"Othello": Frauen, Neger der Welt!

Shakespeares "Othello" in der Regie von Jan Bosse: Eine originelle Inszenierung mit exzellenten Schauspielern. "Gretchen" Katharina Lorenz ist auch als Desdemona aufmüpfig, Joachim Meyerhoff als Othello: Wunderbar!

Joachim Meyerhoff als Othello, Katharina Lorenz als Desdemona und Caroline Peters als Emilia
Joachim Meyerhoff als Othello, Katharina Lorenz als Desdemona und Caroline Peters als Emilia
(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Blast Winde! Dekonstruiert den Text!“, schrieb jüngst der Kritiker der „New York Times“ über eine „Lear“-Aufführung, in der Goneril von ihrem Diaphragma spricht. Auch bei Shakespeares „Othello“ im Akademietheater wird das Publikum beinahe umgeweht: vom Orkan, der Wellblech-Wände einstürzen lässt und die Sicht auf das devastierte Zypern freigibt (Bühne, Marke Müllplatz der Geschichte, Irak, USA, Klimakatastrophe etc.: Stéphane Laimé).

Stürmisch sind auch Regisseur Jan Bosse und seine Dramaturgin Gabriella Bußacker mit Shakespeares Poesie umgegangen. Am meisten vom Original scheint beim Dogen stehen geblieben zu sein: Rudolf Melichar, auch sonst ein Fels in der Brandung, klassisch, väterlich, human, stets wortdeutlich.


Burg-Debüt Bosses unter Bachler. Der Stuttgarter Bosse inszenierte 2006 „Viel Lärm um nichts“ in Wien. Die Aufführung war zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Bosses „Othello“-Version kommt mühsam in Gang, hängt zeitweise durch, ist aber trotzdem ein origineller, intelligenter Wurf.

Wer ist Othello? Aus Afrika verschleppt, ins Heer verpflanzt, scheint er sich vollkommen integriert zu haben, bis Liebe und Eifersucht den „Wilden“ zutage fördern. Aber das Wilde steckt in jedem Mann, in jedem Menschen. Joachim Meyerhoff, ein pechkohlrabenschwarzer Mohr, bleibt lange total kontrolliert. Ausbrüche seiner Desdemona (Katharina Lorenz) quittiert er mit beschwichtigendem: „He, he!“ Mit der Zeit wirkt er entnervt, flüchtet sich mit Maske und Orakel zu seinen Wurzeln, fällt in epileptische Anfälle und massakriert schließlich die Frau. Meyerhoff ist in jeder dieser Phasen wunderbar, auch wenn seine bizarre Körpersprache anfangs befremdlich erscheint und die gewaltige Erzählung, wie er das Herz der Geliebten gewann, untergeht. Die Zeichnung des Ehelebens der beiden ist das Beste an der Aufführung: Desdemona folgt Othello, weil er so herrlich von seinen Abenteuern schwadroniert – ein toller Kontrast zum faden Leben einer höheren Tochter aus Venedig mit einem tyrannischen Papa (Branko Samarovski).


Katastrophen-Liebe. Auf Zypern schwindet die Seligkeit der frisch Getrauten behände. Desi ist fad, der Gatte hat keine Zeit. Die Uniform war so fesch, aber er mag sie kaum ablegen, nicht einmal beim Sex. Fortwährend gibt es Wirbel und Störungen, dabei ist der Krieg abgesagt. Othello schmeißt Desdemonas geliebten Vetter Cassio wegen Trunkenheit hinaus. Sie will das Zerwürfnis kitten. Das empfindet Othello als Einmischung. Er will mit ihr speisen. Sie sekkiert ihn. Das Mahl wird zum Fanal. Von da an geht es bergab. Klar ist: Dieser Othello und diese Desdemona hätten auch ohne Jagos Ränkespiele massive Probleme.

