Musical: Dieser „Zorro“ ist die Reise wert

KritikIm Steinbruch von Winzendorf war bisher nur Winnetou daheim. Nun haben junge Produzenten dort eine feine Musical-Produktion mit toller Besetzung auf die Beine gestellt.

Armin Kahl als Zorro und Franziska Kemna als Luisa beim neuen Musicalsommer in Winzendorf.
Armin Kahl als Zorro und Franziska Kemna als Luisa beim neuen Musicalsommer in Winzendorf.
Armin Kahl als Zorro und Franziska Kemna als Luisa beim neuen Musicalsommer in Winzendorf. – (c) PHILIPP BERNHARD

Open Air – das stimmt in Winzendorf nicht ganz. Denn die im südlichen Niederösterreich ansässigen Winnetou-Spiele wollten nach einer Neuübernahme im Jahr 2012 nicht mehr vom Wetter abhängig sein. Man baute eine Überdachung, darunter bequeme Kinostühle. Ein Umstand, den sich Jérôme Berg und Benedikt Karasek mit ihrer Idee des Musicalsommers zunutze machen. Als Intendantin konnte Marika Lichter gewonnen werden. Ein wenig von der Atmosphäre ging beim Umbau zugunsten der Wettersicherheit verloren. Doch „Zorro“ fügt sich gut in die verbliebene Naturkulisse ein - ein Stückchen freier Himmel im Hintergrund bleibt sichtbar.

Das Stück mit Musik von den Gypsy Kings („Bamboleo“, „Baila Me“) basiert auf der fiktionalen Zorro-Biografie von Isabel Allende. Das Musical ist gute Unterhaltung ohne allzuviel Tiefgang. Die oben beschrieben Hits machen Stimmung, die ruhigeren Balladen (Co-Komponist John Cameron) bedienen brav konventionelle Musical-Schubladen mit Flamenco-Einschlag. Zur Handlung: Don Diego de le Vega wird von seinem Vater zur Ausbildung nach Spanien geschickt. Sein Bruder Ramon reißt die Macht an sich. Diegos Jugendliebe Luisa bittet ihn deshalb, in die Heimat zurückzukehren. Diego wird so zu Zorro, er kämpft gegen seinen Bruder und natürlich um die Liebe von Luisa. Dabei hilft ihm Inez, deren Truppe er sich einst in Spanien angeschlossen hat.

Armin Kahl als neuer Zorro

Regisseur Andreas Gergen (der Opernchef des Salzburger Landestheaters inszeniert regelmäßig Musicals, zuletzt: "Don Camillo und Peppone" in Wien) nutzt die speziellen räumlichen Gegebenheiten (steile Wege, Brücken, Höhle) bestens aus und stellt eine abwechslungsreiche Show auf die Bühne. Stunts und Pferde-Auftritte sorgen für Action – hier hat man die Erfahrung aus den Winnetou-Spielen genutzt. Es ist ein kurzweiliger Abend.

Als Hauptdarsteller konnten bekannte Gesichter gewonnen werden. Armin Kahl (er sprang wenige Wochen vor der Premiere für Kurosch Abbasi ein) ist ein amüsanter Zorro, der seine Stimme sicher durch die wenigen wirklich heiklen Passagen führt. Franziska Kemna (Luisa) sieht und hört man gern zu, wie sie Zorro immer mehr verfällt. Christoph Apfelbeck begeistert als böser Bruder Ramon auf ganzer Linie – er ist ein Parade-Bösewicht in Bond-Manier, von dem man gern noch ein zweites Solo gehört hätte. Als Inez ist Ana Milva Gomes zu sehen, ihre Bekanntheit dank „Dancing Stars“ soll das Publikum anlocken. Sarah Zippusch als ihre Zweitbesetzung bot in der besuchten Vorstellung eine solide Leistung. Bei allen noch ausständigen Aufführungen wird aber Gomes zu sehen sein. Toll anzusehen ist das junge Ensemble aus dem Performing Center Austria, das die schönen Choreografien von Sabine Arthold mit mitreißender Energie auf die Bühne bringt.

Wie gut die neunköpfige Liveband unter der Leitung von Lior Kretzer, akquiriert vom Wiener Jam Music Lab, tatsächlich ihre Aufgabe erledigte, war schwer zu sagen. Außer Schlagzeuggrummeln und Trompeten kamen kaum differenzierte Klänge im Zuschauerraum an. Besonders bei den temperamentvollen Liedern blieb vom Text wenig über, schade auch um den für die Songs wesentlichen akustischen Gitarrensound, der oft unterging. Da muss man nachjustieren, falls der Musicalsommer im nächsten Jahr fortgesetzt wird.

Ein neues Sommerfestival braucht Zeit, um sich zu etablieren, was auch an den vielen noch erhältlichen Tickets sichtbar ist. Das Ambiente stimmt jedenfalls, das gastronomische Umfeld ist für Sommerfestspiel-Verhältnisse (Burger, Nachos-Stand) eher einfach, aber passend zur Wild-West- bzw. Kino-Atmosphäre. Die Getränkepreise (ein kleines Bier 4,10 €) sind allerdings am oberen Limit. Ein finanzieller Erfolg wäre dem jungen Team und den Musicalfans der Region jedenfalls zu wünschen. Denn der „Zorro“ in Winzendorf ist jedenfalls eine Reise wert. Bis 22. Juli ist das Musical noch zu sehen, danach übernimmt Winnetou wieder den Steinbruch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2017)

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