Das alte BURGTHEATER-DEUTSCH würde heute keiner mehr aushalten

Bühnensprache. Das Pathos war der darstellenden Kunst in die Wiege gelegt. Feierliche Ergriffenheit hat sicherlich ihren Sinn, aber auch das natürliche Sprechen bringt Vorteile.

Klaus Maria Brandauer, den man heute als Repräsentanten einer schönen, alten Burgtheater-Sprachmelodie ansehen könnte, wurde übrigens in Bad Aussee geboren.
Klaus Maria Brandauer, den man heute als Repräsentanten einer schönen, alten Burgtheater-Sprachmelodie ansehen könnte, wurde übrigens in Bad Aussee geboren.
Klaus Maria Brandauer, den man heute als Repräsentanten einer schönen, alten Burgtheater-Sprachmelodie ansehen könnte, wurde übrigens in Bad Aussee geboren. – APA

Das sogenannte Burgtheater-Deutsch, für viele verbunden mit der österreichisch-ungarischen Monarchie, die vor genau 100 Jahren untergegangen ist, hat einen edlen Ruf und gilt heute als ausgestorben. Was Christa Ludwig oder Elisabeth Schwarzkopf für die Melomanen der alten Schule sind, sind Alma Seidler, Albin Skoda oder Oskar Werner für die Theaterfans gewesen. Doch das Burgtheater-Deutsch, das Klassiker in Arien verwandelte, hatte auch einen Nachteil: das Pathos.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es verpönt, weil es als Teil der nationalsozialistischen (und übrigens auch der kommunistischen) Inszenierung angesehen wurde. Grausame Diktaturen bemächtigten sich eines essenziellen Elementes von Kunst und Kirche. Es ist gut, sich immer wieder daran zu erinnern.

Spätestens mit Direktor Claus Peymann zog in den 1980er-Jahren der bundesdeutsche Ton am Burgtheater ein und beflügelte den Zorn der Gegner dieses Theatermachers – durchaus zu Recht. Ein Heiligtum war in Gefahr. Es wurde umgeworfen. Sprache, runter vom Podest, hieß es. Shakespeare schrieb für Könige wie auch für Dockarbeiter.
Der Kulturkampf um die Burg ist weitgehend vorbei. Was geblieben ist: Das Bemühen um natürliche Sprache hat sich durchgesetzt. Anton Tschechow pathetisch? Das ist schwer vorstellbar. In vielen Aufführungen wird aber auch nur mehr gebrüllt.

 

Bis heute klagen viele: Zu leise!

Im 1888 eröffneten Prestigebau Burgtheater hatte das Pathos noch einmal einen speziellen Grund: Der Raum ist sehr groß. Mit guter Sprechtechnik war und ist er mit Leben zu erfüllen, aber bis heute klagen viele: zu leise! Und Schauspieler, die zwischen Bühne, Film und Fernsehen hin- und herwechseln, beherrschen auch oft nicht mehr die Bühnensprache, die ständig trainiert sein will.

Das Burgtheater-Deutsch ist nun schon seit Langem die Sprache der Bundesrepublik Deutschland, kein Dialekt, eine Art Hochsprache. Auch Österreicher passen sich an, das Publikum merkt es oft gar nicht mehr. Außer man hört alte Platten: Albin Skoda liest Josef Weinheber („Wien wörtlich“ im Burgtheater-Wienerisch, das gibt's), Alma Seidler spricht Peter Altenberg oder Paula Wessely in „Weihnachtseinkäufe“ aus Arthur Schnitzlers „Anatol“. Allein wie Robert Lindner als Anatol „Gnädige Frau?“ sagt, da liegt doch alle Musik drin.

 

Ein manierierter, näselnder Ton

Die genannten Beispiele sind wundervolle Klassiker, aber sie stammen aus einem Sprachmuseum – und es ist mehr als fraglich, ob jene Zuschauer, die den Verlust des Burgtheater-Deutsch bitter beklagen, diesen manierierten, näselnden Ton oder das Pathos heute tatsächlich noch ertragen könnten. Womöglich ist die Moderne wie über vieles auch darüber hinweggerast.

Als wahre Enzyklopädie österreichischer Sprachfärbungen und des österreichischen Wesens bleiben immerhin „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Einige der verehrten Galionsfiguren des alten Burgtheater-Deutsch waren übrigens nicht aus Wien: Ewald Balser stammte aus Wuppertal, Werner Krauss aus einem Dorf bei Coburg, Annemarie Düringer war Schweizerin – und Klaus Maria Brandauer, den man heute als Repräsentanten einer schönen, alten Burgtheater-Sprachmelodie ansehen könnte, wurde in Bad Aussee geboren.

Einige Ältere frönen am Burgtheater inzwischen wieder einer leicht modernisierten Form des Pathos: Die verstorbenen Mimen-Granden Gert Voss und Ignaz Kirchner taten es. Kirsten Dene oder Martin Schwab beherrschen einen hohen Ton. Junge Regisseure und Regisseurinnen lauschen ihnen gern. Und Dichter benutzen ihn: Auch in Werken von Werner Schwab, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek steckt ja eine Form von Pathos.

Ein Hohes Haus der Sprechkunst

Das Burgtheater befand sich ursprünglich (1748) als k. k. Theater tatsächlich „nächst der Burg“ am Michaelerplatz. 1888 wurde ein neues Haus eröffnet, am heutigen Universitätsring – er hieß damals noch Franzensring. Bis 1918 war es das k. k. Hof-Burgtheater. „Die Burg“, wie diese Institution in Wien genannt wird, zählt zu den bedeutendsten Bühnen Europas. Nach der Comédie-Française ist es das zweitälteste europäische Sprechtheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Das alte BURGTHEATER-DEUTSCH würde heute keiner mehr aushalten

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.