Salzburger Festspiele: Fulminantes Theater aus der Sprache

Johan Simons inszeniert Kleists „Penthesilea“ mit nur zwei Personen: Sandra Hüller und Jens Harzer. Die Aufführung ist etwas strapaziös, aber atemberaubend.

Jens Harzer gibt den Achill, Sandra Hüller ist als Penthesilea zu sehen.
Jens Harzer gibt den Achill, Sandra Hüller ist als Penthesilea zu sehen.
Jens Harzer gibt den Achill, Sandra Hüller ist als Penthesilea zu sehen. – © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Zwei Körper im Dunkeln und ein schabendes Geräusch: Penthesilea und Achill im Fitnessstudio? Dort beginnt heute der Kampf der Geschlechter, oder im Büro. In Maren Ades preisgekröntem Film „Toni Erdmann“ ist eine Karrierefrau zu erleben, die einen Mann demütigenden sexuellen Ritualen unterwirft, wie das gelegentlich auch Karrieremänner tun, mit Frauen. Sandra Hüller spielt Ines, die Tochter eines pensionierten Musiklehrers (hinreißend: Peter Simonischek), der sich verkleidet, um die Aufmerksamkeit seines lang verlorenen Kindes zu gewinnen. Als Altachtundsechziger-Streifen wurde „Toni Erdmann“ rezipiert, eigentlich ein Irrtum. Es geht um die mitunter brutale Einführung des Kapitalismus in neuen EU-Ländern wie Rumänien und eben um eine Frau, die sich ein im Beruf als männlich geltendes Rezept zueigen gemacht hat: Nach oben schauen und nach unten treten.

In Kleists „Penthesilea“ geht es nicht um Karrieren, bzw. die zwei Athleten, die hier auftreten, haben schon Karriere gemacht. Penthesilea (Sandra Hüller), Königin der Amazonen, verliebt sich in den griechischen Helden Achill (Jens Harzer). In diesen Text ist Kleists Faszination und Abscheu vor dem Krieg eingeflossen, seine Verzweiflung als Dichter, Philosoph, Anhänger der Naturwissenschaft und Außenseiter der Gesellschaft - und seine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung.

Für die letztgenannten zwei Trophäen gehen wir durchs Feuer, wie die US-Philosophin Martha Nussbaum am Sonntag bei einem Vortrag im Salzburger Stefan-Zweig-Zentrum auf dem Mönchsberg erläuterte: „Angst und Wut, Gift für die Demokratie“, hieß die Rede. Und Nussbaum hatte ein sehr amerikanisches, also optimistisches Rezept parat: „Menschen brauchen Hoffnung, den Glauben an Gerechtigkeit und eine gesunde soziale Organisation!“ Dann verzichten sie auf Fremdenhass und andere zerstörerische Impulse. Die Message kommt natürlich nicht aus Donald Trumps USA, sondern von den Demokraten, aber, wer weiß?

Dauer-Talk auf schwarzer Szene

Eben: Wer weiß. Zum Beispiel was es für einen Sinn hat, die furchtbar schwierige „Penthesilea“-Tragödie - Goethe reagierte mit Abscheu vor dem monströsen Weib und spielte das Stück nicht in seinem Weimarer Hoftheater - auf zwei Personen zu reduzieren. Oder wieso die beiden über zwei Stunde im Dauer-Talk auf einer schwarzen Bühne verbringen müssen, ohne Pause. Wieder ein Fall von Schauspieler-Quälerei?

Nun, Regisseur Johan Simons hat ein klares Konzept für das Trauerspiel: Penthesilea und Achill zelebrieren ein Ehedrama von heute. Kleists Text, das ist das Erstaunliche, passt prächtig dazu. Allerdings werden an diesem Abend alle die mehr oder weniger herzigen Soaps, mit denen Streaming-Sender ihr Publikum belehren und erfreuen - erst ein kleiner Streit, dann eine große Versöhnung - abserviert. Beziehung, lehrt Simons Inszenierung, ist härteste Knochenarbeit und mancher geht drauf dabei. Penthesilea zieht an der Spitze ihres Amazonenheeres den Griechen entgegen, damit die Amazonen nicht aussterben, brauchen sie Männer, die besten werden sie sich aussuchen, mit ihnen schlafen und sie anschließend zurückschicken. Persönliche Beziehungen sind nicht erlaubt, was mit der schrecklichen Geschichte der heldischen Frauen zu tun hat, deren Volk einst von Männern (den angeblich sanften Äthiopiern) überrannt wurde.

