Eine kleine Theater-Sternstunde

Kritik Daniel Glattauers neueste Uraufführung begeistert rundum.

„Vier Stern Stunden“
„Vier Stern Stunden“
„Vier Stern Stunden“ – APA/RITA NEWMAN

„Sternstunden der Menschheit“, nannte Stefan Zweig seine Miniaturen über Glanz- bzw. Wendepunkte der politischen oder der privaten Geschichte, von Napoleon bis Goethe. Daniel Glattauer variiert den Begriff in „Vier Stern Stunden“ [sic!], seiner neuesten Uraufführung, seit Donnerstag in den Kammerspielen zu sehen, in Richtung Scheitern, Melancholie.

Eine Kulturjournalistin interviewt einen berühmten Dichter, der mit seiner jungen Freundin, einer Bloggerin, in einem heruntergekommenen Hotel abgestiegen ist. Das Mädel hat genug von dem mühseligen Egomanen, er will Romantik, sie will heißen Sex. Also wirft sie ein Auge auf den feschen, tollpatschigen Hotelier, der seinem Los als Erbe entfliehen will. Und dann ist da noch diese verdächtige vollverschleierte Dame . . .

Der ehemalige Journalist Daniel Glattauer hat als Autor viel Erfolg, alles scheint ihm zu gelingen, doch öfter ergreift er das Naheliegende, eine Lovestory im Internet („Gut gegen Nordwind“) oder Eheberatung: „Die Wunderübung“ ergab (auch dank Erwin Steinhauer) einen hoch amüsanten Film.

„Vier Stern Stunden“ allerdings ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil Glattauer äußerst treffend die schreibende Zunft aufs Korn nimmt. Dieses Stück zeigt die besten Seiten dieses Autors, sein Talent für schlagfertige und doch nicht routiniert schnurrende Dialoge, sein Einfühlungsvermögen in den Zeitgeist – und es ist nicht gefällig wie anderes, was er schrieb.

 

Der Autor, ein köstliches Ekel

„Vier Stern Stunden“ weckt allerlei Assoziationen, nicht nur an Stefan Zweig, auch an „Zur schönen Aussicht“, wiewohl es menschlicher zugeht als in Horváths Drama.

Ferner erinnert das Stück an Daniel Kehlmanns „Ruhm“, an jene Episode, in der ein genervter Schriftsteller auf die ständige Frage, wie ihm seine Einfälle kommen, antwortet: „In der Badewanne.“ Ja, der Weg vom Nobody zum bewunderten und belästigten Star ist oft kurz – wie der Sprung von der Freude am Erfolg zu Überdruss, Ermattung. Glattauer enthüllt aber auch ein zentrales Motiv des Erzählers: Er erfindet etwas, was mit der Realität gar nichts zu tun hat, weil diese oft unerträglich ist. Und er genießt seine Macht als Demiurg, als Weltbaumeister.

Michael Kreihsl hat diesmal mit viel Gespür für die richtige Tonmischung inszeniert – in einem an Christoph Marthaler erinnernden Ambiente (Bühne: Ece Anisoglu, Kostüme: Birgit Hutter!). Das Ensemble ist großartig: August Zirner hat sich offenbar sämtliche schriftstellerischen Ekelpakete zu Gemüte geführt, um die grantige Berühmtheit Frederic Trömerbusch zu gestalten, Susa Meyer bezaubert als Journalistin, eine träumerische Frau und eine Traumfrau, Martina Ebm ist goldrichtig besetzt als kecke Bloggerin Lisa und Dominic Oley bietet als Hotelier seine eigene Comedyshow.

Die Prognose, dass „Vier Stern Stunden“ viele Herzen wärmen, seinen Weg nach Deutschland finden und bald verfilmt werden wird, ist nicht allzu gewagt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2018)

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