„Witz, Witz“: Elektra will nur Paradeiser züchten

Kritik Eine „elektronische Kammeroper“ verblödelt im Schauspielhaus Wien den Mythos von der Rächerin Elektra. Und sich selbst gleich dazu.

ELEKTRA – WAS IST DAS FÜR 1 MORGEN?
ELEKTRA – WAS IST DAS FÜR 1 MORGEN?
ELEKTRA – WAS IST DAS FÜR 1 MORGEN? – (c) Matthias Heschl/Schauspielhaus

„Kartoffelschälen, darf ich nicht?“ Wenn Damon, von den Häschern in Bande geschlagen, auf die Frage des Tyrannen, was er denn mit dem Dolche gewollt habe, mit diesem Satz antwortet, dann wissen wir: Hier wird parodiert, diesfalls Schillers „Bürgschaft“. Dergleichen kann, besonders in angeheiterter Runde, recht lustig sein, sonderlich geistreich ist es selten.

„Elektra – Was ist das für 1 Morgen“ im Wiener Schauspielhaus folgt genau diesem Schema. „Sieh, wie die Tomate schwillt“, singt Elektra, eine begeisterte Biobäuerin: „Ich hab sie gedüngt mit Urin und Asche.“ Ihr Bruder Orest, soeben aus Amerika heimgekehrt, ein in Harvard ausgebildeter Agrartechniker, reißt daraus den alten Scherz mit „Ur-Instinkt“ und „Urin stinkt“ und will, weil er ein fanatischer Neoliberaler ist, gleich alles kaufen: „If you wanna get something, you gotta buy it“, singt er, trägt einen Aktenkoffer und sieht aus und spricht, wie man in den goldenen Siebzigerjahren einen Amerikaner zu parodieren pflegte. (Jesse Inman erledigt diese schlichte Aufgabe halbwegs virtuos.) „Mein Anliegen ist nicht käuflich“, antwortet die brave Elektra und besteht darauf: „Das Land ist mein Land.“

 

Sehnsucht nach ein bisschen Tiefe

Ja, wir haben's verstanden, hier wird die Moral von der Parodie gleich auch wieder parodiert, wie's üblich ist im post-fortschrittlichen Kabarett. Solches ist diese „elektronische Kammeroper“ im Grunde, freilich opulent arrangiert und aufwendig inszeniert. Dass sie stellenweise nach mehr klingt, liegt erstens daran, dass die Musik von Jacob Suske nicht dumm ist: oft knackiger, manchmal zart zerfahrener Elektropop, wie man ihn in den Achtzigerjahren liebte. Zweitens daran, dass die Texte von Ann Cotton nicht immer nur geblödelt sind, sondern bisweilen eine gewisse sehnsüchtige Aura ausstrahlen. Fast, als sehnten sie sich selbst nach ein wenig Tiefe, zumindest nach einem Nachhall der Tiefe eines der faszinierendsten, auch abgründigsten Stoffe, die uns aus der Antike überliefert sind. „Was ist das für ein unheimliches Weib?“, fragt Ägisth in Hofmannsthals Fassung. Bei Cotton/Suske ist nichts mehr unheimlich, sondern alles banal. „Witz, Witz“, singt Elektra programmatisch, und Ägisth und Klytemnästra singen: „Dem aufgeklärten Paar ist nichts zu schwer.“ Natürlich, eine Portion „Gender Bending“ muss ja immer sein im postdramatischen Theater, spielt ihn eine Frau (betont herzig: Vassilissa Reznikoff) und sie ein Mann: Der baumlange Sebastian Schindegger wirkt ein bisserl wie Dirk Stermann, wenn er sich in „Willkommen Österreich“ nachdenklich gibt. Das beim Frühstück präsentierte Herrscherpaar hat jedenfalls Probleme mit der Töpferindustrie und damit, dass – Achtung, kunstgewerblerische Selbstironie! – die Töpferinnen alle Künstlerinnen sein wollen (vielleicht auch beides mit großem I).

Die sozusagen posthistorische Idylle wird durch Elektra und Orest auch nicht wirklich gestört, die beiden singen miteinander eine kritische Hymne auf den menschlichen Geist und saufen – Gags, Gags, Gags! – Weingeist dazu. „Auf Unrecht ist kein Staat zu bauen“, sagt Elektra, preist das Kleine („Unnötiges Wachstum ist Gift!“), will freilich in Wahrheit selbst nur Agrarministerin werden, zu diesem Zweck tötet sie Orest und Klytemnästra. Ägisth überlebt und sagt sich von allen Utopien los, die Töpferindustrie produziert fortan Dildos.

Bei der Premiere quittierte ein gut gelauntes Silvesterpublikum all das haltlose Geblödel mit Lachen und Applaus, ein längeres Leben ist diesem Stück weder vorherzusagen noch zu wünschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2018)

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