Talent liegt in der Familie

Nicht selten werden Künstlerkinder selber Künstler. Schauspielereltern sind nicht immer erfreut, lernen aber auch vom Nachwuchs.

(c) die Presse (Carolina Frank)

Die Theaterkantine war so etwas wie das gemeinsame Wohnzimmer, erinnert sich Jacob Suske. „Für leidenschaftliche Väter ist Schauspieler gar kein schlechter Beruf“, sagt sein Vater Stefan. Vormittags hat man Proben, nachmittags frei. Als Kind lernte Jacob die Theaterwelt vor und hinter den Kulissen kennen, sah Vorstellungen, bevor er ein Wort davon verstehen konnte, und schämte sich in Grund und Boden, wenn bei der Backstage-Führung mit der Schule der Vater in einem „fürchterlichen“ Kostüm auftauchte. Als Jacob geboren wurde, war Stefan noch in der Schauspielschule, das Theater führte die Familie von der Steiermark nach Deutschland, in die Schweiz, dann trennten sich die Wege – bis 2015, als beide in Wien landeten: der Vater am Volkstheater, der Sohn am Schauspielhaus. 

Bühnenlust. Theatermusiker Jacob Suske verbrachte wegen des Schauspielberufs seines Vaters Stefan viel Zeit hinter der Bühne.
Bühnenlust. Theatermusiker Jacob Suske verbrachte wegen des Schauspielberufs seines Vaters Stefan viel Zeit hinter der Bühne.
Bühnenlust. Theatermusiker Jacob Suske verbrachte wegen des Schauspielberufs seines Vaters Stefan viel Zeit hinter der Bühne. – (c) die Presse (Carolina Frank)
In den Theaterkosmos geriet Jacob über Umwege: Er studierte Jazz, spielte in Popbands, als Theatermusiker hat er mittlerweile über 70 Produktionen begleitet. „Ich habe meine Bühnenlust über die Musik entdeckt“, sagt Jacob. „Es geht ums Performen, darum, die eigenen Grenzen auszuloten. Ich weiß nie, was passieren wird. Diese Überforderung ist, was mich auf die Bühne bringt.“ Sein Vater hat einen ganz anderen Zugang zum Bühnenberuf, für ihn steht die Ausei­nandersetzung mit Texten im Vordergrund. „Ich bin eher ein Denkspieler als ein Schauspieler.“ Heute sind die beiden Nachbarn, Jacob ist selbst Papa – so nannte er seinen Vater übrigens nie –, ihre Beziehung ist seit jeher freundschaftlich. Das Wichtigste, das Stefan seinem Sohn mitgeben wollte? „Seinen eigenen Weg zu gehen.“ Umgekehrt würde er auch gern eines von Jacob lernen: das Improvisieren auf der Bühne. „Das ist beneidenswert. Das würde ich auch gern können.“

 

Aus seinem ersten Spielfilm hat der Psychiater und Filmemacher Houchang Allahyari seinen Sohn Tom-Dariusch noch rausgeschnitten. Der versteht’s: „Ich sollte einen italienischen Straßenjungen spielen. Ich war einfach nicht glaubwürdig.“ Die Zusammenarbeit von Vater und Sohn nahm aber kein Ende – und heute sind die Allahyaris ein eingespieltes Regieteam. Zuletzt erschienen mit „Rote Rüben in Teheran“ und „Die Liebenden von Balutschistan“ zwei Filme über die gemeinsamen Reisen in den Iran, die Heimat des Vaters; heuer wartet das Projekt „Der Gast“ mit Erni Mangold und Ballerina Karina Sarkissova in ihrer ersten Kinorolle auf seinen Festival- und Leinwandstart. Daneben schaukeln die beiden stets drei bis vier Filmprojekte gleichzeitig.

Zweigespann. Houchang Allahyari macht gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Filme. Sie ­treten beruflich als Einheit auf.
Zweigespann. Houchang Allahyari macht gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Filme. Sie ­treten beruflich als Einheit auf.
Zweigespann. Houchang Allahyari macht gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Filme. Sie ­treten beruflich als Einheit auf. – (c) die Presse (Carolina Frank)
Die Routine hilft, dabei den (Familien-)Frieden zu bewahren: „Wir wissen, wie wir unsere Konflikte so austragen, dass wir am nächsten Tag wieder miteinander arbeiten können.“ Am Set präsentieren sie sich als Einheit, diskutiert wird vorher schon. „Am Anfang war ich sehr dominant, jetzt ist er es“, sagt Vater Houchang, der seine insgesamt vier Kinder schon in seine ersten Kurzfilme einbaute: „Man entkommt in dieser Familie nicht der Kamera.“ Ohne diese kennt Tom-Dariusch seinen Vater übrigens kaum. Im Kindergarten sollte er seine Familie zeichnen, das Gerät in Papas Hand wurde von den Pädagogen fälschlicherweise für eine Maschinenpistole gehalten: „Ich musste erklären, dass mein iranischer Vater eine Kamera in der Hand hält!“­­

