Kritik

Tobias Moretti hat für das Akademietheater eifrig geübt

Der Belgier Luk Perceval inszeniert statisch und kühl „Rosa oder Die barmherzige Erde“ nach Dimitri Verhulst und William Shakespeare. Protagonist Désiré ersehnt nichts mehr, sondern flieht vor dem Leben ins Pflegeheim.

Rosa ODER Die barmherzige Erde | nach Dimitri Verhulst und William Shakespeare | Urauffuehrung im Akademietheater
Rosa ODER Die barmherzige Erde | nach Dimitri Verhulst und William Shakespeare | Urauffuehrung im Akademietheater
Tobias Moretti beeindruckt als dementer Alter inmitten greisenhafter Statisten in „Rosa oder Die barmherzige Erde“ im Akademietheater. – Burgtheater/Reinhard Maximilian Werner

Beim Blick auf jederzeit volle Wartezimmer könnte dem Beobachter der Gedanke kommen, dass mancher sich gern in einen bedürftigen Patienten verwandelt. Entsprechend gestresst ist das medizinische Personal. Der Bibliothekar Désiré beschließt nach einem verfehlten Leben mit liebloser Frau und abwesenden Kindern, ins Pflegeheim zu flüchten. Dort trifft er seine frühe, einzige Liebe, mit der er lediglich ein paar platonische Minuten bei einem Tanzabend im Freien verbracht hat. Als Gespenst sieht er sie wieder, aber auch diesmal ist sie bald fort: Désiré und seine Rosa.

„Rosa, Rosa pimpinellifolia. Rosa majalis. Rosa rubignosa. Rosa leonis. Rosa alpina. Rosa tomentella . . .!“, ruft der Protagonist von Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ zu Beginn der Uraufführung, die seit Samstagabend im Akademietheater zu erleben ist: „Rosa oder Die barmherzige Erde“ verbindet Verhulst mit Shakespeare. Luk Perceval hat inszeniert. Tobias Moretti, der zuletzt in Matthias Hartmanns Inszenierung Goethes Faust spielte, wäre ein weniger trauriges Thema für seine Rückkehr an die Burg zu wünschen gewesen. Der Filmstar hat sich den widerspenstigen Bücherwurm, der sich im Heim mühsam das nächtliche Kacken ins Bett angewöhnt, bis es endlich unwillkürlich passiert, engagiert anverwandelt: Ein großer Kontrast zu den sonstigen Kraftlackeln des Tiroler Strahlemanns.

Arno Geiger traf das Thema genauer

„Das Ensemble dankt den Bewohnern des Hauses der Barmherzigkeit Seeböckgasse“, für die Produktion wurde penibel recherchiert. Womöglich zu penibel. In einer Gesellschaft, in der Antifaltencremes schon Dreißigjährigen aufgedrängt werden, kann die Aussicht auf Verfall nur entsetzen. Hermann Hesse kann einpacken: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden / wohl an denn Herz, nimm Abschied und gesunde.“ Ruhig, Alter! Senioren marschieren entweder rüstig durch den Urwald und über den Golfplatz, oder sie werden abgeschoben.

Noch besser sie arbeiten möglichst lang, wie jüngst ein Politiker empfohlen hat. Die Alten mögen Geld haben, aber geachtet und geschätzt sind sie oft nicht. Mit Verlockungen des Alterns beschäftigt sich die Esoterik. Verhulsts grober und spekulativer Seller ist ein gutes Beispiel, wie man mit einem populären Angstthema Kasse macht. Anders Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“, ein authentisches und mitfühlendes Buch. Da teilt der Junge dem Alten mit, dass er 85 ist. „Was, ich? Du vielleicht!“, erwidert der Alte schelmisch. Perceval lockert Verhulsts finstere Perspektiven mit Poesie auf, aber es sind mehr Trümmer als Liebesbotschaften, die hier aufglimmen. Dafür fällt Mark van Denesse als versierter Lichtkünstler auf.

Eben noch wurden die rüstigen alten Damen, Statisten, im Foyer mit letzten Anweisungen versehen. Nun sitzen sie auf Katrin Bracks stählernem Halbrund im Kreise, die Greisinnen, und mimen Apathie. Hier ist alles sehr vorhersehbar: Doku-Theater.

Gertraud Jesserer als Moniek, Désirés fürchterliche Gattin, eine von diesen symbiotischen Amazonen, die den Mann mit der Peitsche in Schach halten, noch ein Klischee (Désiré ist im Buch immer der Gute), orgelt voll Burgtheater-Pathos. Mariia Shulga liegt als ewig junge Rosa unterm Leichentuch. Die Pfleger machen sich's so lustig wie möglich, notfalls auch mit dem eigenen Busen (Sylvie Rohrer als Hauptschwester). Marta Kizyma wäre eine wunderbare Julia und diese möchte sie, soweit man sehen kann, auch gern spielen. Stattdessen muss sie mit dem Pfleger (Daniel Jesch, auch der Benvolio) vorliebnehmen, dessen gute Figur und routinierte Flirtkünste nicht unbedingt leidenschaftliche Nächte erwarten lassen. In dieser Inszenierung, die von Entindividualisierung handelt und auf diese zielt, zeigt Kizyma jedenfalls Power und Charisma, selbst wenn sie unter Brettern halb verborgen ist.

Studienfutter in Sachen Alzheimer

Sabine Haupt liefert eine tolle Nummer als Tochter Désirés ab, die dessen Verfall nutzt, um Liebesqual und Wut auf die starre Mutter zu bekennen. Besonders entzückend ist Haupt, wenn sie am Schluss ihrer Tirade dem verwirrten Papa auf den Schoss hüpft. Stefan Wieland steht als Pastor und Pater meist am Bühnenrand: dürr, welk, voll gelassener Empathie und geistig gesund geblieben in seiner religiösen Enklave.

Die Kunst und das Alter sind ein beliebtes Thema. Leider muss hier schon wieder Pay-TV bemüht werden: Auf Amazon Prime läuft derzeit „Ewige Jugend“ von Paolo Sorrentino, der auch „La Grande Bellezza“, die Elegie eines Bonvivants, gedreht hat. In „Ewige Jugend“ steigen Michael Caine und Harvey Keitel im Wellnesshotel ab und begeben sich in die eisigen Katakomben letzter Wege und letzter Verweigerungen. „Rosa“ ist da eher der verlängerte Arm der Naturwissenschaft, die zum Alter viel Richtiges, aber eben nicht alles zu sagen hat.

Trotzdem: Morettis Hingabe an die Rolle nötigt Respekt ab. In dieser Übung für den Ernstfall des Publikumslieblings, der 2019 seinen Sechziger feiert, sitzt jede Nuance, ob er auf dem Halbrund balanciert, abrutscht, sich wieder fängt, ob er die Anstaltskleidung gegen den Anzug tauscht und nicht weiß, was er mit seinem Gemächt machen soll, ob er vor sich hin starrt oder auf diese Art von Alten brüllt, bei der man nie weiß, wehren sie sich gegen Zumutungen des Daseins, oder sind sie schon hinüber? Am Schluss öffnet Moretti das Wunderkästchen des Schauspielers, wenn Désiré die hilflosen Kurzdialoge der Mitmenschen über Tote „in Zungen“ redet. Alles in allem aber: Mehr kunstfertig als ergreifend. Das Theater sollte zu Sinn und Sinnlichkeit zurückkehren, es jagt manchmal zu sehr dem Naheliegenden hinterher.


[OA5OZ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2018)

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