Hohe Gesangskunst und tiefe politische Wirren

Streamingtipps. Klassikfreunde können heute im trauten Heim Vorstellungen der wichtigsten Opernhäuser mitverfolgen. Zu Callas' Zeiten musste man froh sein, einen Opernakt mit der Diva dokumentieren zu können. VON WILMHELM SINKOVICZ


Furlanetto im finsteren Russland

Erster Livestream aus der Wiener Staatsoper in der neuen Saison: Die zweite Aufführung der Aufführungsserie von Modest Mussorgskys Volksdrama „Chowanschtschina“ wird am Montag gestreamt und steht dann – für Abonnenten oder Neugierige, die das Streaming einmal ausprobieren möchten (14Euro) – drei Tage lang im Netz.

Die Produktion des russischen Regiealtmeisters Lev Dodin war nach der Premiere heftig diskutiert, erweist sich jedoch in ihrer auf mehrere Stockwerke verteilten, oft extrem verknappten Struktur bei jeder Wiederholung als enorm wirkungsmächtig.

Ferruccio Furlanetto gibt wieder den Ivan Chowanski, verstrickt in die religiös-politischen Intrigen im frühpetrinischen Russland. Der junge Zar tritt bei Mussorgsky zwar nicht in Erscheinung, ist aber als quasi göttlich-unantastbare richterliche Gewalt unentwegt spürbar.

Fesselnd die Momentaufnahmen menschlicher Regungen, die zwischen den gewaltigen Verwerfungen politischer Kämpfe immer wieder hör- und sichtbar werden, voran die sinnlichen Szenen der Marfa: Elena Maximova umgarnt mit wehendem Blondhaar und warm strömender Mezzostimme wieder Ain Anger, den strengen Sektenführer Dosifei. www.staatsoperlive.com


Die Callas in Aktion:
Ein Opernakt, 1964

Aktuelle Streamingangebote hin oder her, was gäben Musikfreunde für die Videoaufzeichnung einer gesamten Opernaufführung mit Maria Callas? Nur einmal ist es einer Fernsehstation gelungen, zumindest einen Akt mitzuschneiden: Es war in der Spätphase der kurzen Bühnenkarriere der Diva – in London gab sie im Beisein der Queen unter gewaltigem Mediendonner, der kurzzeitig sogar die Beatles auf Platz zwei des Interesses verwies, Puccinis Tosca. Ihr zur Seite in Franco Zeffirellis Inszenierung der grandiose Tito Gobbi als Polizeichef Scarpia. Mit dieser Konfrontation kann der härteste TV-Krimi nicht mithalten. Arte zeigt morgen, Sonntag, eine Dokumentation und den restaurierten Mitschnitt des Opernakts. Danach ist der „Tosca“-Akt online abrufbar. www.arte.tv


Die Borgia-Orgie
szenisch realisiert

Donizetti: „Lucrezia Borgia“.

Opernfreunde, die nach der konzertanten Präsentation von Donizettis „Lucrezia Borgia“ mit Krassimira Stoyanova bei den Salzburger Festspielen Lust bekommen haben, dieses vielschichtige Stück doch auch einmal szenisch aufbereitet zu erleben, können auf der kostenlosen Plattform der europäischen Opernhäuser die Produktion sehen, die Emilio Sagi in suggestiven Dekors von Llorenç Corbella für das Opernhaus von Valencia erarbeitet hat. Unter der Leitung des Originalklangspezialisten Fabio Biondi sang Mariella Devia die Titelheldin (noch bis 30. September). www.operaplatform.eu


Musik am heiklen
Wendepunkt

Berliner Philharmoniker, S. Mälkki.

Eine spannende Entdeckungsreise verspricht das Programm zu werden, das sich die finnische Dirigentin Susanna Mälkki für ihren Saisonstart mit den Berliner Philharmonikern ausgesucht hat. Das Orchester präsentiert auf seiner Streamingplattform „Digital Concert Hall“ am 10. September live Béla Bartóks Violinkonzert (mit Gil Shaham), einen Balanceakt zwischen klassischer Formgebung und Moderne, und die noch spätromantische, aber experimentelle Zweite Symphonie von Jean Sibelius. Den Auftakt bildet Ferruccio Busonis rarer „Tanz-Walzer“ op. 53– alle drei Werke verweisen auf die Position des Komponisten im Anbruch der Moderne und darauf, wie sich unterschiedliche Charaktere „zwischen allen Stühlen“ einzurichten versuchen. www.digitalconcerthall.de

(Abonnement, monatlich 14,90 €)


Mozart-Novität aus
dem Nationaltheater

Livestreaming bietet kostenlos, wenn auch technisch nicht immer ganz perfekt, in seltenen Fällen auch die Bayerische Staatsoper. Erstmals in dieser Saison anlässlich der zweiten Aufführung von Christof Loys Neuinszenierung von Mozarts „Figaro“ unter Constantinos Carydis am 28. Oktober (18Uhr). Christian Gerhaher und Federica Lombardi singen das gräfliche Paar, Alex Esposito und Olga Kulchynska sind Figaro und Susanna. Anett Fritsch, zuletzt in Salzburg die Gräfin, wechselt in die Hosenrolle des Cherubin, Anne Sofie von Otter kehrt als Marcellina zurück. www.staatsoper.tv


Das „Enfant terrible“ der Wiener Operette

Ein Porträt von Leo Fall.

Von den ungenierten Unterhaltungsmeistern der silbernen Operettenära war er gewiss der ungenierteste – und der mit den längsten, einschmeichelndsten melodischen Einfällen! Ein Porträt über Leo Fall gehört zu den feinen Fundstücken der „Dokumentation“-Abteilung im Klassikkanal Fidelio, auf dessen erste Live-streams man noch ein wenig warten muss. www.myfidelio.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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