreibung gewonnen zu haben, doch sofort setzen Rangeleien ein. Auch Figur 2 (Katharina Farnleitner) sieht sich leicht irritiert und zur Vorsicht doch auch demutsvoll als Siegerin. Und Nummer 3? Simon Bauer wirkt apathisch, aber er hat wie Nummer 1 ein von der Firma gefordertes Sieb mitgenommen und rechnet sich allein deshalb Chancen aus.

Wie also wird gesiebt? Es erscheint ein bizarrer Wärter (Sebastian Schindegger) mit beschädigten Knien und langem Haar, er behauptet, ein Hologramm zu sein, ein virtueller Museumsführer. Ergo führt er das Trio durchs Stück, immer an der Nase lang. Von Zetteln wird Schicksal abgelesen. Ergebnis: Totale Verwirrung. Bald tritt eine Putzfrau auf, die vorgibt, alles zu wissen. Dolores Winkler spielt diese Macherin und dann und wann einen gelben Stern, der viel sein könnte – EU-Bürokratie, Verheißung, Leitbild. Man darf annehmen, dass sie die Besucher ebenfalls in die Irre führt, in diesem surrealen Raum, unter dem sich eine Waffenkammer befinden soll, in dem Steine sprechen, wenn man sie streichelt. Den Bewerbern wird ein irrer Beauty-Contest zugemutet. Seifenschaum ergießt sich von der Decke, ein glitschiges Gebirge. Alles geht baden. Da muss man durch, in dieser Casting-Show, deren Dialoge so diskurslastig sind, dass es von der Regie klug war, sie zu verblödeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2017)

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