 

Regina Fritsch war ganz weg, als sie ihre Tochter Alina das erste Mal tanzen sah: „Ich dachte, ich sehe nicht richtig“, erinnert sich die Burgschauspielerin. „Ballett, Jazzdance, Hip-Hop, beim Tanzen ist nicht die Frage, ob so oder so. Alles ist ganz klar und man ist komplett frei“, erzählt Alina. Seit 2014/15 ist sie am Burgtheater engagiert. Dass sie diesen Beruf wählte, war der Mutter ein Dorn im Auge. Alina: „Ich habe heimlich Schauspielunterricht genommen. Es war ein harter Weg und ein sehr großer Streit. Aber bei Sachen, die mir wichtig sind, fährt die Eisenbahn drüber. Das kann mir niemand ausreden.“ 

Tortenschlacht. Regina und Alina Fritsch spielen beide an der Burg. Nur beim Thema Kuchenglasur ­differieren ihre Ansichten.
Tortenschlacht. Regina und Alina Fritsch spielen beide an der Burg. Nur beim Thema Kuchenglasur ­differieren ihre Ansichten.
Tortenschlacht. Regina und Alina Fritsch spielen beide an der Burg. Nur beim Thema Kuchenglasur ­differieren ihre Ansichten. – (c) die Presse (Carolina Frank)
Heute ist die Mama „stolz“, die beiden sind „ein Herz und eine Seele“, betonen sie. Sie geben einander Feedback, und manchmal sagt Alina ihrer Mutter sogar den Text ein. Was unterscheidet die beiden? „Die Haarfarbe“, sagt Regina Fritsch. „Icing“, ergänzt Alina. Die dicke Glasur auf Muffins, die Alina in der amerikanischen Schule kennengelernt hat, ist Regina ein Graus: „Ich backe wahnsinnig gern, Kuchen, Strudel, Torte.“ Die Kinder – Alinas Schwester Valetta will Krankenschwester werden – kommen lieber zum Essen als zu kochen. Regina Fritsch träumt manchmal von der Hängematte: „Wenn der Druck weg ist, den man sich ja oft selber macht, möchte ich einmal 24 Stunden im Bett liegen und lesen.“ Reginas Erziehung war „stark leistungsorientiert“. Ihre Töchter wollte sie nicht antreiben. „Den Perfektionstrieb habe ich mir selber anerzogen“, betont Alina.

 

Seit seinem neunten Lebensjahr steht Simon Morzé, Sohn von Burgschauspielerin Petra Morzé, vor der Kamera. Bis 23. April ist er noch in Kleists „Familie Schroffenstein“ in der Wiener Off-Bühne Bronski & Grünberg zu sehen. Von Kindheit an hat Simon eigenes Geld verdient, und die Mama hat seine Karriere unterstützt. Noch heuer kommt „Der Trafikant“ ins Kino, Simon spielt den jungen Franz Huchel, der Sigmund Freud trifft. „Für mich ist gerade das wichtigste Thema das Reisen. Ich war sechs Wochen in Vietnam, sechs Wochen in Nepal, ich fahre zwei Wochen nach Marokko und möchte dieses Jahr noch nach Japan. Das Reisen, so habe ich das Gefühl, hilft mir am meisten für die Zukunft“, berichtet Simon Morzé, und er reist auch gern allein.

Temperamentvoll. Burgschauspielerin Petra Morzé wünscht ihrem Sohn Simon, ebenfalls Schauspieler: „Dass er findet, was er sucht.“
Temperamentvoll. Burgschauspielerin Petra Morzé wünscht ihrem Sohn Simon, ebenfalls Schauspieler: „Dass er findet, was er sucht.“
Temperamentvoll. Burgschauspielerin Petra Morzé wünscht ihrem Sohn Simon, ebenfalls Schauspieler: „Dass er findet, was er sucht.“ – (c) die Presse (Carolina Frank)
Was hat er mit seiner Mutter gemeinsam? „Das Temperament,“ sagen beide. „Wir hatten nicht immer eine leichte Beziehung. Wir sind oft aneinandergeraten. Seit ich ausgezogen bin, ist vieles besser geworden“, berichtet Simon: „Das waren Sachen wie ungewaschene Socken, die das Fass oft zum Überlaufen gebracht haben. Meine Mutter kann sehr zornig werden. Damit muss man umgehen.“ Wie hat sich Erziehung verändert? Petra Morzé: „Früher war keine Liebe da, jedenfalls wurde sie anders gezeigt. Ich liebe meine beiden Kinder, sie sind das Schwierigste und das Schönste in meinem Leben. Wie das so ist mit der Liebe.“ Was wünscht sie ihrem Sohn? „Dass er findet, was er sucht. Dass er sein Leben lang tun kann, was mit ihm ursächlich zu tun hat. Das ist ein Privileg.“

("Die Presse", Kulturmagazin, 13.04.2018)

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