Achill wiederum soll mit dem griechischen Heer Troja erobern, er hat aber keine Lust. Nachdem Penthesilea und Achill einander erblickt haben, sind sie wie hypnotisiert und vergessen alles andere. Das können ihre Völker natürlich nicht akzeptieren. Simons scheint Kleist besser zu kennen als dieser sich selber. Aus dem Wortgebirge, das sich leichter verfilmen als sprechen lässt, formt er ein Liebesdrama, dessen Akteure von einer tödlichen Verklammerung zur anderen taumeln. Dabei sind sie manchmal auch komisch, wenn sie triumphieren, gleich darauf verlieren, wenn sie sich gegenseitig die Füße liebkosen, die berühmte erogene Zonen sind. Penthesilea und Achill erleben, was viele Paare kennen, man naht sich zufällig, beginnt zu plaudern, Faszination stellt sich ein, man nähert sich einander an. Doch dann kommt die knifflige Frage: Zu dir oder zu mir? Bei einem One-Night-Stand mag das egal sein, aber wenn jeder der beiden Partner ein Königreich hat (oder einen lukrativen und spannenden Job), wird es mühsam.

Penthesilea kämpft bis zum letzten Atemzug

Achill verwandelt sich immer mehr zum Softie, doch er unterschätzt den Furor der Penthesilea, die sich in eine Furie verwandelt und ihn buchstäblich in Stücke reißt - wie manche Ehefrau ihren Ehemann, nachdem sie jahrelang versucht hat, sich anzupassen oder alles zu ertragen. Die alten Griechen, wusste Philosophin Nussbaum zu berichten, projizierten das Abgründige auf die Frau, die am Ende der Atriden-Saga verwandelt wird: Aus den schaurigen Rachegöttern, den Erinnyen, die ihre Opfer zu immer neuen Morden (Blutrache) anstacheln, werden die sanftmütigen Eumeniden, Bürgerinnen des neuen Athen. Ein Nebeneffekt ist, dass sich die Athenerinnen den Athenern unterordnen.

Das bleibt hier aus. Penthesilea verweigert Ritter Achill, der sie in seine Burg schleppen will, die Gefolgschaft. Sandra Hüller passt nicht ins Bild der überhöhten Heldin aus einem Fantasyreich, zart und durchtrainiert steht sie da, manchmal zwitschert sie, aber in dieser Frau steckt eben, siehe „Toni Erdmann“ die eiserne Karrierelady von heute. Auch Jens Harzer ist das Gegenteil eines strammen Muskelprotzes. Aber die zwei Schauspieler vollführen dadurch eben nicht die Annäherung von gottähnlichen Mythen-Gestalten, sondern den Clash of Civilisations, den es ja nicht nur auf der Welt, sondern auch in Beziehungen gibt. In dem Moment, wo die zwei nicht mehr verzaubert sind, sondern zu reden anfangen, sich miteinander abstimmen müssen, wird die Begeisterung sofort gedämpft. Der Gedanke findet sich in den vielen klugen Aufsätzen im Programmheft - und er stimmt. Reden schafft erotische Spannung, aber dass man einander im Rausch der Rhetorik auch besser versteht, ist nicht ausgemacht.

Kleists schwerer Text wurde souverän einstudiert

Hüller und Harzer sind wunderbar, allein wie sie technisch den Text bewältigen, ist atemberaubend. Das ganze Konzept ist interessant, hier wird nicht auf oberflächliche Weise einem Klassiker Aktualität aufgepappt und diese womöglich mit Videos illustriert, sondern hier ergibt sich alles aus dem Stück, aus Bewegungen, die sparsam, treffend und ja eben auch filmisch sind. Kleists Sprache wirkt nicht bombastisch, sondern klar. Ein schöner Abend bei den Salzburger Festspielen, der allerdings auf manche durch seine Wortlastigkeit strapaziös wirken dürfte. Und jedenfalls ist es ein Vorteil, vorher das Reclam-Heft zu studieren.    

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