Katharina Lorenz, das rebellisch-leidenschaftliche Gretchen aus „Faust“ mit Moretti, ist auch als Desdemona kein Mauerblümchen. Es erforderte in der damaligen Zeit enorme Schneid, das Vaterhaus zu verlassen und mit einem Schwarzen durchzubrennen. Desdemona wünscht sich echte Partnerschaft. Und sie tändelt auch ein bisschen. Betrug? Vielleicht, später einmal. Der Mann freilich ist von Anfang an völlig anderswo. Er stellt sie aufs Podest, nimmt sie nicht ernst – verdächtigt sie grundlos, macht sie fertig und vernichtet sie schließlich. Davor singt sie: „Woman is the Nigger of the World“ (John Lennon, 1972).

Der letzte Othello im Akademietheater war 1990 Gert Voss in einer legendären Tabori-Inszenierung, der letzte Jago Ignaz Kirchner. Bosse ist es gelungen, seine Inszenierung völlig von dieser wohl für die meisten seligen Erinnerung abzusetzen. Seine Interpretation des Jago freilich ist seltsam.

Man versteht, dass Edgar Selge, ein bedeutender deutscher Schauspieler, der u.a. den Faust gespielt hat, außerdem ein bekannter TV-Kommissar („Polizeiruf 110“), mit seiner stoischen Miene seine absolute Undurchschaubarkeit deutlich machen soll. Aber man vermisst das Böse, Dämonische, die Aura an diesem vielleicht berühmtesten Intriganten des Theaters.

Selge ist ein allzu blässlicher, einfacher Jago, fast so eifersüchtig wie Othello, erzürnt, weil seine Karriere dümpelt. Anders als bei Shakespeare bleibt hier offen, ob der Böse bestraft wird: „Ich werde kein Wort mehr sagen“, spricht er am Schluss. Wird er der Marter überantwortet? Kommt der Schurke ungeschoren davon wie oft im Leben? Redet er sich raus, wird gar Gouverneur? Das Ändern der Enden ist oft mehr modisch als plausibel.

Das Personal der Tragödie ist geschrumpft, Massenszenen gibt es nicht. Der Hure Bianca (Adina Vetter) hat Bosse einen Baby-Bauch verpasst. Das steht zwar nicht bei Shakespeare, sieht aber hübsch aus – und erklärt, warum diese Professionelle gar so anhänglich Cassio (Markus Meyer) folgt. Dieser bespringt schon mal Soldaten-Kollegen, im konkreten Fall Jago, von hinten. André Meyer ist ein passend naiver Rodrigo. Hinreißend: Caroline Peters' Emilia, Jagos Ehefrau. Auch hier sieht man herrliche Sittenbilder einer Beziehung. Er verdächtigt sie ständig des Ehebruchs. Sie schweigt, um ihn zu ärgern. Sie macht, was er will, weil sie von ihm abhängig ist. Aber als ihr klar wird, was Jago für ein Schwein ist, würde sie ihn gern ans Messer liefern.

Es gab einige Abgänge bei der Premiere, und manche seufzten: Regietheater. Ja, aber da, wo es am sinnvollsten ist, nämlich zeitgemäße und interessante Sichtweisen auf ein wahrhaft zu Tode gedroschenes Stück zu ermöglichen. Schön ist auch, dass die Liebesgeschichte nicht ironisiert wird, sondern dass sie sich so heiß, tragisch, wie sie ist, weitgehend wirklich ereignet.


Bernhard-Kotau. Wohl als Hommage an Thomas Bernhard werden anfangs die Notlichter verdeckt. Die Burg kommt von Peymann nicht los. Er und Bernhard verlangten 1972 in Salzburg bei „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ völliges Dunkel. Die Feuerpolizei lehnte die Abschaltung des Notlichts ab. Damals war das ein markerschütternder Skandal, heute ist es eine Anekdote. So ergeht es im Lauf des Lebens auch mancher Lovestory, so sie nicht wie „Othello“ letal endet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2010)

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