Don Karlos und seine kühle Diana

Die Polin Barbara Wysocka inszeniert Schillers Stück im Volkstheater zügig zugespitzt auf die Verwüstungen der Macht – und bietet dabei so viel, dass man rasch in Kauf nimmt, was vom Reichtum des Originals hier verloren geht.

Kaum richtet er sich auf, dieser Don Karlos (Lukas Watzl). Über ihm hier Marquis von Posa (Sebastian Klein), daneben Königin Elisabeth (Evi Kehrstephan).
Kaum richtet er sich auf, dieser Don Karlos (Lukas Watzl). Über ihm hier Marquis von Posa (Sebastian Klein), daneben Königin Elisabeth (Evi Kehrstephan).
Kaum richtet er sich auf, dieser Don Karlos (Lukas Watzl). Über ihm hier Marquis von Posa (Sebastian Klein), daneben Königin Elisabeth (Evi Kehrstephan). – (c) APA/HANS KLAUS TECHT /Volkstheater

Die schönen Tage in Aranjuez sind zu Ende.“ Dieser berühmte erste Satz ist am Volkstheater nicht zu hören, er steht nur da, in riesigen Lettern. Einzelne weitere werden folgen, stellvertretend für viele. Vieles nämlich ist ausgelassen in der dahinrasenden Fassung von Schillers „Don Karlos“, die die Polin Barbara Wysocka am Volkstheater inszeniert hat. Sehr direkt treibt sie die Dialoge in medias res – und das ist in ihrer Deutung die Politik. Konsequent spitzt sie das Drama zu auf die verwüstende Wirkung der Macht, auf die Machtlosen und im Mächtigen selbst. In einer kargen Szenerie, in der es keine Schlupfwinkel gibt, spielen die Kostüme auf unterschiedlichste zeitgenössische und zeitgeschichtliche Machthaber an; der (wie üblich von der Regie kognitiv unterschätzte) Zuschauer kann es sich aussuchen. Bei Königin Elisabeth kann man an Kate oder Diana denken, bei Philipp an einen Wirtschaftsboss, bei Alba an Stalin und Genossen; bei Bildern einer lauschenden Männermasse vielleicht an die Nazizeit.

Dieser Philipp geht unter die Haut. Gespart wird dafür an privaten Beziehungen (es fehlt auch die Zeit), an der Liebe zwischen Karlos und Elisabeth und am Vater-Sohn-Drama: Karlos' Verhältnis zu Philipp, der im Sohn den Feind fürchtet und ein Blutbad im rebellischen Flandern plant, bleibt skizzenhaft, trotz starker Vater-Sohn-Szenen.

Das nimmt freilich auch Lukas Watzl als Don Karlos viele Facetten. Er hetzt wie im Fieber durchs ganze Stück, mit feuchten Haaren, raushängendem Hemd, richtet sich nicht einmal nach Posas großer Strafpredigt richtig auf.

Philipp II. aber – er geht unter die Haut. Günter Franzmeier wechselt grandios zwischen lässigem Oberboss und waidwundem Tier. Niemand hindert ihn daran, sich gehen zu lassen, Menschen anzubrüllen, sie von sich zu stoßen, wie es ihm passt; und doch ist dieser Philipp nicht der eigentliche Spieler im ausgespannten Intrigennetz. Getroffen am einzigen Punkt, an dem er sich sterblich fühlt – seine Liebe zu Elisabeth –, löst er sich auf, sieht immer mehr aus wie sein Sohn Karlos. Er ist der Einzige, der einem hier nahegeht – und vielleicht noch Jan Thümer als wesentliche Nebenfigur Graf von Lerma: Auch der geht mit seinem unerschütterlichen Anstand im Intrigenspiel verloren. Am Ende betrinkt er sich.

Nur ein tiefschwarzes Wesen verliert nie die Contenance: Herzog Alba, hier gespielt von einer Frau, der geschlechtslos hergerichteten Steffi Krautz: Macht hat kein Geschlecht. Ihre schaurige Ungerührtheit lässt nicht einmal Zorn aufkommen, so unmenschlich wirkt sie. Albas Komplizen hingegen, dem kriecherischen Kirchenmann Domingo, will man bald eine Ohrfeige verpassen (was für die Darstellungskunst von Stefan Suske spricht).

Elisabeth ist nur genervt. Stark eingeschränkt, aber anregend untypisch angelegt ist Elisabeth de Valois (Evi Kehrstephan). Sie wirkt dauergenervt und nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Aber ihr Aufbegehren findet räumlich in kleinstem Radius statt, kaum größer als ihr starres Damenkostüm: ein aussagestarker Kontrast. Wie ein Fremdkörper wirkt ihre Loyalität zu Philipp freilich im modernen Figurenkonzept; wäre diese Treue nicht zentral für die Handlung, hätte die Regie sie wohl ebenso entsorgt wie Schillers Passagen über sich aufopfernde moralische Übermenschen. Isabella Knöll spielt Prinzessin Eboli als simple Trutschn, als Spielball der Männermacht. Was die Liebeskränkung mit dieser Frau anrichtet, interessiert hier nicht.

Nur eine Figur wirkt fast bruchlos heutig: Sebastian Klein als Marquis von Posa im lockeren Alltagsgewand lässt Schillers Text erstaunlich natürlich wirken – und überzeugt das Publikum wie mühelos von seiner inneren Freiheit und Konsequenz. Das tut auch dieser „Don Karlos“, aufgeführt in einer Nachwelt, die nicht so sanft ausfällt, wie Posa erwartete. Gerade davon erzählt Wysocka so packend, dass man darüber glatt vergessen kann, was sie vom Reichtum des Originals preisgibt.

 

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